Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Kunst mit Flüchtlingen: "Ich kann hier mein Herz ausschütten"

Von Simone Utler

Studenten helfen Flüchtlingen: Werkeln gegen das Trauma Fotos
ARTHELPS

Sie haben einen Bombenangriff überlebt oder die Flucht im Boot: minderjährige Flüchtlinge, die alleine unterwegs sind. Studierende der Hochschule Konstanz helfen ihnen mit einem multimedialen Kunstprojekt beim Neustart.

Der Junge wickelt große Bahnen aus weißem Papier um sich, bis nur noch die dunklen Augen, die Nase oder der Mund herausschauen. Dann werden Landschaftsfotos auf ihn projiziert: ein Bild aus der Wüste, ein Bild vom Meer. "In beiden war ich - auf meinem Weg nach Deutschland."

Das sagt Robiel* und es klingt so selbstverständlich, während er da steht, eingewickelt in einem Wust aus Papier. Und eben weil es so selbstverständlich klingt, wird dieser kleine Moment für Maren Horneff noch Wochen später ein ganz großer sein: "Robiel erzählt einfach so, wie er durch die Wüste lief, in der es tags so heiß und nachts so kalt war. Und wie er, eingepfercht auf einem Schiff, das Meer überquerte."

Eine Stimme für Flüchtlinge

Robiel ist 16 Jahre alt und stammt aus Eritrea. Als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling kam er Anfang 2014 in Konstanz an. Jetzt lebt er im Pestalozzi Kinder- und Jugenddorf Stockach-Wahlwies. Maren ist 24 und stammt aus einem kleinen Ort bei Stuttgart. Sie studiert Kommunikationsdesign an der Hochschule Konstanz. Beide nehmen an dem Projekt "Grenzenlos" teil, das versucht, mit Kunst Grenzen zu sprengen, Flüchtlingen eine Stimme zu geben und ihnen beim Neustart zu helfen.

Acht Bachelorstudenten und acht junge Flüchtlinge aus Syrien, Eritrea, Bangladesch und Somalia haben vier Wochenenden lang zusammen gewerkelt. Es wurde gemalt, gezimmert, gefilmt, aber auch gelacht. Das Ergebnis: eine Ausstellung rund um Flucht, Identität und Grenzen und eine Perspektive für die 16- bis 19-jährigen Flüchtlinge.

ARTHELPS
"Wie wir in Deutschland mit Flüchtlingen umgehen, ist eine der drängenden Fragen unserer Zeit", sagt Judith M. Grieshaber, Professorin für Kommunikationsdesign an der Hochschule Konstanz und Initiatorin des Projekts. Sie hat schon häufiger Seminare zu sozialen Projekten angeboten. "Wir Kommunikationsdesigner haben einen gesellschaftlichen Auftrag", sagt Grieshaber. Es sei wichtig, Studierende zu ermutigen, ihre Zukunft aktiv mitzugestalten. Das Projekt "Grenzenlos" entwickelte Grieshaber zusammen mit dem Verein Arthelps, der Kindern und Jugendlichen in schwierigen Lebenssituationen mit kreativen Kunstprojekten hilft, und der Werbeagentur Jung von Matt.

Gespräche an der Werkbank

Die Studierenden wurden vor dem Projektstart angewiesen, die Flüchtlinge nicht mit Fragen zu ihren Schicksalsgeschichten zu bedrängen. Doch zwischen Werkbank und Fotolabor öffneten sich einige ganz von alleine. So erzählt der Syrer Feras, wie er und seine damalige Freundin 2013 in seiner Heimatstadt Kobane Opfer einer Autobombe wurden. "Autoteile flogen durch die Luft. Ich bekam eines an den Arm, meine Freundin an den Kopf. Ich habe heute einen krummen Arm, sie ist tot." Ihren Namen hat er auf seine Brust tätowiert.

Feras floh aus Syrien, weil ihn die Armee einziehen wollte. "Ich sollte kämpfen und Menschen töten. Das kann ich nicht", sagt der heute 19-Jährige, der viele Freunde und Verwandte im Krieg verloren hat. Als Ältester von sieben Kindern wurde er von seiner Familie aus dem Land geschickt - in einem Lkw. "Zehn Tage sah ich keine Sonne." Im Februar 2014 kam er in Konstanz an.

Heute spricht Feras fließend Deutsch, hat den Hauptschulabschluss und möchte eine Ausbildung zum Krankenpfleger machen. Genaugenommen will er Kinderarzt werden, aber das ist nicht so einfach für einen syrischen Flüchtling ohne Abitur in Deutschland.

Nicht einfach Punkte sammeln

Feras hatte keine Ahnung, was das Projekt "Grenzenlos" am Ende für ihn bedeuten würde. "Wir haben da mitgemacht, weil wir Spaß haben wollten", sagt der 19-Jährige. Gefunden habe er Mut, Optimismus und Freunde. "Ich weiß, dass ich die Studenten jederzeit anrufen und ihnen vertrauen kann. Auf Deutsch klingt das so schön: Ich kann da mein Herz ausschütten."

Zu Michael Speichert, 22, hatte Feras schnell einen besonderen Draht. Die beiden jungen Männer standen in einem Tonstudio, als sich ein Gespräch über kurdische Musik entwickelte. In einem Lied geht es um die Mutter und die Heimat. "Feras erzählte mir, dass er dieses Lied ständig hört. Und fast immer weinen muss", sagt Speichert.

Solche Momente machen aus dem Seminar eine Erfahrung fürs Leben. "Uns ging es nie darum, hier einfach Punkte fürs Studium sammeln", sagt Ruben Hussong. Der 22-Jährige wollte mehr über die in Deutschland ankommenden Menschen erfahren, als er aus den Medien über das Flüchtlingsheim in seinem Heimatort weiß. "Aber dass das so tief geht, hätte ich vorher nicht gedacht."

* Name von der Redaktion geändert

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 3 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Respekt
profreiheit 10.07.2015
so einen weiten Weg zurückgelegt, um bei einem multikultimedialen Kasperletheater mitzuspielen. Wäre es nicht einfacher gewesen das ganze über das Internet zu streamen. Die erzeugte Betroffenheit wäre gewiss nicht geringer.
2. Flüchtling sein bedeutet heute
kasam 11.07.2015
mit der durchgemachten Angst alleine weiter zu leben. Hier wiederum Angst zu haben , was mit einem passiert, wenn überhaupt etwas passiert und die Leute nicht ins Nirgendwo verschoben werden. Mit ihren emotionalen Traumata werden sie alleine gelassen und bekommen von niemanden Hilfe. Das ist Terror.
3.
meinung2013 11.07.2015
Zitat von profreiheitso einen weiten Weg zurückgelegt, um bei einem multikultimedialen Kasperletheater mitzuspielen. Wäre es nicht einfacher gewesen das ganze über das Internet zu streamen. Die erzeugte Betroffenheit wäre gewiss nicht geringer.
Sie verwenden zwei unglaublich richtige Begriffe "Kasperletheater" und noch wichtiger "erzeugte Betroffenheit". Das trifft für mich den derzeitigen, nicht nur medialen, Rummel um die Flüchtlingsthematik. Ein regelrechter Hype ist entstanden.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Anzeige
  • Maximilian Popp (Hrsg.):
    Tödliche Grenzen

    Die Krise der europäischen Flüchtlingspolitik.

    SPIEGEL E-Book; 2,99 Euro.

  • Bei Amazon kaufen.
Fotostrecke
Unicef-Report: Kinder ohne Kindheit