Leben für den Sport: "Ja, ich bin sehr eitel"

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Sportstudent und Bodybuilder: Und jetzt anspannen! Fotos
Anselm Woesler/Quality Magazine

Eigentlich träumte Leon Schmahl, 27, von einer Fußballerkarriere, heute ist er Deutscher Vizemeister im Natural Bodybuilding. Im Interview erklärt er, warum er sich quält - und warum seine Mutter damit Probleme hat.

Damals, im Portugal-Urlaub, riefen die Eltern irgendwann die Polizei. Zur Mittagszeit war ihr Sohn Leon losgejoggt und Stunden später noch nicht zurück. Als er wieder auftauchte, war er 30 Kilometer durch den Sand gelaufen, 13 Jahre war er alt. "Mir ging es ganz gut", erinnert er sich. "Ich hatte nur ein bisschen Sonnenbrand."

Heute ist Leon Schmahl 27 Jahre alt und joggt kaum noch. Er verliere dabei zu viel Muskelmasse, sagt er. Dann habe er keinen Po mehr in der Hose. Schmahl ist Deutscher Vizemeister im Natural Bodybuilding, das ist Bodybuilding ohne Doping - inklusive strenger Kontrollen. Er sieht so bullig aus, dass Türsteher ihm oft den Einlass in Clubs verwehren. Dabei spricht er ganz sanft, macht Yoga und tanzt Zumba - weil seine Schüler sich das für den Unterricht gewünscht hatten. Schmahl studiert Mathe und Sport auf Lehramt, im November macht er sein Examen.

Das Jahr ist für ihn in Season und Off-Season, in Diät und Aufbauphase eingeteilt. Er trainiert täglich eineinhalb Stunden, einmal isst er bis zu 7500 Kalorien am Tag, um Energie zu speichern für das Training. Dann reduziert er auf die Hälfte und trinkt bis zu zwölf Liter. Die Tage vor dem Wettkampf verzichtet er fast komplett auf Wasser, so spannt sich die Haut am großen Tag wie Pergamentpapier um seine Oberarme. In dieser Zeit, sagt er, frage er sich oft: "Warum tue ich mir das an?" Im Interview erklärt er, warum ihm der Sport so wichtig ist.

SPIEGEL ONLINE: Eigentlich träumten Sie von einer Fußballerkarriere. Was ist passiert?

Schmahl: Vor sieben Jahren hatte ich einen Kreuzbandriss. Damals spielte ich in der Oberliga und war - in meiner Vorstellung - auf dem Weg zum Profi. Ich habe nach der Operation intensiv im Fitnessstudio trainiert, es hat trotzdem nicht mehr gereicht.

SPIEGEL ONLINE: Klingt hart.

Schmahl: Mental war ich am Ende, schließlich hatte ich vom großen Ruhm geträumt. Es hat ein halbes Jahr gedauert, bis ich damit klargekommen bin. Das Krafttraining war für mich anfangs kein Ersatz, dann habe ich aber schnell Erfolge gesehen.

SPIEGEL ONLINE: Je mehr Muskeln, desto mehr gefiel Ihnen der Sport?

Schmahl: Ja, das kam schleichend. Ich brauche den Kampf, die Herausforderung. Ich finde es cool zu gewinnen. Deswegen war klar, dass nach dem Fußball etwas Neues kommen muss. Beim ersten Wettkampf konnte ich mich noch nicht mit dem Posing identifizieren. Die sehen doch, dass ich besser aussehe als die anderen, dachte ich. Ich wollte mir auch nicht die Beine rasieren. Nach und nach habe ich das angenommen. Das hängt stark damit zusammen, dass ich Natural Bodybuilding mache. Ich bin stolz darauf, ohne Doping so auszusehen.

SPIEGEL ONLINE: Manche Frauen sagen sicher auch: Sie sehen aufgepumpt aus.

Schmahl: Ja, das höre ich auch. Wobei sie manchmal ihre Meinung schnell ändern, nachdem sie einmal meine Oberarme angefasst haben.

SPIEGEL ONLINE: Wer glaubt Ihnen eigentlich, dass Sie nicht dopen?

Schmahl: Wahrscheinlich keiner so richtig. Nur meine besten Freunde sehen seit Jahren, wie sehr ich auf meine Ernährung achte und wie oft ich trainiere.

SPIEGEL ONLINE: Nie darüber nachgedacht?

Schmahl: Nein, ich möchte irgendwann Kinder haben. Das ist mir unglaublich wichtig. In meinem Bekanntenkreis hatte ich auch einige abschreckende Beispiele, einer hat jetzt einen Herzschrittmacher. Manchmal trainiere ich in richtigen Pumperbuden, da treffe ich viele mit den typischen Testosteron-Schultern, mit dünnen Beinen, flacher Brust und Pickeln auf dem Rücken. Wenn wir ins Gespräch kommen, dann sage ich ihnen klar meine Meinung zum Doping. Den meisten ist das egal. Aber ich weiß wenigstens, dass ich alles gegeben habe.

SPIEGEL ONLINE: Was macht der Sport mit Ihnen?

Schmahl: Das, was ich beim Training leiste, projiziere ich auch auf andere Bereiche wie die Uni zum Beispiel: Wenn du die Diät geschafft hast, dann kannst du jetzt auch vier Wochen jeden Tag sechs Stunden lernen. Das macht mich selbstbewusster.

SPIEGEL ONLINE: Wie reagieren Ihre Freunde, wenn Sie so viel Zeit in Kochen, Essen und Trainieren investieren?

Schmahl: Meine Freunde sind zum Glück sehr tolerant, manche trainieren ja selbst. Nur meine Mutter ist nicht so begeistert.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Schmahl: Bei meiner ersten Diät habe ich sehr gelitten, ich war schlechtgelaunt, manchmal aggressiv. Wobei das nicht nur am Hunger lag. In dieser Zeit haben sich meine Eltern getrennt und ich habe mit meiner damaligen Freundin Schluss gemacht. Seitdem denkt meine Mutter: Warum tut er sich das an? Was sicher auch daran liegt, dass sie in der Suchtberatung arbeitet.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie süchtig nach Sport?

Schmahl: Ein bisschen bestimmt. Wobei ich es gut in den Griff bekommen habe. Ich bin heute nicht mehr schlechtgelaunt, wenn ich mal einen Tag nicht trainiere.

SPIEGEL ONLINE: Ein bisschen Sportsucht, ein bisschen Lust am Gewinnen - was treibt Sie noch an?

Schmahl: Mir gefällt es, so schnell Erfolge zu sehen. Ich sehe sofort, wenn ich diszipliniert meine Diät einhalte. Der Spiegel ist sowieso sehr wichtig: Bei den Bizepsübungen trainiere ich nur im Unterhemd und schaue meine Arme an. Das motiviert.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt schon etwas eitel.

Schmahl: Ja, ich bin sehr eitel. Ich brauche lange im Bad, für die Haare, die Augenbrauen, die Rasur. Ich achte auch auf Kleinigkeiten: Ich mag es zum Beispiel nicht, wenn man Adidas-Schuhe zu einem T-Shirt von Nike anzieht. Das muss immer alles passen.

SPIEGEL ONLINE: Könnten Sie mit einer unsportlichen Frau zusammen sein?

Schmahl: Ein bisschen Energie sollte sie schon haben. Viel wichtiger ist allerdings, dass sie Verständnis für meinen Sport hat. Wobei sie auf keinen Fall auch für Wettkämpfe trainieren sollte. Richtige Bodybuilderinnen gefallen mir überhaupt nicht. Außerdem würden wir dann ja beide Diät machen, würden beide leiden, wären beide genervt. Keine gute Kombination.

SPIEGEL ONLINE: Ein Leben ohne Sport ginge für Sie sicher nicht - aber ist Sport das Wichtigste im Leben?

Schmahl: Schwere Frage. Das Wichtigste ist es sicher nicht - aber eigentlich fällt mir auch nichts Wichtigeres ein. Obwohl. Liebe natürlich. Und irgendwann mal die eigene Familie.


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insgesamt 84 Beiträge
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1.
grossermanitu 13.06.2013
Respekt vor der Leistung. Bodybuilding, so wie er es macht, ist ein 24-Stunden-Job. Das harte daran ist nicht mal mehr das Training, sondern 7-mal am Tag das richtige in der richtigen Menge zu Essen. Und natürlich sich vor den täglichen Anfeindungen und Sprüchen zu schützen, warum man nicht das macht was alle machen.
2. Geiler Typ...
fatherted98 13.06.2013
...Respekt vor der Leistung wenn er tatsächlich "natural" ist. Eitelkeit...klar im BB ist das wohl die größte Triebfeder...bis hin zum Narzismus....aber da ist wohl kein Leistungssportler vor gefeit.
3. Kudos!
toblerone01 13.06.2013
Sehr schönes Interview, und vor allem vorbildliche Einstellung! Diese Form von Disziplin und Sorgfalt kann man sich in anderen Bereichen nur wünschen. Und wieso Eitelkeit etwas schlechtes sein soll, habe ich noch nie verstanden. Gäbe es keine Eitelkeit, gäbe es nur übergewichtige, unansehnliche Menschen, die das Gesundheitssystem und das öffentliche Straßenbild belasten. Leider ist es wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis die ersten missgünstigen Kommentare hier unter dem Artikel erscheinen werden...
4.
bubamara80 13.06.2013
Zitat von toblerone01Sehr schönes Interview, und vor allem vorbildliche Einstellung! Diese Form von Disziplin und Sorgfalt kann man sich in anderen Bereichen nur wünschen. Und wieso Eitelkeit etwas schlechtes sein soll, habe ich noch nie verstanden. Gäbe es keine Eitelkeit, gäbe es nur übergewichtige, unansehnliche Menschen, die das Gesundheitssystem und das öffentliche Straßenbild belasten. Leider ist es wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis die ersten missgünstigen Kommentare hier unter dem Artikel erscheinen werden...
Ich gebe Ihnen Recht, Eitelkeit ist nichts schlechtes. Und Disziplin schon gar nicht. Aber sorry, ich finde Männer, die so übertreiben durchgetrainiert sind, dermaßen hässlich, dass mir das Mittagessen hochkommt! Und da bin ich nicht alleine...
5. top beitrag
beastofchaos 13.06.2013
sehr interessant. bin seit nem hapben jahr auf natuerliche weise dabei, obwohl mir noch die disziplin fehlt, auch bei der ernaehrung hart zu bleiben. gutes leckeres essen ist fuer mich ein bedeutender wohlfuehlfaktor, den ich halt durch sport wett mache, der meinem koerper gut tut :D vlt mache ich das demnaechst etwas professioneller, wobei eikelkeit im sinne von motivation da sehr behilflich sein kann!
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