Kinder und Forscher im Uni-Radio: Wo Wissenschaftler Klartext reden

Von Robert Fishman

Kinder fragen, Wissenschaftler antworten - bei "Hertz Junior", jeden Donnerstag im Bielefelder Campusradio. Reden die Erwachsenen unverständlich, wird eine Hupe gedrückt. Fachchinesisch ist tabu, Klartext ist angesagt.

"Was ist Verwesung?", fragt die Moderatorin und drückt auf den Buzzer, eine große Hupe, die einen abscheulichen, lauten Schrabbelton von sich gibt. Da muss Katja Behnke, die Literaturwissenschaftlerin, erst mal überlegen. Dann beschreibt die Expertin für Blut in der Literatur, wie Leichen aufquellen und sich allmählich auflösen.

Die Interviewerin hat verstanden. Das Studiogespräch geht weiter. Jeden Donnerstag von 15 bis 16 Uhr laden Kinder und Jugendliche aus Bielefelder Schulen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zum Gespräch ins Campusradio Hertz 87,9 der Universität Bielefeld.

Lisa Wallmann und Anna Wöhrmann, beide in der 9. Klasse eines Bielefelder Gymnasiums, fragen den bundesweit bekannten Biologen und Genforscher Alfred Pühler aus. "Was machen Sie eigentlich genau?", eröffnet die 14-jährige Lisa souverän das Interview. Den Kloß in ihrem Hals hört niemand, obwohl das Gespräch live über den Sender geht.

Projektleiterin Sabine Köhn passt genau auf, dass alle richtig stehen. "Seid bitte leise und raschelt nicht mit Papier", ermahnt sie die Moderatorinnen. "Und wenn ihr Euch versprecht, einfach weiter machen. Das ist nicht schlimm."

"Würden Sie genmanipulierte Nahrung essen?"

Nach zwei Liedern geht das Studiogespräch weiter. Die beiden Schülerinnen wollen wissen, ob der Forscher genmanipulierte Nahrung essen würde. Pühler bleibt souverän. Der Begriff "manipuliert" sei aus dem Englischen übernommen. Dort habe das Wort keine negative Bedeutung. Deshalb sage er doch lieber "gentechnisch verändert".

Lisa und Anna lassen's gelten und fragen weiter: Was die Gentechnik in der Landwirtschaft denn nutze, wenn die armen Länder sich diese überhaupt nicht leisten können? "Wenn wir diese Technik haben, werden wir es uns kaum leisten können, sie den Entwicklungsländern nicht kostenlos zur Verfügung zu stellen", antwortet der Forscher wenig überzeugend.

Pühler weiß, dass er sich allgemeinverständlich ausdrücken muss. Wenn die beiden Interviewerinnen etwas nicht verstehen, drücken sie auf die Hupe, und der Wissenschaftler muss seine Aussage erklären. Diesmal hat Pühler Glück.

"Wir waren so nervös, da haben wir die Hupe völlig vergessen", sagt Lisa nach dem Gespräch ganz außer Atem. So rutschten Begriffe wie Humaninsulin oder virusindiziert durch.

"Ein schönes Erlebnis" für den Gast

"Ein schönes Erlebnis" war das Studiogespräch bei "Hertz Junior" für Alfred Pühler. Er wisse aus vielen Interviews, dass er mit Laien anders sprechen müsse als mit Kollegen. "Kein Problem" für ihn. Und auf die Schülerinnen und Schüler müsse er sich nicht anders einstellen als auf Profi-Journalisten. Schließlich interviewten bei "Hertz Junior" doch "angehende Erwachsene".

Die stehen hier meist zum ersten Mal vor dem Mikro. Meist sind es die Lehrer, die die Kinder und Jugendlichen fürs Radio begeistern. "Ich habe gefragt, wer mitmachen will. Dann haben wir die Fragen im Unterricht entwickelt und Interviews geübt", berichtet Deutschlehrerin Adelheid Meyer-Hermann.

"Viele Lehrer-Kollegen waren erst skeptisch, weil sie den Ertrag für den Unterricht nicht gesehen haben." Meyer-Hermann lobt nicht nur den inhaltlichen Erkenntnisgewinn für die Kinder: "Vor dem Mikrofon frei sprechen ist eine wichtige Fähigkeit", findet die Lehrerin.

"Aus dem Elfenbeinturm gezogen"

Jede der einstündigen Sendungen hat ein eigenes Thema wie "Blut" oder die Gentechnik. Dazu gibt es Nachrichten, eine Umfrage, Beiträge und die passende Musik. Die Übergänge präsentieren die beiden 14-jährigen Schülerinnen Julia Becherer und Sophia Laker von der Bielefelder Laborschule.

Das Geld für die bundesweit einmalige Kinder-Wissenschaftssendung kommt vor allem vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft. Von den 38.000 Mark wird unter anderem Projektleiterin Sabine Köhn bezahlt. Sie hat für "Hertz Junior" eine 19-Stunden-Stelle als studentische Hilfskraft, arbeitet aber "viel, viel mehr" im Sender.

Da kommen die 750 Euro vom Bundesjugendministerium und der "Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur" gerade recht. Die hat "Hertz Junior" zusammen mit dem Dieter Baacke Preis Ende November bekommen.

Die Begründung der Jury: "Die Kinder erwerben hier, ausgehend von ihrer eigenen Neugier und ihren Interessen, auf vorbildliche Weise Medienkompetenz, Selbstbewusstsein, Verständnis und Kritikfähigkeit." Die Wissenschaftler würden "von Kindern aus dem vermeintlichen Elfenbeinturm gezogen und ihrer ehrwürdigen Existenz im grauen oder weißen Kittel beraubt." Stimmt.

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