Machtkampf an Elite-Uni: Gemüsehändler fordert Lord heraus

Aus Cambridge berichtet Niels Anner

Queen-Gemahl Prinz Philip gibt den Job auf, also muss die britische Uni Cambridge einen neuen Kanzler suchen - und kürt standesgemäß einen Adligen zum Kandidaten. Doch nun fordert ihn ein örtlicher Gemüsehändler zum Duell. Die altehrwürdige Institution stellt sich auf einen unterhaltsamen Wahlkampf ein.

Nachfolge von Prinz Philip: Wer wird Kanzler in Cambridge? Fotos
Niels Anner

Nein, seine königliche Hoheit Prinz Philip, 90, ist bis heute nicht nur der dienstälteste Prinzgemahl einer britischen Königin. Nebenbei erfüllte er 34 Jahre lang eine andere Pflicht: Er amtierte als Chancellor der University of Cambridge. Wer Kanzler ist, weiht in festlichem Talar Gebäude ein, führt internationale Gäste durch die Colleges und verteilt Diplome. Der Posten umfasst zwar nur repräsentative Aufgaben, aber es ist das höchste Ehrenamt, das die Elite-Uni zu vergeben hat.

In diesem Sommer allerdings trat Philip als Chancellor ab, ein Nachfolger muss her - doch das erweist sich als schwieriger als erhofft.

Repräsentativ soll der Gewählte sein. Seit Jahrhunderten kommen Adlige, Bischöfe, ehemalige Premierminister und Prinzen zum Zug. Auch diesmal, für die Wahl Mitte Oktober, hat der von der Universitätsleitung vorgeschlagene Kandidat das passende Format: Lord David Sainsbury of Turville, 70, Eton- und Cambridge-Absolvent, Philanthrop, Geschäftsmann mit Landsitz, einst Mitglied der Labour-Regierung, jetzt mit Sitz im House of Lords - und millionenschwerer Förderer der Uni. Als im Mai ein von ihm finanziertes Laboratorium für Pflanzenforschung eröffnet wurde, machte auch die Queen ihre Aufwartung.

Als die Universität Lord Sainsbury im Mai als Kandidaten ankündigte, deutete sie an, dass er eigentlich bereits gewählt sei. Eine Kampfabstimmung um das Amt gab es seit mehr als 160 Jahren nicht mehr, denn herausgefordert wird dieser mit Bedacht Auserkorene normalerweise nicht.

"Die Leute wollen eine Alternative"

Doch dann kam Abdul Arain, 46, Besitzer eines Lebensmittelladens in Cambridge, landesweit unbekannt. Er sei von befreundeten Akademikern aufgefordert worden, seine Kandidatur einzureichen, sagt der gebürtige Kenianer Arain, der vor 30 Jahren nach England kam. Rasch kamen die benötigten 50 Unterschriften von Cambridge-Absolventen zusammen.

"Die Leute wollen eine Alternative", sagt Arain. Die Rolle des Chancellors habe große Symbolkraft, und er würde der Universität mehr Bodenhaftung verleihen, sagt er, den Elfenbeinturm volksnäher machen: "Ich will Stadt und Uni enger zusammenrücken."

Mitten im Multikulti-Viertel um die Mill Road in Cambridge verkauft Abdul Arain frisches Gemüse, Klopapier, Kekse, exotische Gewürze und viele ausländische Leckereien, die beim internationalen Publikum in der Studentenstadt gut ankommen. Jeder kennt ihn hier, die Dame, die Jugendprojekte organisiert, der ehemalige Bürgermeister, Studenten und Doktoranden.

Ihnen gebe er auch schon mal Ratschläge, erzählt Arain. Etwa nichts Ungesundes zum Frühstück zu kaufen. Zigaretten und Alkohol gibt es in seinem Laden aus Prinzip nicht. Der Muslim, der einmal Wirtschaft studierte, engagiert sich seit Jahren für den Dialog zwischen den Religionen. Für den sozialen Zusammenhalt müsse sich auch die Universität vermehrt einsetzen, fordert er. Die Probleme der britischen Gesellschaft könnten mit Bildung und Forschung gelöst werden.

Ist Arains Kandidatur nur ein PR-Gag?

"Entscheidend", sagt Arain, seien aber auch lokal verwurzelte Geschäfte wie seines. Diese würden mehr und mehr durch Supermärkte und andere Ketten verdrängt, die nur auf Gewinnmaximierung zielten. Die Folge: seelenlose Städte. Wie viele an der Mill Road wehrt er sich deshalb seit langem gegen eine neue Filiale von Sainsbury - dem Supermarktgiganten der Familie von David Sainsbury, der 1992 bis 1997 dessen Vorstandsvorsitzender gewesen war.

Ist Arains Kandidatur also ein PR-Gag der Gegner einer Supermarktkette? "Keinesfalls", beteuert er, es sei "Zufall", dass er mit Lord Sainsbury nun auch ein Duell um das Amt des Uni-Kanzlers austrage. Er insistiert, seine Kandidatur sei "kein Witz". Er wolle leidenschaftlich gerne frischen Wind und neues moralisches Bewusstsein in die Universität bringen.

Von David Sainsbury hört man solche Sätze nicht. Nach seiner Nominierung zeigte er sich geehrt, hob seine Erfahrung hervor, sein Netzwerk in Politik, Wirtschaft und Bildung. Er könne die Universität in allen Belangen repräsentieren, ihr ohne persönliche Interessen helfen, teilte er mit. Der Status des offiziellen Kandidaten macht ihn zum großen, vielleicht auch überheblichen Favoriten.

Dabei ist es nicht nur Abdul Arain, der es wagt, ihm das ehrenvolle Amt streitig zu machen. Zwei weitere Kandidaten meldeten sich für die Wahl an: Der Anwalt Michael Mansfield, Sozialist und Republikaner, darauf spezialisiert, tatsächliche und vermeintliche Opfer des Establishments zu verteidigen - seien es nun Minenarbeiter oder der ägyptische Milliardär Mohammed al-Fayed. Mansfield will die Universität vor der Sparwut der Regierung retten.

Und dann ist da noch Brian Blessed, ein beliebter Schauspieler und Komiker, bärtig und wortgewaltig, vor allem in Shakespeare-Rollen. Seine Kandidatur wurde von Studenten auf Facebook lanciert und wirkt hemdsärmlig. Blessed, der die Schule mit 14 verließ und nie studiert hat, will Cambridge als Kanzler mehr "Schwung, Humor und Seele" verleihen. Vor der Wahl will er seine Unterstützer in einem Pub treffen.

Das käme Abdul Arain selbstredend nicht in den Sinn. Doch die so unterschiedlichen Kandidaten werden sich noch auf derselben Bühne präsentieren: Der traditionsreiche Debattierclub, die Cambridge Union Society, konnte alle vier Bewerber verpflichten, sich vor der Wahl den Fragen des Publikums zu stellen. Auch dies ein Novum und eine Art Strafaufgabe für Lord Sainsbury. Abdul Arain freut sich dagegen schon mächtig darauf.

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insgesamt 27 Beiträge
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1. o^o
totalmayhem 10.10.2011
Zitat von sysopQueen-Gemahl Prinz Philip gibt*den Job auf, also*muss die Uni Cambridge einen neuen Kanzler suchen - und kürt standesgemäß einen*Adligen zum Kandidaten. Doch nun*fordert ihn*ein örtlicher Gemüsehändler zum Duell. Die altehrwürdige Institution stellt sich auf einen unterhaltsamen Wahlkampf ein. http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/0,1518,790081,00.html
Bei Tom Sharpe (Porterhouse Blue / Schwanenschmaus in Perterhause) kann man nachlesen, wie's gemacht wird. ;)
2. Das ist gut
muwe6161 10.10.2011
Grossartig dass sich mir nicht alle Feinheiten des britischen Humors erschliessen. Ich hoffe der SPON berichtet weiter. Meine Sympathie gehört dem studentischen Facebook-kandidaten. Bleib dran SPON!
3. nee
dadanchali, 10.10.2011
Zitat von sysopQueen-Gemahl Prinz Philip gibt*den Job auf, also*muss die Uni Cambridge einen neuen Kanzler suchen - und kürt standesgemäß einen*Adligen zum Kandidaten. Doch nun*fordert ihn*ein örtlicher Gemüsehändler zum Duell. Die altehrwürdige Institution stellt sich auf einen unterhaltsamen Wahlkampf ein. http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/0,1518,790081,00.html
Die Briten, echt schräg. Die Debatte würde ich mir gerne anschauen. Müssen die Bewerber auch so herrlich deplatzierte, oft ziemlich peinliche Witze von sich geben wie ihr Vorgänger?
4. .
rebelheart 10.10.2011
Gratuliere, SPON, ihr habt es geschafft, einen ganzen Artikel über Wahlkandidaten zu schreiben ohne zu erwähnen, wann die Wahl genau stattfindet, wer wahlberechtigt ist und wie überhaupt gewählt wird.
5. Loriot haette es nicht besser machen koennen!
Magnolie5 10.10.2011
Es klingt nach Satiere und Komik, hauptsache das Elitedenken wird endlich in GB aufgemischt. Ich gebe aber auch den Durchschnittsbriten eine Mitschuld an diesem elitaeren Statusdenken, wie die ihre Queen und ihre Adligen verherrlichen, grenzt doch an Peinlichkeit und so erwartet vermutlich der "ordenary citicen",dass irgendein Royal wiedermal in diese Position gehievt wird. Falls der "Gemuesehaendler " es schafft, wuerde es mich freuen.
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