Kopfhörer-Party: Kein Lärm um viel

Von Kim Bode

Rund 1500 Studenten feierten über den Dächern von Zürich eine Open-Air-Party, drei DJs legten auf - doch Ärger wegen Ruhestörung war ausgeschlossen: Die Universität veranstaltete eine der ersten großen Kopfhörerpartys auf dem europäischen Festland.

"Guck mal da vorne: Das ist ja 'ne Süße!", brüllt ein Student seinem Freund zu, so laut, dass der ihn trotz der lauten Musik hört. Um sie herum tanzen junge Menschen, die "Süße" steht zehn Meter entfernt, auf einer Party eigentlich weit genug, um das Kompliment der Studenten nicht zu hören - wenn sie nur auch einen Kopfhörer tragen würde.

Die junge Frau steht auf der Tanzfläche, sie sieht die Menschen tanzen, doch es fehlt ihr das Entscheidende: Sie hört keine Musik. Mittendrin und nicht dabei - das kommt, wenn man auf einer "Silent-Party" kurz die Kopfhörer ablegt. Dafür hört sie das Kompliment, blickt zu den Studenten, die sind peinlich berührt, lachen und tanzen weiter.

Rund 1500 Studenten feiern auf der Terrasse der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich, es ist der 140. Geburtstag des Alumni-Netzwerks. Sie blicken hinunter auf die Stadt und den Zürichsee, sie feiern ausgelassen und doch bleibt es ruhig: Die Musik kommt ausschließlich aus Funkkopfhörern - "Headphoned" ist eine der ersten großen Open-Air-Silent-Partys auf dem europäischen Festland.

Ein prominenter Alumnus half bei den Kopfhörern

Weil ein dröges Fest für die Schweizer Elite-Universität nicht exklusiv genug und eine normale Party auf der Aussichtsterrasse des Uni-Hauptgebäudes mitten in der Stadt zu laut gewesen wäre, hatte Student Philipp Mahler die Idee zu der Kopfhörerparty. Als Aktiver beim Verband der Studierenden der ETH hat er schon einige Uni-Partys und -Bälle mitorganisiert.

Auf die Ohren: Studenten der ETH Zürich luden zur Kopfhörerparty
headphoned

Auf die Ohren: Studenten der ETH Zürich luden zur Kopfhörerparty

Die Idee der Kopfhörerparty hatte er aus London mitgebracht. Ein Konzept, das in Großbritannien und auch in der indischen Party-Gegend Goa bereits seit einigen Jahren erfolgreich funktioniert, um nächtlichen Lärm zu vermeiden.

Die Veranstalter hatten Glück, dass Jörg Sennheiser, der Aufsichtsratsvorsitzende der gleichnamigen Elektronikfirma, früher selbst an der ETH studiert hat. So konnte der Verband der Studierenden Kopfhörer für die Party ausleihen und den größten Teil zu günstigeren Konditionen sogar kaufen. Denn die Organisatoren sind so überzeugt von ihrer Idee, dass sie meinen, diese Investition lohne sich auch für zukünftige Events.

Eine ungewöhnliche Party-Idee, die nicht bei allen sofort auf Begeisterung stieß: "Viele Leute konnten am Anfang nichts mit dem Konzept anfangen", sagt Susanne Tobler, die im sechsten Semester Physik studiert und die Party mit organisiert hat. "Sie konnten sich nicht vorstellen, wie man mit den großen Kopfhörern auf den Ohren richtig feiern kann, vor allem auch zusammen."

"Die Musik kommt mir viel intensiver vor"

Doch es klappt: In der milden Sommernacht tanzen die Studenten ekstatisch über der leuchtenden Altstadt. Die Musik der drei DJs, die nacheinander auflegen, wird per Funk auf ihre Kopfhörer übertragen, die Lautstärke kann jeder für sich selbst bestimmen. Ein über 700 Quadratmeter großer und mit bunten Lichtern angestrahlter Schirm überspannt die Feiernden, zwischendurch prasselt ein Platzregen auf die Plane - und macht die Atmosphäre noch skurriler.

Wer sich an einer der Bars etwas zu trinken holen oder sich in einer der Lounges unterhalten möchte, lässt den Kopfhörer in den Nacken rutschen oder nimmt ihn ab und lässt die Bässe weiter in den Händen vibrieren. Dann herrscht plötzlich eine erstaunliche Ruhe: Das Stimmengewirr erscheint im Kontrast zu der elektronischen Musik gedämpft und weit entfernt, auch wenn man sich immer noch mitten in der feiernden Menschenmenge befindet.

Den Studenten gefällt das: "Die Musik kommt mir hier beim Tanzen viel intensiver vor", findet der 20-jährige Alexander. "Im Club nimmt man sie häufiger nur als Hintergrundgeräusch war. Außerdem gibt es so niemanden, der dazwischen schreit."

Die Bässe wummern nicht, die Melodie ist wichtig

Vor Beginn haben die Veranstalter einiges an Überzeugungsarbeit leisten müssen: In den Wochen vor der Party sind sie auf Paraden zusammen mit rund 50 Kommilitonen durch Zürich gezogen, um die Kopfhörer vorzuführen und für die Party zu werben. Das funktioniert, sagen sie: Die meisten Leute waren begeistert, wie gut es sich mit Kopfhörern feiern lässt - und bereit, den hohen Preis für die Karten zu bezahlen.

39 bis 90 Schweizer Franken, 25 bis 60 Euro, kosteten die Tickets, abhängig vom Zeitpunkt des Kaufs. Dafür gab es neben der exklusiven Location auch ein für Studentenpartys außergewöhnliches DJ-Lineup.

Wie die britische DJane Sister Bliss. Sie ist Mitglied der britischen Band Faithless, die mit Liedern wie "Insomnia" und "God is a DJ" bekannt wurden. Sister Bliss ist eine erfahrene DJane, doch auf einer Party mit Kopfhörern statt Lautsprechertürmen legt sie heute zum ersten Mal auf. Es sei eine besondere Herausforderung, sagt sie. "Beim Mixen der Musik muss ich mehr auf die Melodie achten". Denn die Bässe wummern hier nicht im Magen, sie sind nicht so dominant wie sonst. Die völlige Konzentration der Tanzenden auf die Musik habe sie beeindruckt: "Hier werden neue Maßstäbe gesetzt!"

So weit plant der Verband der Studierenden aber noch nicht. Wenn alles gut läuft, wolle er bald eine weitere Silent-Party organisieren. Im Spätsommer sollen die Kopfhörer aber erst einmal für ein Open-Air-Kino auf der gleichen Terrasse herhalten. Wie gut, dass von den 2700 Kopfhörern auf der Party nur einer kaputt gegangen ist.

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