Millionen-Beute: Historiker klaut sich durch die US-Geschichte

Tiefer Fall eines Historikers: Barry Landau, Fachmann für US-Präsidenten, stahl mit einem Komplizen ein halbes Jahr lang Dokumente im Wert von Millionen Dollar aus Amerikas wichtigsten Archiven. Das Diebespaar war perfekt vorbereitet - und brachte zu seinen Raubzügen sogar Kuchen mit.

Massenhafter Dokumentenklau: Diebischer Historiker mit jungem Kompagnon Fotos
AP

Er galt als Experte für die Geschichte des Weißen Hauses. Viele Amerikaner kennen den Historiker und Memorabiliensammler Barry Landau von zahlreichen Fernsehauftritten, einige US-Präsidenten traf er persönlich. Nun bringt ihn seine Sammelleidenschaft für historische Dokumente und Objekte wohl ins Gefängnis.

Am Dienstag bekannte sich der selbsternannte "Amerikanische Präsidenten-Historiker" vor dem Gericht in Baltimore schuldig, gemeinsam mit einem Komplizen Tausende historische Originaldokumente aus diversen Bibliotheken und Archiven in den USA gestohlen und einige davon verkauft zu haben.

Unter dem Diebesgut seien wertvolle Dokumente gewesen, die von den ehemaligen US-Präsidenten George Washington, Franklin D. Roosevelt sowie von historischen Größen wie Marie Antoinette, Napoleon Bonaparte, Karl Marx and Sir Isaac Newton unterschrieben wurden.

Das Ausmaß der Diebstähle nannte die Staatsanwaltschaft "wahrlich atemberaubend". Das FBI habe nach der Verhaftung Landaus im Juli rund 10.000 Dokumente und "Kulturerbe-Objekte" in dessen New Yorker Apartment beschlagnahmt, das er zeitweise mit seinem Komplizen, dem 24-jährigen Jason Savedoff, bewohnt haben soll. 4000 der entwendeten Papiere ordneten Experten inzwischen mehreren Bibliotheken und Museen in vier Bundesstaaten zu.

Laut Angaben der Staatsanwaltschaft habe Landau die Diebstähle offenbar über Jahre geplant. Bei ihrem rund sechsmonatigen Beutezug im vergangenen Jahr seien Landau und sein Kumpan äußerst professionell vorgegangen. Zunächst hätten sie sich unter falschem Namen als Wissenschaftler in den Bibliotheken Zugang zu den wertvollen Dokumente verschafft, dann habe einer der beiden das Personal abgelenkt - unter anderem mit mitgebrachtem Kuchen. Währenddessen habe dann der Komplize die Dokumente eingesteckt. Damit der Diebstahl eines Objekts möglichst lange unentdeckt bleibt, hätten die beiden oft auch die zugehörige Karteikarte aus dem Katalog der Bibliothek entwendet.

Sammlung von über einer Million Dokumente und Objekte

Dass die Dokumentendiebe trotzdem ertappt wurden, ist einem Mitarbeiter der Maryland Historical Society in Baltimore zu verdanken. Landau und Savedoff seien ihm durch ihre häufigen Bibliotheksbesuche und die auffallend naiven Fragen Savedoffs verdächtig vorgekommen, deshalb habe er sie beobachtet, sagte er dem Gericht. So sah er auch, wie Savedoff am 9. Juli 2011 einen Stapel Dokumente in eine Laptop-Tasche steckte und die Bibliothek verließ. Der Mitarbeiter verständigte die Polizei, bei der Verhaftung fanden die Beamten 60 Dokumente aus der Bibliothek bei Savedoff. Darunter auch eine von Abraham Lincoln unterschriebene Landbesitz-Urkunde, deren Wert auf rund 300.000 Dollar geschätzt wird.

Der 63-jährige Landau beschreibt sich auf seiner Website als einen der größten Sammler von Präsidenten-Memorabilia und Artefakten in den Vereinigten Staaten. Seine Sammlung umfasse über eine Million Dokumente und Objekte. Sein einzigartiges Wissen über die Präsidentengeschichte der USA verschaffte ihm zahlreiche Auftritte im US-Fernsehen. Außerdem traf er im Verlauf seiner Karriere auf wichtige Persönlichkeiten wie Richard Nixon, Michail Gorbatschow, Frank Sinatra und sogar die Queen. Er nahm an offiziellen Dinners von Ronald Reagan, George Bush und Bill Clinton teil. 2007 erschien sein Buch "The President's Table: Two Hundred Years of Dining and Diplomacy". In den letzen Jahren war es jedoch ruhiger um den Historiker geworden.

Unter dem wertvollen Diebesgut befanden sich auch ein Manuskript von Lorenzo de Medici aus dem 15. Jahrhundert und ein Brief Benjamin Franklins, den er 1780 während des Unabhängigkeitskriegs an den Seefahrer John Paul Jones schickte.

David S. Ferriero, Chef der staatlichen Archive, sagte am Dienstag in einer Mitteilung: "Ich bin empört, dass Herr Landau, der sich selbst als Präsidenten-Historiker darstellt, das öffentliche Vertrauen an vielen unserer bedeutendsten historischen Einrichtungen beschädigt hat."

Landau und Savedoff erwartet eine bis zu fünfjährige Haftstrafe für die Bildung einer kriminellen Gemeinschaft sowie bis zu zehn Jahre für den Diebstahl der Dokumente. Ein Urteil will das Gericht am 7. Mai fällen. Savedoff hatte sich bereits im Oktober schuldig bekannt. Landau und er sollen sich erst eineinhalb Jahre vor den Diebstählen kennengelernt haben. Genauere Angaben zu der Beziehung der beiden Diebe wollte Landaus Anwalt nicht machen. Dies sei deren Privatsache.

seh/AP

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