Musterhafte Integration: Mein Kind isst Fischstäbchen, basta

Von Heike Sonnberger

Türkin, im Rollstuhl, alleinerziehend: Eine Frau kann's leichter haben in Deutschland. Doch Semra Balhan kämpfte - gegen türkische Traditionen und dafür, ihrer Tochter Dilan möglichst viel Bildung mitzugeben. Die 20-Jährige besucht nun eine edle Privat-Uni, studiert Jura und sagt: Hier ist meine Heimat.

Gastarbeiter-Geschichte: "Ich schaff das schon" Fotos
SPIEGEL ONLINE

Wenn Semra Balhan nicht behindert wäre, wäre sie nicht hier. Dann würde die 52-Jährige nicht in Hamburg leben, sondern vielleicht noch in Gemlik, einem Städtchen im Westen der Türkei am Meer. Ihre Tochter würde nicht Rechtswissenschaften an einer teuren Hamburger Privathochschule studieren. Und traditionelle Türken hätten vermutlich weniger am Leben der beiden auszusetzen gehabt.

Denn Semra Balhan hat ihre Tochter Dilan, 20, deutsch erzogen. Sie hat ihr Astrid Lindgren vorgelesen und ihr Fischstäbchen mit Kartoffelbrei gemacht. "Das haben viele Türken kritisiert", erzählt Balhan. Sie fanden: Die Muttersprache kommt zuerst. Doch die temperamentvolle Frau lässt sich nicht gern etwas vorschreiben. "Die beknackte Tradition erschwert vielen Türken das Leben", schimpft sie. "Die kommen da nicht raus."

Balhan steckte nie wirklich drin. Ihre Behinderung, die sie an den Rollstuhl fesselt, hat sie in mancher Hinsicht auch frei gemacht. Frei davon, sich in die Gruppe der türkischen Einwanderer zu fügen, teils, weil sie es nicht konnte, aber auch, weil sie es gar nicht wollte.

Semra Balhan kam 1959 in Gemlik zur Welt. Zwei Jahre später schloss die Bundesrepublik mit der Türkei ein Anwerbeabkommen, das Arbeitskräfte ins Wirtschaftswunderland holen sollte. Ein Jahr darauf kam Balhans Mutter, um als Näherin in einer Textilfabrik in Darmstadt am Fließband zu arbeiten. Ihre zwei Kinder ließ sie in der Türkei beim Vater.

Deutsch gelernt mit den Kindern im Krankenhaus

Wegen ihrer Behinderung zog Balhan mit zwölf Jahren nach. Seit sie als Kleinkind heftig an Kinderlähmung erkrankte, kann sie ihre Beine nicht mehr bewegen. "Bis auf ein paar Muskeln im rechten Fuß", sagt sie und ruckelt ein klein wenig damit. Früher konnte sie auf diesem Fuß und zwei Holzkrücken durch die Gegend hüpfen - "schneller als du gehen kannst". Doch davon wurde ihr Rücken krumm, und ihre Schultern taten weh.

Mit zwölf Jahren durfte Balhan dann nach Deutschland, weil hier die Ärzte besser waren. Die steckten das Mädchen in Geh-Apparate und Korsetts, in denen es abends der Mutter zuliebe umherstakste. Die Ärzte befestigten Gewichte an ihrem Kopf, um die Wirbelsäule geradezuziehen, operierten mehr als 20-mal. "Es war zu spät", sagt Balhan. "Wenn ich als Baby hierher gekommen wäre, wäre es gutgegangen."

Heute sitzt Balhan im Rollstuhl in ihrer Hamburger Wohnung, zweiter Stock mit Aufzug. "Ich habe alles auf einmal getragen", sagt sie. Behindert, Türkin, später auch alleinerziehend. Was wog am schwersten? "Alles zusammen."

Trotzdem wirkt Balhan nicht verbittert. "Das Krankenhaus damals", sagt sie, "hatte auch etwas Gutes. Ich beherrsche die deutsche Sprache so gut, weil ich mit deutschen Kindern im Zimmer lag." Sie beherrscht sie akzentfrei.

"Ich wollte nicht, dass Dilan leidet"

Doch es hat alles viel Kraft gekostet. "Ich musste mich hier schon irgendwie anders beweisen", sagt Balhan. Sie machte in Heidelberg eine Ausbildung zur Bürokauffrau und tippte später für eine Krankenkasse in Hamburg Briefe ab.

Als endlich ihre Tochter geboren wurde, obwohl die Ärzte ihr gesagt hatten, sie könne nicht schwanger werden, trennte sie sich gerade vom Vater. Trotzdem wollte Semra Balhan keine Hilfe, sie wollte ihr Kind allein großziehen. Und sie tat alles, damit ihre Tochter es gut hatte. "Ich wollte nicht, dass Dilan in irgendeiner Art und Weise leidet", sagt Balhan.

"Ich musste nie den Rollstuhl einpacken oder Einkäufe schleppen", erinnert sich die Tochter. Ihre Mutter unternahm mit ihr Ausflüge und steckte sie in hübsche Mädchenkleider, obwohl Dilan früher aussah wie ein kleiner Junge. Sie kaufte ihr ein Hochbett, obwohl sie selbst nicht hinaufklettern konnte. "Ich habe nichts verboten", sagt Balhan.

"Manchmal hätte ich sagen sollen, das geht nicht", findet sie heute. Sie kümmerte sich um ihre Tochter und arbeitete nebenbei - und wenn sie nicht mehr konnte, ließ sie sich trotzdem nichts anmerken. "Es wäre besser gewesen, Dilan hätte meine Überforderung gespürt."

Im Kinderchor von Rolf Zuckowski

Inzwischen bekommt sie viel Kraft von ihrer Tochter zurück. "Dilan ist mein Lebenselixier, mein Geschenk für das, was ich durchgemacht habe", sagt Balhan. Ihre Tochter studiert mit einem Stipendium der Vodafone-Stiftung Jura an der renommierten Bucerius Law School in Hamburg. Und sie spricht über ihre Mutter wie andere Menschen über Popstars: "Ich respektiere und bewundere keinen Menschen auf der Welt so extrem, und ich hoffe, dass ich irgendwann so werde wie sie."

Schon an der Kleidung erkennt man, dass die beiden zusammengehören. Dilan trägt schwarze Leggings - ihre Mutter auch. Dilans Füße stecken in Stiefeletten aus schwarzem Leder - die ihrer Mutter auch. Ein bisschen Strick hier und dort, ein bisschen Schwarzweiß. "Ich mag wirklich, wie du dich anziehst", sagt die Tochter. "Du hast dich schon als Kind immer an meinem Kleiderschrank bedient", erzählt die Mutter. Beide lachen laut und lang, mal wieder.

Während Balhan gerade so die Hauptschule schaffte, hat Dilan einen mustergültigen deutschen Lebenslauf. Als Zehnjährige tourte sie mit der Band von Rolf Zuckowski durchs Land. Der Liedermacher entdeckte sie, weil er mit dem Leiter ihres Kinderchors bekannt war.

Mit zwölf drehte Dilan einen Kinderfilm, eine Geschichte über Außerirdische und gesunde Ernährung, der heute noch gelegentlich im Fernsehen läuft. Und wenn Dilan heute im Studium der Mut verlässt, dann hört sie "Ich schaff das schon" von ihrem Kindheitshelden Zuckowski.

"Meine Heimat ist Deutschland"

Als Ausländerin habe sie sich nie gefühlt, sagt sie. Ihre Mutter beantragte für sich und für sie die deutsche Staatsbürgerschaft, als Dilan noch ein Kleinkind war - und gab die türkische ab. Manchmal fragen Leute Dilan erstaunt: "Du bist Türkin?" Früher hat sie dann oft trotzig entgegnet: "Nur weil ich nicht Aischa heiße und kein Kopftuch trage?" Die Türkei ist für Dilan ein Urlaubsort, und Türkisch spricht sie mit Akzent. "Meine Heimat ist Deutschland", sagt sie.

Dilan mag es nicht, in die Schublade "gelungene Integration" gesteckt zu werden. "Ich wünsche mir, dass ich irgendwann nichts Besonderes mehr bin und dass mein Migrationshintergrund nicht mehr negativ konnotiert ist", sagt sie. Sie studiert Jura, weil sie Leuten helfen will, weil sie die Macht der Sprache mag, weil sie das System in der Hand haben und niemals "Opfer" werden will, also jemand, dem aufgrund seiner Herkunft Nachteile entstehen.

Vor einem Jahr, zur Begrüßungsveranstaltung an der Bucerius Law School, fuhr ihre Mutter mit einem mulmigen Gefühl. "Ich wusste ehrlich gesagt weder was Bucerius ist noch eine Privathochschule", sagt sie.

Doch inzwischen setzt sie sich gern in ihr klappriges Auto und trifft Dilan zum Mittagessen auf dem Campus. Sie schwingt sich dann auf den Fahrersitz, lässt den Rolli von einem Lifter automatisch ins Auto heben, gibt Gas mit der linken Hand, winkt unterwegs dem Gemüsehändler zu und witzelt darüber, dass sie schief eingeparkt hat: "Typisch türkisch."

Von Dilan lässt sie sich dann im Rollstuhl über den grünen Rasen der Hochschule schieben und bewundert die prunkvollen Gebäude. Von anderen Menschen mag sie sich nicht so gern herumschieben lassen. "Ich schaff das schon", sagt sie dann und rollt flink außer Reichweite.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 130 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. ...
deus-Lo-vult 03.11.2011
Zitat von sysopTürkin, im Rollstuhl, alleinerziehend: Eine Frau kann's leichter haben in Deutschland. Doch Semra Balhan kämpfte - gegen türkische Traditionen und dafür, ihrer Tochter Dilan möglichst viel Bildung mitzugeben. Die 20-Jährige besucht*nun eine edle Privat-Uni, studiert Jura und sagt: Hier ist meine Heimat. http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/0,1518,794461,00.html
Es ist so schade, dass solche Beispiele immer nur die Ausnahme sind. Dabei sind gerade diese Ausnahmen eine Bereicherung für unsere Gesellschaft.
2. Ja.
kurtwied, 03.11.2011
Zitat von sysopTürkin, im Rollstuhl, alleinerziehend: Eine Frau kann's leichter haben in Deutschland. Doch Semra Balhan kämpfte - gegen türkische Traditionen und dafür, ihrer Tochter Dilan möglichst viel Bildung mitzugeben. Die 20-Jährige besucht*nun eine edle Privat-Uni, studiert Jura und sagt: Hier ist meine Heimat. http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/0,1518,794461,00.html
Ja, sie könnte alleinerziehend und im Rollstuhl in der Türkei sein - da hätte sie es bei Weitem schwerer ...
3. zwei .............
otto huebner 03.11.2011
Zitat von deus-Lo-vultEs ist so schade, dass solche Beispiele immer nur die Ausnahme sind. Dabei sind gerade diese Ausnahmen eine Bereicherung für unsere Gesellschaft.
bewundernswerte frauen. wir koennen stolz sein solche leute in dtld zu haben.
4. .
Suppenelse 03.11.2011
Herr Erdogan würde vermutlich vor Wut schäumen, müsste er diesen Artikel lesen. "Assimilation! Assimilation!"
5. ...
Chiefli1 03.11.2011
Zitat von sysopTürkin, im Rollstuhl, alleinerziehend: Eine Frau kann's leichter haben in Deutschland. Doch Semra Balhan kämpfte - gegen türkische Traditionen und dafür, ihrer Tochter Dilan möglichst viel Bildung mitzugeben. Die 20-Jährige besucht*nun eine edle Privat-Uni, studiert Jura und sagt: Hier ist meine Heimat. http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/0,1518,794461,00.html
...und obwohl sie von sich sagt, Deutschland sei ihre Heimat, wird sie immer irgendwie die Türkin bleiben...
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik UniSPIEGEL
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik WunderBAR
RSS
alles zum Thema Gastarbeiter
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 130 Kommentare
Fotostrecke
Bewerbungen: Was Tobias dem Serkan voraus hat