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Mohammed, 22: Der fleißigste Deutsch-Schüler Palästinas

Von und Christian Salewski

Seine Helden heißen Beckenbauer, Matthäus, Klinsmann - jetzt lernt er ihre Sprache. Beim jungen Palästinenser Mohammed wurde aus einem Fußball-Tick ein Sprach-Tick. Er lernt emsig und hofft auf ein Stipendium für Deutschland. Es wäre auch der Ausbruch aus einem Gefängnis.

Fremdsprachen übt man im Unterricht oder bei einem Austauschprogramm. Mohammed übt, wenn er Pizza essen geht. Er läuft die Schlaglochpiste hoch, die sie hier Hauptstraße nennen, in die kleine Pizzeria am Ortsausgang von Abu Dis und begrüßt Pizzabäcker Said mit einem fröhlichen "Guten Tag". Said lacht dann und fängt mit Mohammed einen Plausch an. Auf Deutsch.

Said hat fast 20 Jahre in Deutschland gelebt, spricht fließend und manchmal ohne Punkt und Komma - genau das will Mohammed, 22, auch einmal können.

Noch spricht er ruckhaft, mit langen Pausen, in denen man ihm ansieht, wie er nach der richtigen Vokabel sucht. Aber der Palästinenser Mohammed hat sich dieses Niveau erkämpft. Zwischen der Idee, Deutsch zu lernen, und seinem Small-Talk mit Said liegen hunderte von Kilometern mit gelben Sammeltaxis und vier Jahre harter Arbeit.

Mohammed sitzt auf der Rückbank, im Taxi nach Ramallah, draußen ziehen die kahlen Berge des Westjordanlandes vorbei. Da hinten ist die Wüste, links die Straße runter geht es nach Jerusalem. Auf seinen Knien liegt ein Vokabelheft, für den Deutschunterricht im Goethe-Institut Ramallah. Mohammed, braune Augen, kurze dunkle Haare, lernt nicht nur Deutsch, er hat - und das ist nicht böse gemeint - einen Deutschland-Tick, der vor allem seinem Fußball-Tick geschuldet ist.

Deutsch für Anhänger

Er weiß jedes Bundesliga-Ergebnis vom vergangenen Wochenende auswendig und kann die Vereine, bei denen der deutsche Nationalstürmer Karl-Heinz Riedle in den neunziger Jahren gekickt hat, in Reihenfolge und Dauer korrekt aufzählen. In seinem Zimmer hängt eine große Bayern München-Fahne, an seine Tür hat er geschrieben, dass er allen Deutschen für die WM 2010 Glück wünscht. Darüber hängt eine schwarz-rot-goldene Fahne. In die gleichen Farben hat er sich auf seinem Facebook-Bild gehüllt.

Seine Fußballbegeisterung ist auch der Grund, warum er angefangen hat, die Sprache zu lernen: "Ich wollte den deutschen Fernsehkommentar bei den Spielen der Nationalmannschaft endlich verstehen." Einen Moment tut Mohammed so, als wäre das, was er gerade gesagt hat, eine völlig einleuchtende Antwort. Dann lacht er und schiebt schnell hinterher: "Na ja, vielleicht nicht nur deshalb."

Mohammed wohnt in Abu Dis, einem Viertel im Osten von Jerusalem, er studiert an der palästinensischen Al-Quds Universität Informationstechnologien. Eigentlich wäre das nächste Goethe-Institut und damit der nächste Deutsch-Unterricht nicht weit entfernt: nur ein paar Kilometer in den Westen, in die Innenstadt von Jerusalem - das wäre sehr viel näher für ihn als Ramallah.

Aber zwischen dem Haus seiner Familie in Abu Dis und der Innenstadt steht seit fast sechs Jahren eine acht Meter hohe Mauer, mit Stacheldraht und Wachen. In den Westen Jerusalems darf Mohammed nicht. Er ist Westbank-Bewohner: Palästinenser, jung, männlich. Keine Chance, dass die israelischen Behörden ihm eine Erlaubnis ausstellen, erst recht nicht für einen Sprachkurs.

Vor vier Jahren meldete sich Mohammed deswegen zu seinem ersten Deutschkurs in Ramallah an. Zu jeder Stunde fuhr er die 30 Kilometer aus Abu Dis nach Ramallah mit dem Taxi - und wenn es abends zurückging, war er manchmal mehr als drei Stunden unterwegs, weil der Checkpoint der Armee schon geschlossen war und das Taxi einen großen Umweg fahren musste.

Deutsch lernen, dem Käfig entkommen

Das war 2005, die zweite Intifada gerade ausgebrochen, die Lage im Land angespannt, die Grenzsoldaten waren gereizt. Und die Mauer, die Israel ums Westjordanland zog, machte Abu Dis Tag für Tag mehr zu einem Käfig. Deutsch lernen, vielleicht einmal nach Deutschland fahren - das ist für Mohammed auch der Traum davon, die verfahrene Situation hier oben auf den judäischen Bergen einmal vergessen zu können.

"Die meisten Schüler, die zu uns kommen, machen nur den Kurs für die erste oder zweite Stufe, um ein Visum für Deutschland zu bekommen", sagt Berit Bein, 38. Sie organisiert für das Goethe-Institut den Sprachunterricht. Mohammed meldete sich gleich nach dem ersten Kurs für den nächsten an, und danach wieder für den nächsten und so weiter.

Irgendwann saß er quasi allein im Klassenzimmer, weil es keine anderen Schüler mehr gab, die sein Niveau halten konnten. Mohammed versuchte seine Freunde zu überreden, auch Deutsch zu lernen, aber das klappte nicht. Er musste warten, bis wieder ein Kurs voll wurde. Einen Monat, zwei, drei, am Ende ganze sieben.

"Es ist sehr selten, dass jemand so lange durchhält wie er", sagt Berit Bein. "Und wir haben selten Schüler, die sich so für die deutsche Sprache und unser Land begeistern". Weil Mohammed am Ende weiter kam als alle anderen, schlug ihn das Institut für ein Stipendium vor, mit dem er ein paar Wochen nach Deutschland fahren konnte.

Lernen von Beckenbauer und Klinsmann

Stolz zeigt er die Bilder auf seinem Computer vom Workshop vor einem Jahr in Bonn: Er traf andere junge Leute aus der ganzen Welt, die in den Kursen des Goethe-Instituts herausragende Leistungen gezeigt hatten. Da sind sie in Bonn vor dem Poppelsdorfer Schloss, da vor dem Kölner Dom, und das Bild, das ist in Hannover, im Fußballstadion. "Eine tolle Zeit war das", sagt Mohammed. Am liebsten hätte er den ganzen Kurs gleich mit nach Ramallah genommen, um weiter Deutsch zu lernen. Immerhin hat er sie alle eingeladen. Aber ob sie kommen?

Zu Hause in Abu Dis wartet Mohammed nun wieder darauf, bis sich genug Schüler für einen neuen Deutsch-Kurs gemeldet haben. Um nicht aus der Übung zu kommen, fährt er regelmäßig zum Institut, einfach so. Dann sitzt er in der Bibliothek, liest sich durch die deutschen Bücher, guckt in die Zeitung.

Er trifft sich auf einen Plausch mit Ursula Gutscherian, 64, der Mediathekarin im Institut: Sie hat ihm Tipps gegeben, was er lesen kann, und ihm geholfen, seine ersten Mails auf Deutsch zu schreiben. Im Moment hilft sie ihm, ein Stipendium für sein Studium in Deutschland zu finden. In Aachen vielleicht oder in Berlin.

Mohammed steht zwischen den Regalen, sein Finger wandert über die Buchrücken: Goethe, Grass, Kleist, Lessing, Schiller. Dann kniet er sich hin und zieht rechts unten aus dem Regal ein Buch, das er auswendig kennt: "Geschichte der deutschen Fußball-Nationalmannschaft". Er blättert ein wenig hin und her. Da ist ein Kapitel über Beckenbauer, hier steht etwas zu Matthäus, da kommt Klinsmann.

"Kann man prima mit Deutsch lernen", sagt Mohammed.

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