Libeskind-Audimax in Lüneburg: Prachtbau für die Provinz

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Für 58 Millionen Euro gönnt sich die Uni Lüneburg ein neues Hauptgebäude von Stararchitekt Daniel Libeskind. Studenten trommelten dagegen, Politiker sahen ein Luftschloss mit unsauberen Finanzierungs-Tricks. Jetzt hat die Hochschule verraten, wer das Raumschiff in der Heide bezahlen soll.

Stararchitekt bebaut die Heide: Think Big Fotos
Leuphana / DPA

Namen sind Nachrichten, das weiß die Uni-Leitung in Lüneburg. Und je bekannter ein Name, je prominenter, desto mehr von seiner Bekanntheit strahlt ab auf die Hochschule selbst - das ist die Idee. Deshalb ließ die Uni ihre Erstsemester schon mal vom ehemaligen US-Präsidenten Jimmy Carter begrüßen und von Christian Wulff, als der noch Ministerpräsident von Niedersachsen war. Auch Angela Merkel schaute vorbei auf ihrer Showreise durch die von ihr ausgerufene "Bildungsrepublik".

Der am häufigsten genannte Promi-Name in Lüneburg dürfte momentan allerdings der von Daniel Libeskind sein: Der Architekt hält gelegentlich Vorlesungen im niedersächsischen Städtchen - und er hat das neue futuristische Hauptgebäude entworfen, das die Uni jetzt in Eigenregie errichten will. Für 57,7 Millionen Euro soll bis Ostern 2014 eine silbern gezackte Fassade Richtung Himmel wachsen, 38 Meter hoch, mit Platz für 1200 Menschen.

Zügig sollen die Arbeiten starten, die Grundsteinlegung ist bereits für das kommende Frühjahr geplant. Die Heidschnucken werden sich also demnächst mächtig erschrecken - erst über die an- und abrollenden Baufahrzeuge, dann über den raumschiffartigen Koloss, der so gar nicht in die beschauliche Umgebung passen will. Der Prachtbau in der Provinz ist durchaus umstritten: Studentenvertreter nannten ihn "nicht zweckmäßig", Landespolitiker hielten es für ein Luftschloss, weil die Finanzierung nicht gesichert sei. Zwischenzeitlich drohte der Bau sogar am Tierschutz zu scheitern: Vogelfreunde hatten auf dem Campus zwei Haubenlerchen-Pärchen entdeckt, eine akut vom Aussterben bedrohte Vogelart.

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Uni Lüneburg: Piepmatz-Pärchen lässt die Heide wackeln
Zudem umfassten die Pläne ursprünglich, zusammen mit Partnern aus der Privatwirtschaft ein Hotel und Parkplätze auf dem Campus zu errichten - neudeutsch "Public-Private-Partnership" (PPP). Auch dagegen richtete sich Kritik: Ein privater Investor, der Nutzungsrechte auf dem Uni-Gelände hätte, das sahen nicht nur Studentenvertreter und die Grünen im Landtag kritisch.

Wie erfindet man eine Uni neu?

Jetzt kündigte die Uni an, den Bau in Eigenregie zu errichten, ganz ohne private Partner, ohne Hotel, ohne Parkplatz. Die Uni-Leitung konkretisierte auch, woher das Geld kommen soll. So soll das Land Niedersachsen 18,6 Millionen Euro beisteuern, die Europäische Union 14 Millionen, Stadt Lüneburg und Landkreis Lüneburg zusammen sieben Millionen und das Bundeswirtschaftsministerium mehr als zwei Millionen. Hinzu kommen demnach ein paar kleinere Geldgeber, etwa die Kirchen.

Es ist ein Prestige-Projekt, Teil eines Plans, mit dem Uni-Präsident Sascha Spoun und sein Stellvertreter Holm Keller die Hochschule neu erfinden wollen. Der eine war beim Amtsantritt 2006 mit 36 Jahren der jüngste Uni-Chef Deutschlands, der andere arbeitete früher bei McKinsey und Bertelsmann. Eine Elite-Akademikerschmiede wollen sie aus der Provinz-Uni machen, die hervorgegangen ist aus einer Fachhochschule und einer Pädagogischen Hochschule. Eine Werbeagentur steuerte sogar einen neuen Namen bei: Leuphana, so nennt sich die Uni seit einigen Jahren.

"Wir sind eine kleine Universität, die sich viel vorgenommen hat", beschreibt Ex-Werber Keller, der New Yorker Architekten Libeskind schon lange kennt, den Feldversuch in der Heide. Vergessen machen wollen sie jene Zeiten, da die "Frankfurter Allgemeine" die Strahlkraft der Uni spöttisch mit einer "Energiesparlampe der ersten Generation" verglich.

"Das entschärft die Auseinandersetzung"

Um sich den Traum vom Libeskind-Bau zu erfüllen, muss die Uni aber auch selbst Geld beisteuern. Deshalb will sie Grundstücke und Gebäude verkaufen und so neun Millionen Euro zusammenbekommen. Dabei handelt es sich unter anderem um einen Neu- und einen Altbau, in dem bislang die Wirtschaftsfakultät untergebracht ist, die Informatik und die Automatisierungstechnik, wie Uni-Sprecher Henning Zühlsdorff SPIEGEL ONLINE sagte. Das Ziel sei es, die gesamte Uni an einem zentralen Standort zusammenzuführen. Die Finanzierung sei gesichert.

Ein Stück weit beruhigt die neue Ankündigung einige der Kritiker. Vor wenigen Wochen sprach etwa Gabriele Heinen-Kljajic, stellvertretende Vorsitzende der Grünen-Fraktion im Landtag, in der "Welt" noch von "windigen Ideen", als es um die Finanzierungsvorschläge aus Lüneburg ging. Jetzt sagte sie SPIEGEL ONLINE, es sei "klug, sich von Hotel und Parkplatz zu verabschieden". Der Verzicht auf private Partner entschärfe die Auseinandersetzung. Allerdings mahnte sie, die Uni dürfe ihre Grundstücke und Gebäude keinesfalls unter Wert verkaufen.

Weder die Uni-Leitung noch das niedersächsische Wissenschaftsministerium wollen den Verzicht auf Partner aus der Wirtschaft als Scheitern verstanden wissen. Ein Ministeriumssprecher sagte, diese Option habe es von Anfang an gegeben. Zudem seien durch das PPP-Verfahren Einsparmöglichkeiten entdeckt worden. Anfangs sei mit 61,4 Millionen Euro gerechnet worden, jetzt noch mit 57,7. Die Uni teilte mit, sie verzichte auf einen privaten Partner, weil dies keine wirtschaftlichere Alternative sei.

Wenn alles klappt, wird sich die Leuphana-Uni also auch mit dem Namen Libeskind schmücken können, nicht nur als Gastprofessor, sondern mit ihrem neuen Hauptgebäude. Aber natürlich lädt sie auch weiter andere Prominente ein: So sprach als Gastredner auf dem Campus vor wenigen Wochen Ulrich Wickert. Namen sind Nachrichten.

Mit Material von dpa und ddp

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