Müll zu Geld: Wenn der Flaschensammler zweimal klingelt

Von Barbara Bollwahn

Zynisch oder einfach ein kluger Einfall? Arme Menschen, die auf der Straße Pfandflaschen auflesen, können den geldwerten Abfall nun gleich bei jenen Leuten zu Hause abholen, die das bisschen Geld nicht brauchen. Erfinder Jonas Kakoschke sagt, er bringe Arm und Reich zusammen.

Nie mehr schleppen: Flaschensammler, bitte melden Fotos
REUTERS

Berlin - Wann ihm die Idee kam, weiß Jonas Kakoschke, 27, nicht mehr genau - aber er saß in seiner Friedrichshainer WG mit Freunden beim Bier zusammen und hatte am Ende eine leere Flasche in der Hand. Wäre doch lustig, dachte er sich, wenn die Pfandflaschen von zu Hause abgeholt werden würden.

So schnell wie ihm der Gedanke gekommen war, so schnell war er wieder weg. Bis an Kakoschkes Hochschule ein Projekt anstand, mit dem vagen Titel "Von analog zu digital". Kakoschke studiert im sechsten Semester Kommunikationsdesign an der Berliner Hochschule für Technik und Wirtschaft. Er entschied sich, einen Schritt weiter zu gehen - "Von analog zu digital zu analog", wie er es nennt.

Oder: Von der leeren Flasche in der Berliner Studentenhand über das Internet in die Hand von jemandem, für den die Flasche mehr ist als lästiger Ballast. So entstand sein Projekt, das Flaschenbesitzer und Flaschensammler zusammen bringt.

Ein Freund fand die Idee "genial" und im April schrieb Kakoschke ein Konzept, das er eine Woche später seinem Professor in die Hand drückte. Jetzt fühlt sich der Student von dem Zuspruch für sein Projekt fast ein wenig überrannt. "Die Resonanz ist enorm", sagt er.

Kostenlose Müllabfuhr: Faule Trinker helfen armen Schluckern

Kommunikationsdesign-Student Kakoschke wohnt in einer WG in einem der florierenden Berliner In-Viertel. In einem Kiez mit jeder Menge junger Leute mit viel Freizeit und noch mehr leerer Flaschen - auf der Straße und in den WGs. Auf einer Wiese zwischen Bolz- und Spielplatz erklärt der junge Mann mit Bart und silbernem Stecker in der Unterlippe, weißem Unterhemd und grauer Jeans seine Pfand-Idee: Auf www.pfandgeben.de trägt sich der Flaschensammler mit seiner Handynummer ein, Pfandflaschenbesitzer finden die Nummern auf der einfach gestrickten Webseite, rufen an und lassen die Flaschen holen.

Auf der Seite stoßen zwei naiv gezeichnete, türkisfarben-behandschuhte Unterarme mit Flaschen an. Wer Leergut hat, klickt auf die Frage "Du möchtest deinen Pfand abholen lassen?" und auf seinen Wohnort.

Dann noch die Flaschenmenge eingeben und schon erscheinen die Nummern der potentiellen Abholer. Sie heißen Axel, Ali oder Klaudia, andere geben sich Pseudonyme wie "Pfandimon", "Captainsprit" und "Krümel". Mindestens 20 Falschen muss der Anbieter aber schon in der Küche haben, sonst heißt es: "Sorry, aber wir denken, dass das zu wenig Flaschen sind, um extra jemanden zu dir kommen zu lassen."

www.pfandgeben.de boomt, auch weil Berliner Medien eifrig berichteten. Anfang Juli startete die Seite mit drei Berliner Stadtteilen und 15 Sammlern. Eine gute Woche später sind es schon über 30 Sammler in neun Berliner Vierteln, und es sind Einträge für die Städte Augsburg, Görlitz, Köln, Paderborn, Essen, Passau und Germering bei München hinzugekommen.

Kritik lässt Kakoschke nicht gelten, etwa, dass in seinem Projekt Leute, die keine Wahl haben, den Faulen das Tragen abnehmen. "Wenn mir jemand vorwirft, dass sich reiche Leute ihren Müll abholen lassen", sagt er, "dann kann ich nur sagen, dass mir das Feedback der Sammler wichtiger ist." Und die Frage sei doch auch: "Ist es nicht erniedrigender, wenn jemand neben mir im Müll wühlt?"

"Danke fürs mitnehmen, Joe!"

Wie viele Flaschen die Besitzer wechseln, weiß Kakoschke nicht. Das sei auch gar nicht zu erfassen, sagt er. Er findet es reizvoll, "nicht genau zu wissen, wie es läuft". Auf Facebook ist der Zuspruch ordentlich, rund 1600 "Gefällt mir"-Daumen hat er nach drei Wochen gesammelt. Und Kakoschke freut sich besonders über jeden Beitrag, in dem er von einer Abholaktion erfährt. Ein Nutzer hat ein Bild mit Plastiktüten voller Flaschen vor seiner Wohnungstür aufgenommen. Darunter schrieb er: "Danke fürs mitnehmen, Joe!"

Supermärkte haben neben ihren Pfandautomaten schon seit längerem Boxen aufgehängt, über die man sein Leergut spenden kann. In Berlin geht das Flaschengeld an die Berliner Tafel, die Lebensmittel für Obdachlose bereitstellt. Jonas Kakoschke gefällt das, aber der Vorteil seines Pfandsystems sei der direkte Kontakt zu den Sammlern. "Ich hatte keine Ahnung, wie sie reagieren würden, und Hemmungen, dass sie sich verarscht fühlen könnten." Eine Woche lang schob er das Vorhaben auf, als eine Kommilitonin mitkam, gab er sich einen Ruck.

"Am Ende des Tages hatte ich mit etwa 20 Sammlern gesprochen und war richtig euphorisch", sagt der Student. "Interessante Gespräche" waren dabei, mit Menschen, die wenig Rente oder Hartz IV bekommen und darum in Parks und auf Grünstreifen Leergut in Rollwagen oder Plastiktüten sammeln. "Denen gefiel die Idee, die hatten alle Bock darauf."

Seine Befürchtung, dass der Deal zwischen Flaschengebern und Sammlern am fehlenden Handy scheitern könnte, war unbegründet. "70 bis 80 Prozent hatten ein Handy." Für die restlichen appelliert Kakoschke an die Nutzer seiner Seite, gebrauchte Handys und SIM-Karten zu spenden, für die Sammler, die über kein Mobiltelefon verfügen.

Ist doch in Ordnung, wenn es die Sammler freut

Matthias, 49, ist ein auf der Seite eingetragener Sammler in Berlin-Kreuzberg. Kakoschke hatte ihn auf der Straße angesprochen. "Die Idee ist echt klasse", sagt er. Wegen Schizophrenie sei er in Frührente, sagt Matthias, und Flaschen sammelt er aus purer Not. "Bei mir zählt jeder Cent", sagt er. In Berlin-Neukölln sind fünf Sammler registriert, darunter Ali, 34, Hartz-IV-Empfänger. Weil er kaum Deutsch spricht, übersetzt ein Freund am Telefon. Die Flaschen seien für Ali sehr wichtig, weil er kein Deutsch kann, bekomme er auch keine Arbeit.

"Systemkaputt" aus Prenzlauer Berg heißt eigentlich Belén, ist 29 und Studentin. Ursprünglich kommt sie aus Spanien und wohnt seit sechs Jahren in Berlin. Sie näht Kleidung aus alten Sachen und macht beim Sammelprojekt mit, weil sie alles, was mit Recycling zu tun hat, gut findet. Einem Anrufer aus dem Bezirk Wedding hat sie kürzlich abgesagt. "Ich mache das nur, wenn es in meiner Nachbarschaft ist."

Datenschutzrichtlinien und Nutzungsbedingungen kennt seine Seiten nicht. "Es reicht mir, wenn die Sammler einverstanden sind, dass ihre Nummer online geht", sagt er. "Hätte ich sie eine Datenschutzerklärung unterschreiben lassen, wäre das Lockere weg." Und: Jeder Sammler kann seinen Eintrag jederzeit löschen lassen. "Wenn es nach mir geht, läuft das Projekt so lange wie möglich."

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insgesamt 155 Beiträge
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1. Sauber
SirLurchi 28.07.2011
Coole Idee! Warum denn nicht? Mißbrauch kann mit allem betrieben werden.
2. Gute Idee
uinen_osse 28.07.2011
wer das Pfand entbehren kann - warum nicht.
3. .
atomkraftwerk 28.07.2011
Aber das ist doch alles ein steinalter Hut. Was soll daran eine neue Erfindung sein?? Das VEB Kombinat Sekundärrohstofferfassung (SERO) gabs in der DDR schon vor fünfzig Jahren. Allerdings mit dem Ziel Resourcenverschwendung zu vermeinden, nicht wie heute vom System vernichtete Arbeitssklaven zu alimentieren. Sowas wurde sogar künstlerisch verarbeitet, http://www.youtube.com/watch?v=zAqWISJDTdw
4. Pfandsystem macht Aldi,Lidl und Co super reich!
merapi22 28.07.2011
Zitat von sysopZynisch oder einfach ein kluger*Einfall?*Arme Menschen, die auf der Straße Pfandflaschen auflesen, können den geldwerten Abfall nun gleich bei jenen Leuten zuhause abholen, die das bisschen Geld nicht brauchen. Erfinder Jonas Kakoschke sagt, er bringe arm und reich zusammen. http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/0,1518,775134,00.html
Pfand muss jeder im Laden bezahlen, wird die Flasche im Müll entsorgt freut das den Lebensmittelkonzern! Darum ist die Idee absolut super! Denn in Wirklichkeit werden Flaschensammler diskriminiert, weil viele Märkte Flaschen ohne Kisten verkaufen, sich aber oft weigern diese in Mengen über 30 - 100 Stück zurückzunehmen. Zudem wird Flaschensammlern der Zutritt zu Festgeländen/Wasen in Stuttgart etc. verwehrt, die werfen lieber alles in Abfalltonnen wo keiner ran kommt, damit die Armen Sammler nicht das Bild der heilen Welt stören. Wenn man Flaschen aus den gelben Sack herausnimmt, wird sogar die Polizei verständigt!
5. Gute Idee...
sappelkopp 28.07.2011
Zitat von sysopZynisch oder einfach ein kluger*Einfall?*Arme Menschen, die auf der Straße Pfandflaschen auflesen, können den geldwerten Abfall nun gleich bei jenen Leuten zuhause abholen, die das bisschen Geld nicht brauchen. Erfinder Jonas Kakoschke sagt, er bringe arm und reich zusammen. http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/0,1518,775134,00.html
...beiden ist geholfen, dem Flaschenbesitzer und dem Flaschanabholer. Und ganz ohne "Mitleidseffekt", schließlich steht hinter dem Abholen eine echte Leistung. Vielleicht sollte man es noch erweitern, wer schon seine Pfandflaschen nicht wegbringt, bringt die Gläser ohne Pfand auch nicht zum Glascontainer. Sie landen vielleicht im Hausmüll. Gegen eine Gebühr können die auch gleich mitgenommen werden. Wieder wäre beiden geholfen. Und vielleicht lässt sich so die Glasrecyclingquote erhöhen. Bevor jetzt wieder das Argument mit dem "Müll anderer Leute" kommt. Der Müllmann macht auch nichts anderes und wird dafür bezahlt. Müllwegräumen und putzen ist nicht ehrenrührig!
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