Wenn Dennis Nyariaro, 25, läuft, geht es langsam voran. Mit dem abgebrochenen Blindenstock tastet er die rotbraune Lehmstraße ab, die vor seinem kleinen Laden auf dem Kenyatta-Markt vorbeiführt. Tiefe Furchen in der Straße lassen die Bodaboda-Fahrer auf ihren Motorrädern hüpfen.
Mit unsicheren Schritten arbeitet Dennis sich zur Bankfiliale auf dem Campus der Kenyatta-Universität vor, um neues Bargeld für sein Geschäft zu besorgen. Auf dem Rückweg trägt er 100.000 kenianische Schilling in bar in einer kleinen Umhängetasche mit sich, gut 900 Euro, das Sechsfache eines durchschnittlichen kenianischen Monatslohns. Im Zentrum von Nairobi genügt viel weniger, um ausgeraubt zu werden, aber Dennis lacht. "Mir passiert schon nichts", sagt er, steigt den Bahndamm hinauf und tastet sich über die Gleise.
Bargeldloses Bezahlen per Handy gilt in Europa gerade als Hype, in Afrika ist die Technik altbekannt. Dennis profitiert von einem Handy-Bezahlsystem, das es in Kenia seit fünf Jahren gibt und das Banken für viele Kenianer überflüssig gemacht hat. Wer ein Handy hat, kann bei seinem Mobilfunkanbieter kostenlos eine Geldtransferfunktion freischalten lassen. Marktführer ist der Mobilfunkkonzern Safaricom mit derzeit 20 Millionen Kunden. Jeder zweite Kenianer telefoniert in diesem Netz, 14 Millionen von ihnen nutzten im vergangenen Jahr M-Pesa, das steht für mobiles Geld. So wurde Safaricom zum größten Steuerzahler des Landes.
Kein Geld in der Tasche, aber immer flüssig
Eine Telefonnummer genügt, um Geld zu überweisen, jede Transaktion erfordert eine PIN. Einzahlen und abheben kann man Bargeld in kleinen Kiosken, wie Dennis einen betreibt. Abhängig vom Betrag fallen je Auszahlung zwischen neun Cent und drei Euro Gebühren an, die sich der Betreiber des Kiosks und die Mobilfunkfirma teilen.
Dennis' Geschäft ist keine zwei Quadratmeter groß, die Wände sind aus quietschgrün gestrichenem Holz, nach vorne hinaus ist sein M-Pesa-Shop vergittert. Fast 28.000 Buden wie die von Dennis gibt es in Kenia, und allein auf dem Markt neben der Uni zwängen sich mindestens 20 M-Pesa-Shops in kleine Nischen.
Für die Kenianer ist der größte Vorteil der Handy-Konten, dass sie weder Kreditkarten noch Bargeld bei sich haben. 100 Schilling für den Bus genügen. Ein Haarschnitt, ein Bier an der Bar, die Einkäufe im Supermarkt - alles lässt sich fast überall per Handy-Überweisung bezahlen. Und wer doch mal Bargeld braucht oder loswerden will, geht zu einem der vergitterten Büdchen.
Kleinstbanker leben gefährlich
Weil das auch Nairobis Kriminelle wissen, leben M-Pesa-Dealer mitunter gefährlich. Das Bargeld, das die Kenianer nicht mehr herumtragen, lagert unter windigen Theken aus Holz oder Blech. Im Mai schossen Räuber einer M-Pesa-Betreiberin in Nairobi auf dem Heimweg ins Genick und erbeuteten 70.000 Schilling (630 Euro). Im Oktober töteten Räuber in einer Apotheke mit angeschlossenem M-Pesa-Shop den Inhaber und räumten dann die Kasse leer.
Dennis kennt das Risiko, aber er hat sich einen freundlichen Ort für sein Geschäft gesucht, direkt an der Außenmauer des Campus. Aus den drei Toren der Uni strömen Studenten, einige sind Dennis' treue Kunden geworden. "Blindsein ist für mich die ideale Marketingstrategie", sagt er. Wenn er über das Uni-Gelände läuft, hört er die Kommilitonen tuscheln, über den verrückten, blinden Jungen mit dem M-Pesa-Laden. In einem Markt mit einem absurden Überangebot an grünen Geldbuden ist seine Behinderung ein Alleinstellungsmerkmal, das ihm täglich neue Kundschaft zutreibt.
Tagesziel statt Öffnungszeiten
Transaktionen erledigen M-Pesa-Dealer wie Dennis über ihre Handys. Er hat seines an einen PC angeschlossen hat, der ihm mit Automatenstimme die Textnachrichten über Ein- und Auszahlungen vorliest. In Kenia ist Falschgeld ein großes Problem, aber auch dafür hat Dennis eine Methode. Er nimmt eine rötliche 500-Schilling-Note und knüllt sie zusammen. "Echtes Geld will wieder in seine ursprüngliche Form zurück", sagt Dennis. Er öffnet die Faust, und der Schein faltet sich wieder ein wenig auf. Noch schwieriger mache sein Geschäft, dass alle Banknoten in Kenia fast gleich groß sind. So bleibt ihm meist nichts übrig, als zu glauben, was ihm die Fremden vor dem Gitter erzählen.
Seinen M-Pesa-Shop hat er seit einem halben Jahr, und Dennis sagt, das Geschäft laufe prächtig. Die Monatsmiete von umgerechnet gut 22 Euro hat er in nur zwei Tagen verdient. Doch allein mit seiner Behinderung will er den Erfolg nicht erklären. Als er noch selbst hier auf Lehramt studierte, habe er erlebt, dass die meisten Geldbuden erst spät öffneten und oft früh wieder schlossen. Dennis versucht nun, immer ein halbe Stunde eher dran zu sein und eine halbe Stunde länger offen zu haben. Und anstelle von festen Zeiten hat er ein Tagesziel: Ehe er nicht 1000 Schilling verdient hat, schließt er nicht ab.
Blind hin oder her, einige Konkurrenten neiden ihm offenbar den bescheidenen Erfolg. Als Dennis unlängst expandierte, sah sich wohl ein Nachbar in seinem Geschäft bedroht. Auf ein Stück Niemandsland am anderen Ende des Marktes stellt Dennis seine zweite grüne Bude. Dort laufen die Studenten morgens als Erstes vorbei. Viele bekommen ihr Geld per M-Pesa von den Eltern geschickt und heben gleich in der Früh zum ersten Mal ab. Aber kaum stand der neue Shop, hob nachts jemand die Bude aus dem Fundament und warf sie den Bahndamm hinunter. "Negativer Wettbewerb", sagt Dennis nur und zuckt mit den Schultern. Er ließ die Bude wieder aufbauen.
Abends wird es noch mal geschäftig vor Dennis' Gitterfenster. In der Dämmerung zahlen viele Marktstandbetreiber ihr Bargeld bei ihm ein, das die Studenten nur Stunden zuvor abgehoben und für Cola, Obst und hartgekochte Eier wieder ausgegeben haben. Die Standinhaber wollen nicht riskieren, mit ihrem Tagesverdienst nach Hause zu laufen, dafür gibt es schließlich M-Pesa. Und Dennis nimmt ihnen das Risiko für ein paar Cent gerne ab.
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