Kunstaktion "Die Europäerin": Fotosafari durchs Europa der Vorurteile

Von Jens Radü

Es lebe das Klischee: Welche Landsfrau hat selbst in der Sauna ihr Handy dabei? Woher stammt die Blondine mit Minirock und güldenem Täschchen? Und wer poliert den Daimlerstern? Eine Berliner Künstlerin hat den Fototest gemacht und sich selbst in 17 typische Europäerinnen verwandelt.

Die meisten Menschen beschleichen beim Stichwort Europa bürokratische Horrorvorstellungen: Da erscheint die EU als Brüsseler Moloch, der verwirrende Richtlinien produziert, mit Agrarsubventionen die europäischen Bauern mästet, es aber noch nicht einmal schafft, sich auf einheitliche Steckdosen zu einigen. Das europäische Wir-Gefühl bleibt dabei auf der Strecke. Und auch das Wissen um die europäischen Nachbarn ist oft erschreckend oberflächlich: Ein bisschen Eiffelturm, ein wenig Tower Bridge, mehr als populäre Platituden fallen den wenigsten ein.

Fotostrecke

17  Bilder
Europa in Klischees: "Die Polin haben alle sofort erkannt"

Die Berliner Kommunikationsdesignerin Mareike Hölter, 27, hat diese Klischees fotografisch in Szene gesetzt. Für einen Wettbewerb der Berliner "Jungen Akademie" hat sich Hölter auf die Suche nach ihrer europäischen Identität begeben - und zu sich selbst gefunden: In Selbstportraits posiert sie in ihrer Fotostrecke "Die Europäerin" mal als laszive Spanierin, mal als verträumte Schwedin oder schmallippige Britin. 17 Fotos sind dabei entstanden, eine humorvolle Reise durch das Europa der Vorurteile - von erfrischend naiv bis beißend ironisch.

Meerjungfrau im Friesennerz

"Welche Sprache spricht Europa?", lautete die "Preisfrage, die jährlich von der Jungen Akademie gestellt wird (die neue Frage für 2005: "Wo bleibt die Zeit?"). Mareike Hölter fand eine sehr eigenwillige und sehenswerte Antwort, meinen die Juroren. "Die Inszenierung löst augenzwinkernd primäre Erwartungen ein und hält so einer allzu naiven Vorstellung vom kulturellen Reigen der Identitäten einen doppelbödigen Spiegel vor - ein humorvolles Bild für die europäische Einheit in der Vielfalt, die wir jeweils nur selbst verkörpern können", so die Laudatio für den "kraftvollen, spielerischen und intelligenten Selbstversuch".

Mareike Hölter sieht sich als "Projektionsfläche für eine spezifisch deutsche Sichtweise auf die 'Europäerin'", wie sie im Begleittext schreibt. Mit dem Wettbewerbs-Beitrag schloss sie gleichzeitig ihr Diplom-Studium an einer Kölner Akademie ab. Bevor sie auf die Idee mit den Selbstportraits kam, hatte Hölter schon über 2000 Jahre Kunstgeschichte auf der Suche nach Bildern Europas durchstöbert.

Doch die Ergebnisse überzeugten sie nicht: "Zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert wurde Europa oft personifiziert als Kriegerin oder Königin dargestellt", erklärt Hölter. "Das sollte den Herrschaftsanspruch betonen: Wir haben die anderen Kontinente erobert, wir sind die Kolonialherren." Diese imperialistische Ikonographie ist in der modernen Europäischen Union jedoch etwas aus der Mode gekommen.

Eine Frau, 17 Kostüme

Denn im Medien-Europa des 21. Jahrhunderts herrscht vor allem die Macht des Fernsehens und der Pressefotos. In der Flut von Symbolbildern, die in der Berichterstattung bestimmte Länder versinnbildlichen sollen, haben sich schnell Standards entwickelt: Big Ben steht für London, das Atomium für Brüssel, Käse für die Niederlande. Dieser Bildsprache hat sich Mareike Hölter bedient.

Um dabei alle gängigen Vorstellungen einzufangen, befragte sie zunächst 50 Freunde und Bekannte. Die lose Stichwortsammlung fügte sie den Bildern bei: "Monarchie, Wikinger, die kleine Meerjungfrau" - Dänemark hinterlässt offenbar eher historische Eindrücke. Folglich hat sich Hölter als dänische Meerjungfrau im Friesennerz ablichten lassen.

Als Chamäleon der europäischen Stereotype ist Hölter für "Die Europäerin" in die verschiedensten Kostüme geschlüpft. Dabei wurde sie nicht nur im professionellen Verleih fündig. Auch die Karnevalskisten ihrer Kölner Kommilitonen oder der Speicher im Haus ihrer Eltern dienten als Quelle für die kreativen Outfits. "Bei der Ungarin hab ich einen Rock aus den siebziger Jahren von meiner Mutter an, eine alte Spitzenbluse von meiner Oma und eine Weste, da steht noch 'Schwarzwaldmoden' drin", erzählt Hölter.

"Die Polin haben alle sofort erkannt"

Auch die Kulissen sind sorgfältig ausgewählt. Die Windmühle im Hintergrund der Niederländerin steht im Münsterland, die Irin geigt auf einer Schafswiese im Siegerland, die Luxemburgerin posiert in einem Kölner Multiplex-Kino. Mit Licht, Farb- und Schattenspiel hat Hölter jedes Foto inszeniert, bewusst überzogen. "Ich wollte es auf die Spitze treiben", erklärt Hölter.

Vor allem bei ihrer Interpretation der Polin ist ihr die Provokation gelungen. Bauchnabelfrei, mit wasserstoffblonder Mähne, Minirock und Netzstrümpfen blickt Hölter unschuldig in die Kamera. "Die Polin haben alle sofort erkannt."

Damit ist der EU-Neuling jedoch einer der wenigen, der es überhaupt in Hölters Fotoreihe geschafft hat. Denn die meisten der zehn neuen EU-Staaten, die im vergangenen Jahr beigetreten sind, sind so unbekannt, dass es noch nicht einmal Klischees von ihnen gibt. Zu Malta etwa fiel einem der Befragten lediglich ein: "So wie der übrige Ostblock."

Zum "Europe of the People", dem europäischen Wir-Gefühl, ist es eben noch ein weiter Weg.

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