Muslime an der Uni: Allah ganz nah

Von Christina Schmitt und Marc Röhlig

Sie beten öffentlich, predigen auf Deutsch und suchen Akzeptanz: Muslimische Studenten an deutschen Hochschulen gründen Vereine - und wecken damit auch Misstrauen auf dem Campus. Ihre Mission: Sie wollen für den Islam werben und radikalisierte Glaubensbrüder wieder einfangen.

Im Foyer der Universität Bonn klingt der Islam sehr weltlich. Ein junger Imam, zugleich Jurastudent, spricht auf Deutsch über die Finanzkrise und gesellschaftliche Verantwortung.

Dann wird es still. Die Studenten verneigen sich und richten leise ihre Bitten an Gott. Dass hier zwischen Treppenhaus und Hörsaal Gebetsteppiche ausgerollt sind, ist den vorbeieilenden Kommilitonen kaum einen Blick wert. Sie sind den Anblick gewohnt.

Seit über einem Jahr bietet die Islamische Hochschulvereinigung (IHV) Bonn das einzige deutschsprachige Freitagsgebet der Stadt an. Die Bonner Gruppe hat auch den Rat muslimischer Studierender und Akademiker initiiert, einen Zusammenschluss entsprechender Hochschulvereine in Deutschland.

Eine neue Generation junger Muslime kommt an den Universitäten zusammen - und denkt gar nicht daran, sich und ihren Glauben zu verstecken. In Würzburg, Köln, Duisburg oder Freiberg haben sich muslimische Hochschulgruppen gegründet. Allein 20 muslimische Vereine sind inzwischen an den größten deutschen Hochschulen registriert.

Wie kommt es zu dieser Gründungswelle? Warum jetzt? "Es mussten erst einige Jahre nach dem Ereignis vergehen, bevor wir endlich wieder ans Licht konnten", erklärt Bacem Dziri, ausgewaschenes Cord-Sakko, gelbes Hemd. Der 27-jährige Student der Asienwissenschaften ist Vorsitzender der IHV an der Uni Bonn. Und das Ereignis, von dem er spricht, sind die Anschläge vom 11. September 2001. Die IHV, wenige Monate davor gegründet, verfiel in Starre.

"Viele wussten nicht, ob und wie sie sich der Öffentlichkeit überhaupt präsentieren dürfen", erzählt Bacem. Jetzt, acht Jahre später, treten muslimische Hochschulorganisationen mit neuem Selbstbewusstsein auf. Sie laden zu Diskussionsabenden und zum Ramadan-Fest, sie organisieren Vorträge und Arabischkurse. Ihr Ziel ist die Sichtbarkeit: Ihr Glaube soll nicht in Hinterhof-Moscheen versteckt, sondern mitten auf dem Campus gelebt werden.

Der Bonner Verein zählt 40 aktive Mitglieder. Die größte Aktion der IHV ist das jährliche Fastenbrechen nach Ramadan. 300 Besucher, darunter viele Nichtmuslime, kommen zur Feier, es gibt Falafel, Hummus, Tabule, beliebte orientalische Speisen. Die Uni Bonn stellt dafür die Mensa zur Verfügung: "Unser Verein ist der einzige, der dort feiern darf", sagt Dziri stolz.

Cliquenbildung verschlechtert das Image des Islam

Alles nur hübsche Folklore? Es werden auch kritische Stimmen zum Wiedererstarken muslimischer Vereine laut: Wer so deutlich seine Zugehörigkeit zur Schau stelle, grenze sich ab, sagen Experten - und viele Muslime selbst.

"Cliquenbildung unter Muslimen führt nur zu einem", meint etwa Ali Yilmaz, 47, "nämlich einem schlechten Image für den Islam in Deutschland." Der Absolvent der Volkswirtschaftslehre betet ebenfalls zu Allah. Doch er ist skeptisch, ob die eigene Konfession tatsächlich akademisch unterfüttert werden muss: "Viele studieren Islamwissenschaft, um von ihrer Gemeinde und Familie erlerntes Wissen zu untermauern."

Die Hochschulvereine ähnelten eher traditionellen Gemeinden als universitären Think-Tanks, meint Ali Yilmaz. Um die Diskussion unter jungen Muslimen zu befördern, gründete er sein eigenes Forum: Die "Gesellschaft zur Förderung der Islamstudien" hat das Ziel, die neuesten Forschungsergebnisse der Islamwissenschaft zu verbreiten. "Erst dann, wenn wir junge Islamwissenschaftler erreichen und sie dazu anregen, ihren Glauben kritisch zu hinterfragen, können wir auf die Anerkennung des Islam in Deutschland hoffen", sagt der Volkswirt.

Das setze jedoch "Mut, an Heiligtümern zu rütteln", voraus. So hat es Yilmaz selbst gelernt. Bei seinen türkischen Eltern hing der Koran über dem Ehebett, unantastbar und unangetastet, heilig eben. "Dabei muss der Koran historisch gelesen, verstanden und zeitgemäß interpretiert werden", fordert Yilmaz. Nur so hätten junge Muslime eine Chance, in ihrer neuen Heimat anzukommen.

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