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Mannheimer Pop-Akademie: "Wir können Talente nicht erfinden"

Von Helge Stroemer

Von ihrer Begabung allein können Musiker meist nicht leben. An der neuen Pop-Akademie in Mannheim lernen knapp 60 Studenten jetzt das Musikgeschäft näher kennen. Dozenten wie Xavier Naidoo, Smudo oder Tim Renner wollen ihnen helfen, sich in der Branche durchzusetzen.

Bei vielen Plattenfirmen bisher abgeblitzt: Justin Nova
Helge Stroemer

Bei vielen Plattenfirmen bisher abgeblitzt: Justin Nova

Noten lesen kann Justin Nova nicht. Trotzdem bestand er die Aufnahmeprüfung: Nova spielte zwei seiner eigenen Songs vor und überzeugte damit die Jury. Nun gehört der 25-Jährige zu den ersten 57 Studenten der neu gegründeten Pop-Akademie in Mannheim, die aus 700 Bewerbern ausgewählt wurden. Der Sänger und Gitarrist aus Karlsruhe will Kontakte knüpfen und lernen, wie die Musikindustrie funktioniert. Denn bisher lehnten viele Plattenfirmen seine Band ab, mit der er amerikanischen Gitarrenrock spielt.

"Wir können Talente nicht erfinden, wir können aber kreative Leute zusammenbringen", sagt Udo Dahmen, Leiter der Akademie. Talent und das Abitur bilden die Voraussetzungen. Dann heißt es, sich so gut wie möglich vor der Jury zu verkaufen.

Neben Popmusikdesign bietet die Akademie den Studiengang Musikbusiness an. 27 Absolventen werden zu Instrumentalisten, Sängern, Produzenten und Songschreibern ausgebildet. Und 30 junge Leute lernen das Geschäft der Plattenfirmen, Marketingspezialisten und Veranstalter kennen.

Anfänger sind die meisten Studenten jedoch nicht. Wie Justin Nova sammelten sie schon Erfahrungen im Musikgeschäft. So spielt Nova mit seiner Band jedes Jahr mehr als 60 Konzerte. Auch auf der Eröffnungsfeier der Akademie Anfang Oktober in der Alten Feuerwache in Mannheim trat er mit seiner Gruppe auf - neben Wir sind Helden.

Die meisten Verträge sind keine gute Idee

Keine Musiklehrer: Geschäftsführer Hubert Wandjo (links), Studiengangsleiter Dirk Metzger (Mitte) und Gesamtleiter Udo Dahmen
Pop-Akademie Mannheim

Keine Musiklehrer: Geschäftsführer Hubert Wandjo (links), Studiengangsleiter Dirk Metzger (Mitte) und Gesamtleiter Udo Dahmen

Die deutsche Band gilt als Nachwuchshoffnung des Jahres und schaffte den Sprung in die Charts. Der Kontaktstudiengang Popularmusik in Hamburg, den Udo Dahmen bisher leitete, hat Wir sind Helden dabei entscheidend geholfen. "Wir hatten so viel Glück, weil wir immer jemanden fragen konnten", so Sängerin Judith Holofernes. Meist gehe es darum, irgendwelche Verträge zu unterschreiben. "Und meist war das keine gute Idee."

Mehr über das Musikgeschäft will auch Sylvia Krämer erfahren. Sie arbeitet seit drei Jahren in der Veranstaltungsbranche. Mit ihren Rastalocken passt die 24-Jährige vielleicht eher in den Studiengang Popdesign - doch sie studiert Musikbusiness. In ihrer Aufnahmeprüfung übernahm sie die Rolle eines fiktiven Konzertveranstalters. Eine weitere Aufgabe: Als Plattenfirmenmanager sollte Krämer eine Band auswählen und begründen, warum sie sich gerade für diese Gruppe entschieden hat. "Das war nah am Alltag dran", bestätigt sie. In Zukunft will die Stuttgarterin ein Label und eine Agentur gründen, in der Künstler rundum betreut werden.

Mannheim will Pop-Stadt werden

Viele Studenten kommen wie Sylvia Krämer aus der Region. Nach dem Motto "Wir können alles - außer Hochdeutsch" hat Baden-Württemberg die Pop-Akademie ins Ländle geholt. Der Stuttgarter Staatsminister Christoph Palmer gilt als Macher der Akademie und sieht Mannheim gar als neues Mekka des Popbusiness.

Wir sind Helden: Kummer mit Verträgen
Helge Stroemer

Wir sind Helden: Kummer mit Verträgen

Die Stadt verfolgt dabei handfeste wirtschaftliche Interessen. Sie erhofft sich Impulse für das regionale Wirtschaftsleben, zumindest aber einen kräftigen Imagegewinn. Im Stadtteil Jungbusch entsteht ein Musikpark (Baukosten 3,8 Millionen Euro). Tonstudios, Probe- und Seminarräume sowie ein Musikclub stehen den Studenten im März nächsten Jahres zur Verfügung. Man rechnet mit 30 Firmen, die sich dort ansiedeln: Musikverlagen, Agenturen, kleinen Plattenlabels.

Neben dem Land Baden-Württemberg, der Stadt Mannheim, dem Südwestrundfunk und Universal Music beteiligt sich MTV an der Pop-Akademie - und die Produktionsfirma von Xavier Naidoo. Der Vorzeigekünstler der Region fungiert auch als Dozent. Smudo, Edo Zanki sowie Tim Renner, Deutschland-Chef von Universal Music, gehören ebenfalls zu den Ausbildern.

Bis zum Umzug in den Neubau pauken die Studenten noch in einem Zweckbau unweit des Mannheimer Schlosses. Die Instrumentalisten und Sänger erhalten in der Mannheimer Musikhochschule Unterricht. Dabei verknüpft man die Inhalte beider Studiengänge. "Kunst und Vermarktung gehören zusammen", schärft Dahmen seinen Studenten ein.

Ein Leben lang von der Musik leben

Der Themenkurs in den ersten Wochen lautet deshalb: Wie baue ich einen Act auf, wie produziere ich Hits und bringe sie erfolgreich auf den Markt? Experten referieren über den Musikmarkt, zum Beispiel über Unterschiede zwischen Major Companies und Indie-Labels. Auf dem Stundenplan steht außerdem Popjournalismus mit Christian Stollberg (Chefredakteur "Musikexpress") und Gerold Hug (Programmchef SWR 3).

"Wir wollen, dass die Leute ein Leben lang von Musik leben können", sagt Dahmen. Er glaubt, dass die Studenten, die nach sechs Semestern den Bachelor der Pop-Akademie erhalten, gute Zukunftsperspektiven haben.

Rosig sind Aussichten derzeit nicht gerade: Der CD-Absatz in Deutschland sank im ersten Halbjahr 2003 um rund 16 Prozent. Der Umsatz in diesem Jahr mit rund 1,7 Milliarden Euro erreicht nur etwa das Niveau von 1990. Doch der Leiter der Pop-Akademie macht den Studenten Mut: "Die Krise der Tonträgerbranche bietet große Chancen für kleinere Unternehmen."

Auch Justin Nova will sich eine Nische suchen, wenn es mit der eigenen Band nichts wird: "Dann schreibe ich Songs für andere Künstler."

Weitere Informationen:

Popakademie Baden-Württemberg
E2, 1-3, 68159 Mannheim
Tel. 0621/533 972 00, Fax 0621/533 972 99
E-Mail info@pop-akademie.de, Internet www.pop-akademie.de

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