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Kasachen im Kino: Bei "Borat" hört der Spaß auf

Ganz Deutschland lacht über "Borat". Nur Kasachen verstehen den Spaß des Möchtegern-Landsmanns nicht. Anna Reimann sah mit kasachischen Gaststudenten die Satire - ein Kino-Besuch, der zur Tortur wurde.

Hamburg - Johlen in Kino 6 im Cinemaxx am Hamburger Bahnhof Dammtor. Menschen jeden Alters kichern sich warm, brüllen bald vor Lachen, eine Frau schnappt nach Luft. Nur in Reihe G, Platz neun bis elf, herrscht Schockstarre. Drei kasachische Studenten und Doktoranden aus Hamburg sitzen mit geradem Rücken auf den Kinosesseln und sehen ungläubig zu, wie Film-Reporter Borat ihr Heimatland zerlegt.

Es ist Donnerstagnachmittag, der Tag der Deutschlandpremiere des Kino-Krachers mit dem verzwickten Titel "Borat - Kulturelle Lernung von Amerika um Benefiz für glorreiche Nation von Kasachstan zu machen". Während das deutsche Feuilleton und alle, die "Borat" schon gesehen haben, in ungewohnter Eintracht über die Satire jubeln, leisten die Kasachen Gulsum, Dauren und Perisat Widerstand. Ihre Mission: die Ehre ihres Landes zu verteidigen. "Wir sind verletzt, aber wenn wir das aussprechen, klingt es immer so, als müssten wir uns rechtfertigen", sagt die 24-jährige Perisat, BWL-Studentin in Hamburg.

Die Demontage ihrer Heimat beginnt schon in Minute eins. Die kasachische Nationalflagge füllt die Leinwand, darunter steht: "Das kasachstanische Informationsministerium präsentiert." Ein Schnitt - dann stellt Reporter Borat alias Sacha Baron Cohen den Zuschauern sein Heimatdorf vor: seine Frau Oksana ("Wenn du mich betrügst, schneid ich dir den Schwanz ab"), seine Schwester, die den Pokal für die "viertbeste Prostituierte des Landes" in der Hand hält, "den Dorfvergewaltiger". Holzhütten statt Häuser säumen die vermüllten Sandwege. Es ist Borats Abschied - er bricht in die "US und A" auf, um dort den Menschen die "kasachische" Kultur näher zu bringen. Bald darauf sitzt er in einer Gesprächsrunde mit amerikanischen Feministinnen und debattiert über die Größe eines Frauenhirns.

"Natürlich liebe ich unseren Präsidenten"

Erst ein paar Minuten sind geschafft, aber die kasachische Studentin Perisat kann schon jetzt nicht mehr hinsehen. Sie hat die Hände vors Gesicht geschlagen. Auf der Leinwand wäscht sich Borat gerade das Gesicht in einer Kloschüssel. Sie war zwar vorgewarnt: Ausschnitte aus "Borat" kannte sie längst. Der Botschafter Kasachstans in London hatte den fiktiv-kasachischen Filmreporter Borat beschimpft, er sei ein "Schwein von einem Mann". Dass Borat ihr an die Substanz gehen würde - Perisat hat es geahnt.

Aber dass "Borat" in voller Länge - auf Leinwand in Farbe - so schlimm werden würde, das hatte die BWL-Studentin nicht erwartet. Als Borat mit seinem übergewichtigen Begleiter um die Selbstbefriedigungsrechte an Pamela Anderson kämpft, als er amerikanischen Studenten erklärt, in "Kasachstan" seien "alle Frauen Sklaven", dreht sich Perisat kurz um. Guckt die Menschen an, die lachen. In diesen Momenten habe sie wirklich überlegt, ob sie aufstehen und was sagen soll, sagt sie hinterher. Und dass die kasachische Flagge zu sehen sei - "das ist Missbrauch unseres Nationalsymbols", so Perisat.

Sie lebt seit fünf Jahren in Deutschland - aber mit dem Herzen ist die 24-Jährige mit den langen schwarzen Haaren ganz Kasachin. Was sie von dem autoritären Regierungsstil ihres Präsidenten Nursultan Nasarbajew halte? "Natürlich liebe ich unseren Präsidenten", sagt sie. Lange habe sie mit sich gerungen, ob sie sich "Borat" überhaupt ansehen solle. Aber dann habe sie entschieden, wenn sie Kritik übe, müsse sie auch wissen, woran genau.

80 Minuten lang wie versteinert

Perisat atmet schwer aus - 80 Minuten Tortur sind vorbei. Die 28-jährige Doktorandin Gulsum hat in der ganzen Zeit keine Miene verzogen und sich den Film wie versteinert angesehen. "Mit 'Borat' wird die Würde Kasachstans verletzt. Die Grenzen des Humors sind überschritten", sagt sie. In Hamburg ist Gulsum seit zwei Jahren. Sie promoviert zum Thema "Stellungnahmen im politischen Diskurs" - in Deutschland und in Kasachstan.

Ihr Kampf gegen Sacha Baron Cohen hat schon vor einem Jahr begonnen. Im Dezember 2005 veröffentlichte sie in der in Kasachstan erscheinenden "Deutschen Allgemeinen Zeitung" eine Stellungnahme: "Es gibt genügend Gründe, warum wir auf den Komiker Sacha Baron Cohen sauer sein könnten", heißt es dort. Und weiter: "Was Kasachstan anbelangt, ist das Land auf der internationalen Bühne relativ neu und dem durchschnittlichen Europäer noch etwas fremd. Baron Cohen schürt Vorurteile gegen das neuntgrößte Land der Erde zu Lasten der nationalen Identität des kasachischen Volkes."

Aber führt die satirische Borat-Figur wirklich Kasachstan vor? Oder entlarvt sie eher die ganz "normalen" Rassisten, Sexisten und Antisemiten in den USA? Kann man nicht auch über das fiktive Land namens "Kasachstan" lachen, das Borat seine Heimat nennt - und weiß nicht jeder, dass man im wirklichen Kasachstan nicht mit seiner Schwester schlafen darf, sich nicht das Gesicht in der Kloschüssel wäscht?

"Ein Schwachsinnsfilm, aber geht rein"

Der 25-jährige Politikstudent Dauren glaubt: Nein. "Wissen Sie, unser Land ist ein sehr junges Land - und jetzt wird es durch solchen Unsinn bekannt. Dabei sind wir relativ reich und erleben einen wirtschaftlichen Aufstieg." Dauren studiert an der Bundeswehr-Universität in Hamburg. Er habe seinen deutschen Kommilitonen gesagt: "Es ist ein Schwachsinnsfilm, aber geht rein - ihr müsst es wissen." Wenn Dauren zwei Fragen an Sacha Baron Cohen stellen dürfte, würde er wissen wollen: "Warum haben Sie sich Kasachstan ausgesucht?" Und: "Wie können Sie es mit Ihrem Gewissen vereinbaren, Millionen damit zu verdienen, ein Land in den Dreck zu ziehen?"

Dass sich jemand nach "Borat" mal fragt, wie Kasachstan in Wirklichkeit ist, glaubt Perisat nicht. "Die Leute haben gelacht - von denen wird sich doch jetzt keiner näher mit Kasachstan beschäftigen." Fast nie habe sie jemanden getroffen, der die kasachische Hauptstadt kenne (sie heißt Astana) - und das, obwohl Kasachstan das neuntgrößte Land der Welt sei, sagt Perisat. "Was wäre hier wohl los, wenn 'Borat' statt Kasachstan ein arabisches Land so dargestellt hätte?", fragt sie. Ihr Blick ist ernst.

Nicht alles am echten Kasachstan sei perfekt. Und sie, die drei kasachischen Studenten in Hamburg, seien auch keine humorlosen Menschen, beteuert Perisat. Aber dass man seine Heimat liebe, sei doch normal. Gerade deswegen schmerze sie der Film. "In Spanien hat gerade jemand zu mir gesagt: Hey, du bist aus Kasachstan, Borat doch auch, oder?"

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