Von Sonja Leister
Der Gourmet
In fünf Jahren Studium zwingt sich der Gourmet genau zweimal mit dir in die Mensa. Einmal, als er die Orangenfilets auf Couscous mit Waldmeisterpesto zu Hause vergessen hat. Und einmal, als sein Stamm-Feinkostladen wegen eines Trauerfalls unerwartet geschlossen hat. Wo soll er denn jetzt kurz vor 10 Uhr seine Tramezzini mit Selleriecreme herkriegen?
Nach vier Stunden Seminar mit entnervender Gruppenarbeit treibt ihn sein Hunger doch in die sonst heftig verabscheute Schnitzel-Zone. Fassungslos studiert er das Menü (und die erkalteten Essensbeispiele im beschlagenen Glasschaukasten): "An dieser Uni arbeiten über hundert C4-Professoren. Und die essen das gleiche wie Bauarbeiter?"
Genau jetzt solltest du ihn auf den "frisch & fröhlich"-Counter hinweisen, die etwas noblere Alternativen zu Wahlessen I bis IV - das Luxusprogramm für Durchschnittsstudenten, immer noch eine schiere Zumutung für den Gourmet. Er lässt sich auf Lachs mit Bärlauchsauce ein, obwohl das für ihn eine Kombination ist, die sich "außer Mensa-Köchen nur Muttis aus Dinner-Dokus ausdenken können".
Ein munteres Tischgespräch kommt mit dem Gourmet leider nicht auf: Er muss alle Energie dafür aufwenden, grantig zu kauen und abscheuerfüllt deine Blumenkohl-Käsebratlinge mit trockenem Reis zu fixieren. Den Beilagensalat schmäht er als "Strunkgeschnetzeltes". Du findest: Jetzt reicht es mit dem Restauranttester-Gehabe. Du nimmst dein Salatschälchen und gießt etwas Kräuterdressing auf den angehärteten Reisklumpen auf deinem Teller: "Merkt man, dass mein Vater auf dem Bau arbeitet?"
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