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Leben für die Eltern: Ich pflege meine Mutter

Von Peter Wagner

Müssen wir unsere Eltern pflegen, wenn sie krank werden? Vicky, 26, und Karoline, 28, haben sich entschieden: Ein Heim kommt gar nicht in Frage. Sie nahmen ein Leben an, in dem sie viel Geduld brauchen - und fast nichts anderes mehr Platz hat als ihre pflegebedürftigen Mütter.

Vicky, 26, pflegt ihre Mutter seit deren Schlaganfall vor drei Jahren allein
Maria Dorner

Vicky, 26, pflegt ihre Mutter seit deren Schlaganfall vor drei Jahren allein

Das Leben fragt ja nicht, ob es gerade passt. Vicky führt eine alte Dame durch einen Park in Wiesbaden, in Trippelschritten geht es voran, sie verdient sich ein paar Euro, weil sie die Frau auf Spaziergängen stützt. Dann läutet das Handy, Vicky hebt ab, und eine Stimme sagt, dass ihre Mutter im Krankenhaus sei. Es ist das Frühjahr 2006, Trippelschritte. Vicky will ins Krankenhaus. Sie würde die Frau an ihrem Arm am liebsten hochheben und zurücktragen.

Als Vicky vor dem Bett in der Intensivstation steht, pumpt eine Maschine Sauerstoff in die Lungen ihrer Mutter. Sie fragt die Ärzte nicht nach dem Zustand, sie rührt die Mutter nicht mal an, so neu ist ihr dieses Bild. Zuhause googelt Vicky "Hirnblutung" und "Schlaganfall" und liest von Menschen, die nach zwölf Wochen wieder gehen und reden können.

Frühjahr 2009, aus der Wohnung im obersten Stock eines Hochhauses in Wiesbaden kann man dem Wetter zusehen und fühlt sich wie auf einem Gipfel. Vicky ist 26 und lebt hier allein mit ihrer Mutter. Die Eltern trennten sich, als Vicky fünf war. "Sie war voll berufstätig und musste mich allein großziehen", sagt Vicky. "Deswegen war ich in meiner frühen Jugend oft auf mich gestellt." Sie überlegt. "Meine Mutter war kein Mensch der großen Worte. Eher der Laissez-faire-Typ. Ich durfte machen, was ich für richtig hielt."

Mit feiner Stimme erklärt Vicky die Diagnosen, die das Leben ihrer Mutter und ihr eigenes in eine andere Richtung lenkten: Die Befunde machen sie zur Pflegerin ihrer Mutter. Vicky kaut Kaugummi, während sie redet. Das hilft gegen die Tränen. Vicky studiert Medienwirtschaft, aber in jenen Wochen vor drei Jahren beginnt ihr Studium zu ruhen. Schläuche führen in den Kopf der Mutter, sechs Wochen künstliches Koma.

Mit 23 Vormund der 53-jährigen Mutter

Morgens geht Vicky ins Krankenhaus, abends fällt sie auf das Sofa im Hochhaus. Nachdem die Mutter die Augen geöffnet hat, wird mit jeder Stunde klarer, was ihr Körper noch kann. Kauen und Schlucken und Sitzen zum Beispiel. Wenn sie Wasser aus einer Flasche in ein Glas schenken will, verwechselt sie Flasche und Glas. Sie spricht neue Worte. "Didi, dada, mölle." Die Begriffe haben keine Bedeutung, aber aus Sicht der Ärzte sind sie ein schlechtes Zeichen. Vicky wird mit 23 Jahren der Vormund ihrer 53-jährigen Mutter. "Sie ist noch da, aber trotzdem weg", sagt Vicky und kaut den Kaugummi. "Ich vermisse sie."

Seit 14 Jahren gibt es die Pflegeversicherung, und man kann sie sich wie eine Schatulle für schlechte Zeiten vorstellen. Alle Arbeitnehmer und -geber zahlen ein, damit jeder im Land, der Pflege braucht, etwas nehmen kann. Es ist eine Grundsicherung, die nie alle Kosten der Pflege deckt. Zyniker sagen, das Geld reiche, einen Menschen "satt und sauber" zu halten. Weit über zwei Millionen Menschen greifen in Deutschland in diese Schatulle. Es werden mehr. Wer Hilfe braucht, den ordnet ein Gutachter in eine von drei Pflegestufen. Vickys Mutter ist "schwerst pflegebedürftig" und in die höchste der drei Stufen geordnet.

Als sie aus der Rehaklinik nach Hause kommt, darf sich Vicky deshalb jeden Monat 1470 Euro aus der Pflegeschatulle nehmen, die sie an einen Pflegedienst weiterreicht: Täglich kommt eine Frau ins Hochhaus, die ihre Mutter aus dem Bett holt, sie anzieht, wäscht und füttert. Vicky sieht der Pflegerin zu und denkt, dass sie das auch selbst kann.

Vicky denkt: Was die Pflegerin kann, kann ich auch

Sowieso kommt der Pflegedienst nur zum Pflegen, nicht zum Bleiben. Die Mutter muss zum Beispiel dauernd zum Trinken angehalten werden. Wer drückt ihr tagsüber ein Glas Wasser in die Hand, wenn Vicky studieren soll? Sie bringt ihre Mutter nach kurzer Zeit in ein neu eröffnetes Pflegeheim. Es gibt gute und weniger gute Heime, aber in diesem neuen Haus vergessen die Pfleger, Vickys Mutter zu füttern. Sie waschen sie mit Latexhandschuhen, obwohl auf ihrer Haut Ekzeme wachsen und aufplatzen. Die Mutter reagiert allergisch auf Latex. "Heime sind menschenunwürdig", sagt Vicky voll Zorn und holt ihre Mutter nach wenigen Wochen zurück nach Hause. Zwei Drittel der Pflegebedürftigen werden in Deutschland in ihren vier Wänden betreut.

Von der Oma - sie ist 75 und reist manchmal aus ihrer tschechischen Heimat zum Helfen nach Wiesbaden - bringt Vicky Kochen bei. Von den Therapeuten ihrer Mutter lernt sie, wie man eine halbseitig Gelähmte aus dem Bett dreht und in den Rollstuhl hebt, wie man sie auf den Lift über der Badewanne hievt. Es gibt nur wenige Menschen, die der Frage nachgehen, wie Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene zurecht kommen, die ihre Eltern pflegen - während ihr eigenes Leben sich noch zurechtrüttelt.

Mit Pflege setzen sich meist nur Erwachsene um die 50 auseinander, wenn deren Eltern um die 80 sind. Aber das wird sich ändern. Mehr Eltern bekommen ihre Kinder später, oft noch im fünften Lebensjahrzehnt. Die Kinder sind dann vergleichsweise jung, wenn Mutter oder Vater mit den Folgen eines Herzinfarkts oder eines Schlaganfalls kämpfen.

225.000 Minderjährige leben mit pflegebedürftigen Eltern

Sabine Metzing-Blau ist eine der ersten Wissenschaftlerinnen in Deutschland, die sich mit jungen Menschen befassen, die ihre Eltern pflegen. Sie sitzt in ihrem Büro an der Universität Witten-Herdecke und erklärt sich das so: "Was man nicht wahrnimmt, dazu kann man nichts arbeiten." Metzing-Blau suchte monatelang nach jungen Menschen, die sie für ihre Doktorarbeit befragen konnte. Doch viele Kinder und Eltern erzählen nur zögernd, wie sich ihr Verhältnis zueinander geändert hat. Häufig hat das mit Scham zu tun.

Es gibt Sechsjährige, die dem Vater beim Gehen helfen, indem dieser die Hand auf den Kopf des Kindes stützt. Es gibt Zehnjährige, die ihrer Mutter beim Einführen eines Katheters helfen. Sabine Metzing-Blau lernte Jugendliche kennen, die kaum die Schule schaffen, weil sie zu Pflegern wurden.

"Für die Kinder ist es undenkbar, die Familie im Stich zu lassen. Ein 18-Jähriger sagte mir: 'Ich habe das nicht so gelernt, dass man jemand sitzen lässt und sagt: Mach deinen Scheiß allein. Man macht das nicht. Es ist die Familie'." In Großbritannien fragen Forscher schon seit einer Weile nach dem Leben der Young Carers, nach jungen Pflegern unter 18 Jahren. Nach einer Annahme stehen in Großbritannien 175.000 Kinder und Jugendliche ihren chronisch kranken oder behinderten Eltern im Alltag bei. Sabine Metzing-Blau geht für Deutschland von 225.000 aus. Eine Hochrechnung, in der die 18- bis 30-Jährigen noch gar nicht vorkommen.

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Ausgeliefert: 24 Stunden in der helfenden Hand der Pfleger