Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Marke Eigenbrau: "Stell dein Bier auf ein Tier"

Zwei junge Berliner rebellieren gegen grelle Werbung. Sie verkaufen schlicht "Bier", weil sie finden: Geschmack braucht keinen Namen, draufstehen soll nur, was drin ist. Mit ihrem ganz gedönsfreien Gerstengetränk bestehen die Macher den Kneipentest - jetzt kommt "Weinschorle". Melanie Fuchs hat genippt.

"Bier"-Bier: Kein Alkohol ist auch keine Lösung Fotos
Waren des täglichen Bedarfs

Biertrinken ist lässig. Bier trinkt man aus der Flasche, niemand würde auf die Idee kommen, den Flaschenrand mit Zucker zu bestreuen oder den Inhalt durch Sahne süffiger zu machen. Bier ist schlicht, preiswert, Grundnahrungsmittel. Bier ist ein ehrliches Getränk. Oder?

Für Stephan Alutis und Johannes Schwaderer nicht ehrlich genug. Das liegt nicht an der Flüssigkeit selbst, sondern an der Verpackung, den aufdringlichen Werbespots, all den "Premium"- und "Extra"-Anhängseln. Und daran, was damit suggeriert wird: Wenn du Bier trinkst, hast du Freunde. Wenn du Bier trinkst, kannst du den Feierabend genießen, wie dieser gutaussehende Typ am Strand. Wenn du Bier trinkst, bist du ein echter Kerl.

Ein Beispiel für einen fiesen Fehltritt liefert etwa eine Online-Werbung auf der Seite www.bier.de für ein Bier-Fanposter. Darauf zu sehen ist eine Frau mit rot bestringtem Hintern, die sich tief in einen Eisschrank beugt und den siebenachtelnackten Po Richtung Kamera reckt. Slogan: "Deshalb steht Bier immer im unteren Kühlfach." Autsch.

Kein Kitsch, keine Kinkerlitzchen, kein anderes Bier

Das Berliner Gerstengebräu soll ohne Klischees, Versprechungen und Lobhudeleien auskommen. Bier ist "Bier". Schwarze Druckbuchstaben auf weißem Etikett auf brauner Flasche. "Wir machen ein Produkt für enttäuschte Großstädter, die unter akuter Reizüberflutung leiden", so Schwaderer. "Es gibt in Deutschland ein wahnsinniges Überangebot an Waren und Versprechungen." Auf Kuba dagegen gebe es nur eine Sorte Zahncreme, sagt er. Zur Zahnpflege reiche das aus.

Wie jetzt, sozialistische Produkteinöde, ist denn das erstrebenswert? Keine Vielfalt, keine Wahlmöglichkeiten? Schwaderer sagt: "Natürlich nicht. Uns geht es aber darum, dass sich die Leute aufs Wesentliche besinnen." Ein hoher Anspruch in Anbetracht der cirka 5000 Biere, die es in Deutschland schon vor "Bier" gab.

Eigentlich hatten die beiden nie vor, sich beruflich mit alkoholischen Getränken zu beschäftigen - Schwaderer, 28, studiert Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation, Alutis, 25, ist Software-Entwickler. An einem Abend in der Küche kam ihnen trotzdem die Idee für das Projekt. Sie luden Freunde ein, testeten mit verbundenen Augen zahlreiche Biersorten und vergaben den Misch- und Abfüllauftrag nach ihren Vorstellungen schließlich an die Brauerei Landsberg in der Nähe von Halle.

"Es ist ein Export. Mild, mit einer malzigen Note", erklärt Schwaderer. Aber hebt es sich auch von seinen Artgenossen ab? Geschmacksprobe: Die Jungs trinken "Bier" und ähnliches Bier aus zwei gleich aussehenden Gläsern - und erkennen ihr Produkt. Immerhin.

Was kriegt man, wenn man bei MAMA vier Buchstaben ersetzt?

22 Berliner Kneipen führen "Bier" bislang. Die Firma heißt "Waren des täglichen Bedarfs", sie beschert den Machern keine großen Gewinne, aber zumindest zahlen sie nicht drauf. Sponsoring-Anfragen und Angebote für Werbefilme gingen bereits ein, berichten die beiden und verfallen spontan in den Brainstorming-Modus: "Weiße Leinwand, auf der 'WERBUNG' steht." Oder: "Eine Quizshow mit der Frage: Was kommt heraus, wenn man bei MAMA vier Buchstaben austauscht?" Gelächter. Zwischendurch begrüßt der Besitzer der Bar die beiden mit Handschlag.

Ob es "Bier" tatsächlich irgendwann auf eine Leinwand schafft, ist fraglich. "Wir machen keine Push-, sondern Pull-Werbung", sagt Schwaderer. "Die Leute können sich eine unserer Postkarten mitnehmen oder auf der Homepage ein T-Shirt bestellen, aber wir drängen uns nicht auf."

Das Prinzip "maximale Schlichtheit" gilt auch für das Nachfolgeprodukt: Riesling aus Hessen mit Wasser. Durchsichtige Flasche, weißes Etikett, Aufschrift: WEINSCHORLE. Die schmeckt süffig und nicht zu süß wie ein Softdrink. Dabei hat der Tropfen 6,5 Volumenprozent Alkohol. Der Hausmeister der Kneipe kommt an unseren Tisch und will auch kosten. Nach einem kurzen Plausch nimmt er noch eine Flasche für seine Frau mit. Kurz darauf klopft jemand Stephan Alutis im Vorbeigehen auf die Schulter. Die "Bier"-Typen sind mittlerweile recht bekannt in einigen Berliner Kneipen.

Berliner Boheme: Gemocht werden ist besser als Geld

Das sei bei alternativen Getränkeherstellern oft so, sagt Schwaderer. Vertrieb und Verkauf liefen über persönliche Kontakte, "über Netzwerke". Man kenne diese Arbeitsweise von Künstlern und Kreativen, aber sie funktioniere auch bei Produktvermarktung im Kleinen ganz gut.

Schwaderer weiß das, weil er seine Abschlussarbeit über die Zukunft der Arbeit am Beispiel der Getränkebranche schreibt. Dazu hat er auch Interviews mit lokalen Herstellern geführt, zum Beispiel mit den Berliner Jurastudenten, die den Energydrink "Skull" erfunden haben. Das vorläufige Fazit: Viele verdienen nichts an ihren Getränken und brauchen zusätzliche Jobs. Aber zu sehen, dass Leute das eigene Produkt mögen, motiviere mehr als Geld.

Das merkt man auch den "Bier"-Erfindern an: Für April planen sie die Aktion "Bier sponsert deine WG-Party". Bald soll der Fotowettbewerb "Stell dein Bier auf ein Tier" starten, außerdem sind sie momentan auf der Suche nach Wörtern, die sich auf Schorle reimen. "Gerade fällt uns leider nur Dorle ein", sagt Alutis. Ideenanstöße? Sind herzlich willkommen.

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
Fake-Produkte: Der schöne Schein der Warenwelt

Fotostrecke
Brauwesen: Studieren mit Zisch


SPIEGEL.TV