Party-Logbuch Münster: "Gesoffen und rumgehurt wird auch hier"

Ach, Münster! Deine Studentenkneipen haben lange geglaubt, sie könnten noch jemanden beeindrucken mit Auflauf-Gerichten, Postern von Frank Zappa und Musik von Melissa Etheridge. André Boße hat trotzdem tapfer durchgefeiert.

19.00 Uhr
Manchmal ist Münster wie London. Zum Beispiel, wenn nach einigen Regenstunden am frühen Freitagabend endlich der Himmel aufreißt und die Sonne scheint. Dann spielen Londoner und Münsteraner auch bei 15 Grad Hochsommer: Alle zieht es nach draußen, ohne Jacken, mit Sonnenbrillen. Aus den alten Mietshäusern im Hansaviertel, gleich hinter dem Hauptbahnhof, strömen die Menschen ins Freie. Ein stiller Individualist nimmt ein Buch mit. Eine größere Gruppe zieht selbstbewusst durch die Straßen, die Jungs tragen Bier und Tätowierungen, die Mädchen schrille Nagellackfarben. Das Ziel der Völkerwanderung: der Stadthafen.

Ich erinnere mich an meine ersten Semester in dieser Stadt. Damals herrschten hier am Hafen noch die Ratten. Dann merkten die Münsteraner, wie herrlich es am Wasser ist, vor allem, wenn die Sonne scheint. Entlang des ehemaligen Hafenbeckens gibt es einige nette, aber auch recht teure Bars und Restaurants. Der Individualist hat sich am Kiosk ein Bier geholt und setzt sich mit seinem Buch an den Kai. Ich setze mich neben ihn und betrachte die laute Gruppe, die am gegenüberliegenden Ufer vor einer Fabrikbaracke kampiert. Alle an einem Ort. Alle zufrieden.

20.00 Uhr
Münster ist eine Uni-Stadt mit großer Tradition. Es gibt Dutzende Läden, die sich als Studentenkneipen verstehen. Doch viele von ihnen haben nicht begriffen, dass die Studenten von heute anders ticken als die vor 20 oder 30 Jahren. Auflaufgerichte sind nicht mehr cool, das Klo-Poster von Frank Zappa regt keinen mehr auf, Melissa Etheridge gehört in die Tonne - das "Siedler von Catan"-Erweiterungsset gleich mit.

Funktioniert noch der Mix aus Kaffeehaus, Pub und Wohnzimmer?

Die "Blechtrommel" am Hansaring war eine solche Kneipe zum Vergessen. Dann übernahm die junge Generation den Laden. Sie nannte ihn "Bohème Boulette", ließ die robuste alte Einrichtung stehen, macht aber sonst alles richtig: phantastische Burger zu guten Preisen, exzellente und laute Musik, schnelle Bedienung. Das Treiben ist bunt wie eine Mischung aus Wiener Kaffeehaus, britischem Pub und Berliner Wohnzimmerkneipe. Hier könnte ich lange bleiben. Aber es geht weiter.

Hol Dir den gedruckten UniSPIEGEL!

Ausgabe 4/2013

Ich bin kein Mensch

Ein Android unterrichtet Studenten in Dänemark

Diesmal mit Geschichten über den Alltag von Jungmediziner, einen ultraharten Kampfsportler, und über drei Studenten, die einfacher leben, um die Welt zu retten. Wollt ihr das Heft nach Hause bekommen? Dann abonniert den SPIEGEL im Studenten-Abo zum günstigen Sonderpreis. Den UniSPIEGEL gibt's auch kostenlos an den meisten Hochschulen.

21.30 Uhr
Ein DJ legt elektronische Musik auf, urbanes Zeug, passend für einen Laden, der den Begriff Kneipe anders definiert. Im "Spec Ops" kann man auch Bücher kaufen und sich Kunst anschauen. Und: Ich treffe hier sehr interessante Menschen. Am Nebentisch flicht ein junger Mann seiner Freundin ("rein platonisch", behaupten beide) neue Rastalocken. Dabei reden die beiden über Beziehungen. Sie sagt: "Ich glaube, Phil will was von mir. Und zwar was Monogames." Er sagt: "Ich gönne dir das. Du bist ja auch eher ein monogamer Typ." Sie fragt: "Warum denkst du das?" Er schweigt kurz. Dann sagt er: "Ich mache dir total gerne neue Rastas. Das bringt mich dir nah." Sie grinst.

Im Nebenraum gibt es ein Problem: Es wird mit großem Einsatz Tischtennis gespielt. Rundlauf. Jungs haben Schweißperlen auf der Stirn, bei den Mädchen zeichnet sich der Achselschweiß auf den engen T-Shirts ab. Man sollte so was freitags lieber nicht machen. Es sieht nicht gut aus. Und die Nacht ist noch jung.

Cool ist, wer sein Handwerk versteht

23.00 Uhr
Mehr als 40000 junge Menschen studieren in Münster. Da müsste es eigentlich zig gute Tanzclubs geben. Aber irgendwie tun sich die Münsteraner schwer damit. Vielleicht, weil die Westfalen lieber trinken, statt zu tanzen. Ein Lichtblick in der Stadt ist die "Eule", gelegen mitten in der City zwischen dem riesigen Kreisverkehr und dem Picasso-Museum. Schon in den Achtzigern gab es hier einen Laden mit dem Namen "Lila Eule". Als er dichtmachte, versuchten sich unter anderem die H-BlockX als Clubbesitzer, was nicht so richtig funktionierte.

Anfang 2012 machte dann die "Eule" mit dem neuen Besitzer Eavo wieder auf - und der versteht etwas vom Clubbing. Der Renner sind seine "Fieber-Tanzpartys", laute und feurige Nächte mit Indierock und Elektronik. Erstaunlich für Münster ist die hohe Tanzquote: Nichts zu sehen vom "westfälischen Kreis" aus trinkenden Beobachtern, der sich in anderen Läden um die Tanzfläche zieht. Hier tanzen alle mit, was auch an Eavos Talent liegt, als DJ selbst Gitarrenstücke Beat auf Beat zu mischen. Das passt zu Münster: Cool ist, wer sein Handwerk versteht.

1.30 Uhr
Ich treffe die Tattoo-und-Nagellack-Gruppe vom frühen Abend wieder. Das "Gleis 22" an der Hafenstraße ist ihre Heimat. In der Woche gibt es hier Konzerte von wirklich guten Bands, die im Gleis für weniger Geld spielen als in Köln oder Hamburg - und besser klingen, weil der Club Mischer verpflichtet, die noch gut hören können. Freitags finden auch im Gleis Partys statt, heute wird alles gespielt, was laut und authentisch ist: Emo- und Hardcore, Punk- und Noiserock. Wie üblich laufen auch Platten von Bands aus Münster: Muff Potter und Messer, Düsenjäger und Dramamine. Hochklassiges Zeug. Nachdenklich, aber voller Energie. Westfälisch halt.

3.30 Uhr
Ich will gar nicht wissen, wie lange die Schnäpse schon im Regal dieser Spelunke zwischen "Gleis 22" und Hauptbahnhof stehen. Oder wie es den Menschen, die hier einfach immer weitertrinken, am nächsten Morgen gehen wird. Einer heißt Peter, ist Anfang vierzig und lädt wahllos alle zum Grillen am nächsten Tag ein. Auch mich. Es soll wieder kühler werden. Und regnen. Aber das ist ihm egal. Wie den Leuten um halb vier in "Butts Bierstube" sowieso alles egal ist. Hier ist die Welt nicht kompliziert, sondern schwarz und weiß. Auch ein Grund, warum so viele Studenten hier die Nacht beenden.

Peter, der alle zum Grillen einlädt, ist der Mann, mit dem ich kurz vor der Dämmerung noch einmal alle Münster-Klischees durchgehe. Münster und die katholische Kirche? "Gesoffen und rumgehurt wird auch hier." Münster und die Fahrräder? "Wenn die fahren, ist es doch gut. Mist ist nur, dass die Scheißdinger überall herumstehen." Münster und sein "Tatort"? "Schaue ich mir nicht an, wird in Köln gedreht." Dann eiert Peter auf die Straße, ohne uns seine Adresse zu verraten. Das Grillen fällt wohl aus. Mein Sonntagsprogramm stattdessen: Kirche, Radtour, "Tatort". Immer wieder Münster. Jetzt erst recht.


KENNEN SIE SICH AUS MIT FESTIVALS?

Zur Großansicht
Christine Neder

"Rock am Ring", "Hurricane" und "Wacken": In Deutschland startet die Saison der Sommerfestivals. Die Fans kleiden sich je nach Musikstil ganz unterschiedlich - Accessoires verraten, wer zu welcher Szene gehört. Kennen Sie sich aus? Knacken Sie den Dress-Code. mehr...


Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 66 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Jep
kein_gut_mensch 26.07.2013
Zitat von sysopLucie Marsmann, Stefan BrücknerAch, Münster! Deine Studentenkneipen haben lange geglaubt, sie könnten noch jemanden beeindrucken mit Auflauf-Gerichten, Postern von Frank Zappa und Musik von Melissa Etheridge. André Boße hat trotzdem tapfer durchgefeiert. http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/nachtleben-in-der-uni-stadt-muenster-a-910058.html
Münster ist schon ziemlich altbacken. Aber ein gutes Spiegelbild unserer Studentengesellschaft. Das sind doch schon lange keine Vordenker oder Rebellen mit Visionen mehr. Das sind 1a getrimmte Erfolgsmenschen der Bourgeoisie um es mal extrem auszudrücken. Und ich bin alles andere als Sozialist. Deshalb gehts in Münster auch sehr bieder zu was nicht an der westfälischen Urgesellschaft liegt ;-) Rebellentum heißt bei denen heutzutage nen Grünensticker tragen und Korea trinken ^^
2.
troy_mcclure 26.07.2013
Zitat von sysopLucie Marsmann, Stefan BrücknerAch, Münster! Deine Studentenkneipen haben lange geglaubt, sie könnten noch jemanden beeindrucken mit Auflauf-Gerichten, Postern von Frank Zappa und Musik von Melissa Etheridge. André Boße hat trotzdem tapfer durchgefeiert. http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/nachtleben-in-der-uni-stadt-muenster-a-910058.html
Vielleicht möchten die ja niemanden beeindrucken, sondern dem Wirt gefällt es einfach nur. Ansonsten bin ich immer wieder erstaunt, dass es die autoren zu überraschen scheint, dass man auch außerhalb von Hamburg, Berlin, München auch Spaß haben kann...
3. Ich
zickezackehoihoihoi 26.07.2013
Zitat von sysopLucie Marsmann, Stefan BrücknerAch, Münster! Deine Studentenkneipen haben lange geglaubt, sie könnten noch jemanden beeindrucken mit Auflauf-Gerichten, Postern von Frank Zappa und Musik von Melissa Etheridge. André Boße hat trotzdem tapfer durchgefeiert. http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/nachtleben-in-der-uni-stadt-muenster-a-910058.html
habe zwar nicht in Münster studiert. Was mir aber beim Lesen solcher Artikel immer auffällt ist, wie weit weg diese Zeit und wie fremd mir dieses Leben geworden ist. Und das mit einem Abstand von nur 7 Jahren, 2 Kinder und eine Ehefrau später. War ne schöne zeit, aber ich möchte nicht tauschen. Viel zu stressig das ganze.
4. Kunstprodukt einer Stadt
xehris 26.07.2013
Zitat von zickezackehoihoihoihabe zwar nicht in Münster studiert. Was mir aber beim Lesen solcher Artikel immer auffällt ist, wie weit weg diese Zeit und wie fremd mir dieses Leben geworden ist. Und das mit einem Abstand von nur 7 Jahren, 2 Kinder und eine Ehefrau später. War ne schöne zeit, aber ich möchte nicht tauschen. Viel zu stressig das ganze.
Münster mit seinem extrem hohen Anteil von Studenten ist irgendwie das Kunstprodukt einer Stadt, das mit der Realität des Lebens (Erwerbsleben/Familiengründung) wenig zu tun hat. Dazu kommt, dass die Institute der Universität überlall in der Innenstadt verteilt sind, sodass man sich wie auf einem großen Unicampus fühlt, dies nervt nicht wenige Nichtstudenten. Wer kein Student ist kann auf solche Städte und ihren Habitus ganz gut verzichten.
5. schade
BSC 26.07.2013
Teilweise gut beobachtet, wie es in Münster ist, aber wer nur in einem Umkreis von 100 Metern in Münster unterwegs ist, - Hafen / Gleis / Boheme Boulette - der sollte nicht für die 40.000 Studenten sprechen und wie das Leben in Münster ist. Das wäre so, als wäre man in Berlin nur im Mauerpark und drei Kneipen drumherum war und sagt dann, naja, so besonders dolle ist das alles nicht und so spannend in Berlin auch nicht. Ohne einen Bericht über die Jüdefelder Straße, den Aasee-Bereich oder den Germania Campus ist so ein Artikel schlicht zu mager.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik UniSPIEGEL
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik WunderBAR
RSS
alles zum Thema Studium in echt
RSS

© UniSPIEGEL 4/2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 66 Kommentare
Titelbild
Heft 4/2013 Ein Android unterrichtet Studenten in Dänemark

Fotostrecke
Studentenstädte im Nachttest: Abfeiern von Passau bis St. Pauli