Knigge für Informatiker: Der Nerd lernt essen

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Sozial noch nicht voll kompatible Informatikstudenten erfahren jetzt in Benimmkursen, mit welchen Umgangsformen sie im Beruf punkten können. Eine PR-Frau bringt ihnen Manieren bei - wie man mit Messer und Gabel isst, Fettnäpfchen beim Smalltalk vermeidet, sich korrekt kleidet.

Würden Sie von diesem Mann einen Computer kaufen? Bill Gates, Kaiser aller Nerds
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Der Nerd, sprich Nööörd. "Defragmentierung" ist sein erstes Wort als Kleinkind, nicht "Mama". Bald heißen seine besten Freunde Null und Eins, und es wird einsam um den Nerd: Während die anderen Kinder draußen Skateboard fahren, sitzt er am Rechner und entwirft bizarre kleine Programme. Später studiert er Informatik mit anderen Sonderlingen, die stets zuletzt ins Fußballteam gewählt wurden und nie Freunde hatten. Nach Jahren in dunklen PC-Pools tritt der menschenscheue Datenknecht blinzelnd ans Tageslicht und grübelt: Was tun nach dem Diplom?

Am besten erst mal Manieren lernen. Denn die sind unverzichtbar für die Karriere. Die Technische Universität München hat das erkannt und schickt ihre Informatikstudenten jetzt zu einem Benimmkurs, ein Angebot im Wahlpflichtprogramm.

Soll man dem Personalchef zur Begrüßung als erster die Hand reichen? Darf man beim Geschäftsessen über Politik reden? Und wie reagiere ich, wenn mir das Essen nicht vom Pizzaboten gebracht wird? Solche Fragen standen auf der Tagesordnung, als 15 Junginformatiker am Donnerstag in einem Münchner Hotel die "Basics" von Händeschütteln bis Tischmanieren lernten.

"So'n bissl Feinschliff von Manieren"

Informatikstudentin Viktoria Vieracker und ihre Schwester Melanie interessieren sich vor allem für das Thema Tischsitten. Sie wollen vom Kurs auch für ihr Privatleben profitieren. Ihr Kommilitone Christian Marx ist im dreiteiligen Anzug erschienen und sagt: "Ich denke nicht, dass ich unhöflich bin und mich schlecht benehme, aber es gibt sicher Tricks und Kniffe, die man zu Hause nicht gelernt hat." Auch sein Tischnachbar Arnim Kreutzer erwartet "so'n bissl Feinschliff von Manieren".

Kopfzerbrechen bereitet vielen schon das Thema "Begrüßen und Bekanntmachen", wie Kursleiterin Imme Vogelsang weiß. Die PR-Frau soll den Junginformatikern die Schrullen austreiben. Man müsse immer abwarten, ob einem der Ranghöhere die Hand zum Gruß reicht, meint sie.

Wer aber hat den höheren Rang? Der Chef, der Ältere, die Dame? Wer den höheren Posten hat und nur der, schärft Vogelsang den Studenten ein. Vorsicht aber, wenn man dem Chef und seiner Frau im Supermarkt begegnet: Hier befinde man sich schon im Privatbereich mit etwas anderen Regeln.

"Die Resonanz auf das Angebot ist riesig", sagt Professor Arndt Bode, der mit dem Kurs "Fit für die Karriere" für deutsche Universitäten noch ungewohntes Terrain betritt. Er habe Anfragen auch von Studenten aus anderen Städten erhalten und sogar von Firmen, die ihre Mitarbeiter schulen wollten.

Finger weg von schwierigen Speisen

Kein Wunder: "Technisch kompetent, sozial inkompetent" - so lautet oft das niederschmetternde Urteil über Informatikabsolventen deutscher Hochschulen. Die Unternehmensberatung Mummert + Partner fand bei einer Untersuchung heraus, dass nur zwei von hundert Studenten der Informatik und benachbarter Fächer den Wünschen der Unternehmen gerecht werden. Defizite gab es vor allem bei der Teamarbeit und der sozialen Kompetenz.

Nein! Auf keinen Fall Pizza so essen! Nie!
AP

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Die Kinder der 68er-Generation hätten Etikette und Umgangsformen "leider nie gelernt", meint Frau Vogelsang, Geschäftsführerin einer Hamburger PR-Firma. Aber gerade diese Altersgruppe interessiere sich sehr dafür, in Discotheken treffe man bereits auf 16-jährige Krawattenträger. Für die Initiative "Treffpunkt Tisch" der Glas-, Keramik- und Besteckbranche leitet sie neben diesem Kurs verschiedene Projekte zur Förderung der Tischkultur.

Auch den Münchner Studenten tischt Vogelsang ein stilvolles Dreigängemenü auf. Entspannung ist dabei nicht eingeplant, denn Imme Vogelsang reicht zur Vorspeise Spaghetti mit Scampi in der Schale: "Das ist schon mal katastrophal", kündigt sie an. Manche Speisen könne man nämlich nicht ohne Probleme essen, und deshalb sollte man aufpassen, was man bestellt, lautet das Lernziel.

Als Hauptgericht gibt es dann Geflügel mit Knochen. Der Irrtum, man dürfe die Knochen zum Abnagen in die Hand nehmen, sei leider weit verbreitet, klagt die Kursleiterin. Und als Dessert erwartet die Studenten bröseliger Blätterteig.

Und schön den Mund abtupfen

Übrigens, die Serviette gehört weder an den Hals noch auf den Tisch, sondern auf den Schoß, verrät Frau Vogelsang. Und man müsse sich jedes Mal, bevor man am Trinkglas nippt, den Mund abtupfen.

Mit Themen wie "Kleidung: Tipps und Fauxpas", "Smalltalk" und "Körpersprache deuten" geht es am Nachmittag weiter. Bei diesem einem Kurs wird es an der TU München nicht bleiben. Und Imme Vogelsang möchte im nächsten Jahr auch Benimmkurse für Studenten in Berlin, Hamburg und Köln anbieten.

An US-Unis sind solche Angebote bereits durchaus verbreitet. So unterrichtet die "Charm School" des berühmten Massachusetts Institute of Technology (MIT) Nachwuchsakademiker unter anderem in "höflicher Benutzung des Handys" oder im Flirten - Frauen begegnen Technik-Freaks im Studium ja eher selten.

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