Kiff-Studium in Kalifornien: Die Hänflinge von Oaksterdam

Aus Oakland berichtet Klaus Werle

Seminare für Anbau, Pflege, Konsum: In Kalifornien hat sich eine Uni ganz dem Cannabis verschrieben. Für medizinische Zwecke ist Marihuana im Staat erlaubt, auf Bundesebene dagegen gar nicht. Die Hanf-Lobbyisten der Oaksterdam University kämpfen jetzt gegen ein Verbot - und um ein Milliardengeschäft.

Cannabis-Uni in Kalifornien: Milliardengeschäft im Golden State Fotos

Oakland - Behutsam, fast zärtlich schneidet der junge Mann die Setzlinge mit den charakteristischen spitzfingrigen Blättern zu. Ein Herr fortgeschrittenen Alters mit grauem Hippie-Bart schleppt Töpfe mit ausgewachsenen Cannabis-Bäumchen, die Kühlung surrt, und selbstverständlich riecht es eindringlich nach Gras hier im Pflanzenlabor der Oaksterdam University.

Dale Sky Jones, die Kanzlerin, nippt an ihrem Cafe Latte, der Laden gegenüber verkauft Duftkerzen, Pfeifen, Inhalatoren sowie Lollis und Muffins mit Hasch, draußen über dem Broadway in Oakland strahlt die Sonne. Ein Tag zum Träumen. Entspannung. Peace.

Nur dass Sky Jones, zierlich, rotblonde Haare, Typ All-American-Girl, jetzt nicht nach Träumen ist. Gerade ist sie von einer Demonstration in Kaliforniens Hauptstadt Sacramento zurückgekommen, wütend hacken ihre schlanken Finger wuchtige Linien in die Luft: "Was derzeit passiert, ist tragisch, ein Anschlag auf alles, wofür die Liberalen im Land so lange gekämpft haben."

Mehr Cannabis-Apotheken als Starbucks-Filialen

Es geht um die Razzien, um die Kündigungsdrohungen, um den Druck, den Bundesanwälte und -behörden wie die Drug Enforcement Administration (DEA) seit Wochen gegen Produzenten, Konsumenten und Anbieter von Hasch in Kalifornien aufbauen. Ein neuer Drogenkrieg bahnt sich an, nur dass hier nicht der Staat gegen finstere Unterweltkartelle kämpft, sondern Vertreter des Bundes gegen Bürger eines Bundesstaats.

Im "Golden State" ist Haschisch seit 1996 für den medizinischen Gebrauch legal. In Städten wie San Francisco oder Oakland gibt es zahlreiche Dispensaries, eine Art von Apotheken, wo sich die Patienten ihre Marihuana-Medizin abholen können, etwa gegen Kopfschmerzen, Stress oder Angstzustände. Eine ärztliche Bescheinigung für Kauf oder Anbau zu bekommen ist vergleichsweise einfach, der Gras-Geruch gehört in einigen Stadtvierteln zum Lokalkolorit, im traditionell liberalen Bundesstaat störte sich kaum jemand daran. In Los Angeles war es zeitweise leichter, eine Cannabis-Apotheke zu finden als eine Starbucks-Filiale.

Mehr als ein Dutzend US-Bundesstaaten, darunter Alaska, Hawaii und Maine, sind mittlerweile dem kalifornischen Beispiel gefolgt. Auch wenn die komplette Legalisierung 2010 in einer Volksabstimmung durchfiel - "wir betrachten das Modell als sinnvoll, um Drogenhandel und Beschaffungskriminalität einzudämmen", sagt Dale Sky Jones.

Doch der scheinbar elegante Kompromiss ist extrem brüchig, denn auf Bundesebene ist Hasch weiter illegal. Nun rücken Bundesanwälte und die DEA vor.

Zwar hatte die Regierung unter Barack Obama 2009 angekündigt, sie wolle sich nicht in den Konsum medizinischen Marihuanas einmischen. Doch nach fast zwei Jahren Ruhe haben in den vergangenen Wochen diverse Bundesstaatsanwälte dem Gras in Kalifornien den Krieg erklärt.

Dutzende von Dispensary-Betreibern wurden schriftlich aufgefordert, ihre Geschäfte zu schließen, andernfalls drohe eine Anklage wegen Drogenhandel, Geldstrafen und Schließung.

"Branche zurück in die Illegalität gestoßen"

Vermieter der Abgabestellen wurden ebenfalls bedroht, ebenso Zeitungen und Radiosender, die Werbeanzeigen oder -spots für Cannabis-Produkte annehmen; Banken nahegelegt, keine Kredite mehr an Kunden aus dem Hanf-Geschäft zu vergeben.

Die Strafverfolger argumentieren damit, viele Abgabestellen seien näher an Schulen oder Spielplätzen als erlaubt. "Unsere Briefe verwarnen bestimmte Abgabestellen, dass sie Bundesgesetze verletzen", heißt es dürr in einer Stellungnahme des US-Bundesanwalts für Zentralkalifornien, Andre Birotte jr.

Aktuell erst entschied ein Berufungsgericht, dass Städte und Gemeinden ihre Gebiete gar komplett zur No-go-Area für die Hasch-Abgabestellen deklarieren können. "Obama hat nur gesagt, dass wir die Menschen in Ruhe lassen, die wirklich krank sind", begrüßt Roger Morgan, Ex-Vorsitzender der "Koalition für ein drogenfreies Kalifornien", das Vorgehen. "Er hat nicht gesagt, wir erlauben Pot-Geschäfte in dem Ausmaß, wie wir es in letzter Zeit erleben."

Zahlreiche Dispensaries mussten bereits aufgeben, die Stimmung unter vielen Liberalen ist verbittert. "So wird versucht, eine ganze Branche zurück in die Illegalität zu stoßen", schimpft Sky Jones. Wieder Handkantenschläge, ihre blauen Augen funkeln.

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insgesamt 43 Beiträge
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1. Das ist der Beginn einer neuen Hippie Ära!
ZiehblankButzemann 24.11.2011
Gut das es noch Menschen gibt die etwas wirklich sinnvolles tun. Man kann schließlich nicht vom Daumenlutschen allein leben. Auch das Bestimmen der Windrichtung mit einem Finger im Hintern ist nicht wirklich abend- sondern höchstens Enddarmfüllend. Da ist man doch wirklich froh was man da von jungen gebildeten Menschen hören und lesen kann, die sich dem Canabis Anbau verschrieben haben. Jetzt fehlt nur noch so´n Typ wie Charles Manson und eine richtig schöne Hippie Sekte ist wieder am Start. Der Grüne "Gebt das Hanf frei" Ströbel jedenfalls wird vor Begeisterung mit seinen Jüngern Pogo tanzen.
2. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.
ring-o-star 24.11.2011
Politiker und Bundesstaatsanwälte sind genau so bestechlich wie jeder andere Mensch. Von der Kriminalisierung profitieren Kartelle in Mexiko. Die haben dann genug Geld um zu bestechen. Na, jetzt nur noch eins und eins zusammenzählen.
3. ...
Wuchtbrumme, 24.11.2011
Soplche Unis müsste es weltweit geben. Irgendwann wird hoffentlich mit allen oberflächlichen Dogmen aufgeräumt. Leute, Canabisanbau ist nicht nur positiv für die Gesellschaft, es könnte auch unsere Finanzlage extrem verbessern.
4. Werbung
vitalik 24.11.2011
Zitat von WuchtbrummeSoplche Unis müsste es weltweit geben. Irgendwann wird hoffentlich mit allen oberflächlichen Dogmen aufgeräumt. Leute, Canabisanbau ist nicht nur positiv für die Gesellschaft, es könnte auch unsere Finanzlage extrem verbessern.
Ich glaube, wenn es zu solchen Kommentaren führt, wirds wohl umgekehrt sein.
5. Ach wie ist die Welt doch einfach :-)
ancarion 24.11.2011
Also wenn man sich diesen Bericht so durchliest, könnte man fast meinen, dass hier in Deutschland eine merkwürdige Drogenpolitik betrieben wird. Ja man könnte fast glauben, Cannabis ist gar nicht so eine furchtbare Droge, die unweigerlich in die schwere Abhängigkeit von noch viel furchtbararen Drogen führt. Der Logik unserer Drogenbeauftragen folgend, leben doch sicher in Kalifornien nur noch Crack und Heroinabhängige die mit schwersten Cannabispsychosen zu kämpfen haben und eine Gefahr für die Allgemeinheit darstellen. Das würde auf jeden Fall erklären, warum so viele Amerikaner einen Psychiater besuchen. - Wie das ist überall in Amerika so? Nicht nur im westlichen Sunshine State? Haben denn wenigstens die durch Cannabis verursachen Psychosen zugenommen? Wie das ist nicht nachvollziehbar, weil dieser Zusammenhang nicht belegbar ist? Unserer Logik nach müsste es dann ja auch in den anderen Bundesstaten der USA weniger Drogenkonsum geben. - Wie, das ist auch nicht so? Was stimmt denn dann? Sollen wir doch etwa den Wissenschaftlern glauben, die schon seit Jahrzehnten unsere Drogenpolitik anprangern?
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