Party-Logbuch Kaiserslautern: "Ausgehen? In Lautern?"

Ausgehen in "K-Town" ist wie eine Reise nach Amerika: Markus Flohr tanzt in einer Neunziger-Jahre-Disco, wo man Sonnenbrille, Goldkette und Feinripp ganz unironisch trägt. Er spielt mit US-Soldaten Bier-Pingpong und fragt sich irritiert: Warum läuft hier eigentlich ein Porno?

Nachmittags Samuel und ich sitzen in der Küche von Max. Sie befindet sich in einer Baracke des ehemaligen Militärflughafens "Sembach Air Base", den die Amerikaner 1995 zugunsten des benachbarten Flughafens Ramstein aufgaben. Max zog in eines der leeren Sembacher Airport-Gebäude, richtete sich eine Wohnung und ein Tonstudio her. Samuel war oft zu Besuch, sie machten Musik, hingen herum, was man so macht. Dann zog Samuel nach Berlin. Jetzt nimmt er mich für ein Wochenende mit, zurück nach Sembach, nach Kaiserslautern, das fast jeder US-Soldat kennt und "K-Town" nennt. Eine Uni gibt es hier übrigens auch: die TU Kaiserslautern mit insgesamt etwa 14.000 Studierenden. Die fallen im Nachtleben allerdings nicht ganz so auf wie die Amerikaner.

20.00 Uhr Chris, 29, landete 2005 als US-Soldat im Irak. Eigentlich kommt er aus New Jersey, jetzt zapft er Bier in einem Café in Kaiserslautern, das "The Clearing Barrel" heißt. Auf Deutsch könnte man es Entladekiste nennen. Samuel und ich sind die ersten Gäste. Chris schreibt Nachrichten auf Facebook, unter dem Tresen schnüffelt Hund Uschi herum. Tagsüber verteilt Chris hier Getränke, Brettspiele - und Tipps für Soldaten, die desertieren wollen. Die Front hatte er im Irak zwar nicht gesehen, sondern nur gehört, er war Funker. Es reichte ihm aber auch so. Heute Nachmittag seien Offiziere von der Navy hereingekommen, sagt Chris in seinem Deutsch mit amerikanischem Beiklang, und zielsicher hätten die aus dem Schrank das "Schiffe versenken"-Spiel geangelt. Navy halt. Ich mache es ihnen nach, wir positionieren die Flotten, Chris zapft ein Weizen, Samuel trifft mit dem ersten Schuss meinen Flugzeugträger. Chris lacht.

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Studentenstädte im Nachttest: Abfeiern von Passau bis St. Pauli
21.00 Uhr Einer der ersten warmen Tage des Jahres. Nur ein Gast, außer uns, ist an diesem Abend ins "Clearing Barrel" gekommen. Er setzt sich vor die Tür und trinkt sein Bier. Wir folgen. "Ausgehen? In Lautern?", sagt eine junge Frau, die dazu kommt. "Ihr müsst nach Frankfurt, Mannheim, Mainz. Alles nicht weit weg. Hier wird es schwierig." Amerikaner gebe es aber überall, ja. Was die machen? Sie spielen ein merkwürdiges Kneipenspiel: "Beer Pong", ein Wurfspiel mit Tischtennisbällen und Bierbechern. Ich bin gespannt.

21.30 Uhr Zum Warmwerden hängen wir am Kicker im "Benderhof" rum. Es ist Samstag, beste Ausgehzeit, aber auch hier trifft sich nur knapp ein Dutzend Besucher. Amis? Nein. Ich suche nach Gegnern für den Kicker: "Hab gestern schon", "kann gerade nicht aufstehen", "in einer halben Stunde vielleicht". In den Scheiben der dunklen Kneipe zeigt mir Samuel Bilder von Kaiser Barbarossa. Nach ihm ist die Stadt benannt - und nach einem Fluss, der Lauter, die im Stadtgebiet jedoch selten zu sehen ist, weil sie unterirdisch fließt. Sagt die Wirtin vom "Benderhof".

23.00 Uhr Im "Simpel" in der Altstadt gehen die Studenten der Stadt trinken und feiern. Auch hier keine Amis. Durch den stockdunklen Laden balanciert eine Frau eine Art Holzlatte mit 15 gefüllten Biergläsern, den "Meter". Wer etwas bestellt, muss sich halb über den Tresen lehnen, denn die Rockmusik dröhnt so laut, dass man schon auf die kürzeste Distanz nichts mehr versteht. Lieber gleich den Meter ordern, dann muss man nur einmal laut schreien. Das Semester hat gerade begonnen, rundherum begrüßen sich Studenten und erzählen Geschichten aus dem Urlaub. Ein dichter Vorhang aus Rauch steht im Raum. Ich muss husten.

0.00 Uhr Die Amis sind da: In "Chuck's Diner" spricht man amerikanisch. Die Preise auf der Karte sind in Dollar ausgezeichnet. Britney Spears trällert aus den Boxen, Bier wird mit Vorliebe im "Pitcher" serviert, einem Messgefäß mit dem Charme einer Gießkanne. Auf Fernsehern unter der Zimmerdecke laufen Pornos. Soldaten fast aller Dienstgrade heben Bier und Schnäpse, so hoch sie noch können: Cheerio, Prost, "to America"!

Es ist warm hier, ich sehe rote Gesichter. Wir drängen uns durch bis ins Hinterzimmer, wo es laut ist. Zwei Teams, Männer gegen Frauen, treten zum Beer Pong an: Auf einem Billardtisch stehen links und rechts sechs Plastikbecher in einem Dreieck. Sie sind mit Bier gefüllt. Wie beim Pingpong warten die Teams an den Enden der Platte. Die Frauen beginnen. Mit Pingpongbällen werfen sie auf die Becher. Wenn ein Ball ins Bier platscht, muss es ausgetrunken werden. Jetzt kontern die Männer. Die Bällchen springen daneben, auf den Boden, in den Aschenbecher. Und dann landen sie wieder im Bier.

1.00 Uhr Wie sind Samuel und ich bloß an dieses Tischende gekommen? Warum werfen wir jetzt auch mit Plastikbällen auf Bierbecher? Kann mal jemand bitte diesen lächerlichen Film da oben ausmachen? Und wieso schreit der eine Amerikaner (Jeff) den anderen (Tyler) an, als sei er dessen Kompaniechef? Ach so, er ist sein Kompaniechef. Jetzt salutiert Tyler auch noch. Wir bekommen Unterstützung von Samuels Kumpel Manuel, dessen Vater als Soldat nach Kaiserslautern kam, sich verliebte und nun auf der US-Basis arbeitet. Manuel hält den Plastikball wie ein Basketballspieler, und er trifft, mehrfach. Das Spiel ist vorbei, die Becher leer, nach einem weiteren Schluck auf Amerika. Jeff befiehlt Tyler, wieder in die Kaserne einzurücken. Jeff legt mir seine Hand auf die Schulter: "Don't make America look bad", sagt er. "America does it by itself", sagt Tyler.

3.00 Uhr Die "Markthalle": eine Disco, als wäre sie einem Hollywood-Film oder einer Serie aus den Neunzigern entsprungen. Diese Läden, durch die Will Smith und Halle Berry immer liefen, oder Axl Rose oder alle aus der "21 Jump Street". Wo man Sonnenbrille und Feinripp ganz unironisch trägt, einfach weil es geil aussieht. Wo die Mädchen auf Stöckelschuhen tanzen, als wären es Sneakers. Wo die Jungs dicke Goldketten um den Hals haben, wo ich denke, das alles sei nicht echt, sondern nur eine Kulisse und gleich komme ein Kamerateam um die Ecke. Mitten durch dieses US-Raumschiff von der Westküste schleichen ein paar Einheimische, sie versuchen, sich wie Chamäleons anzupassen, imitieren die Amis, und das bekommen sie besser hin als wir, Samuel und ich, die wie schüchterne Chorknaben in einer Gogo-Bar glotzen. Samuel sagt: "Hier gehe ich jetzt immer her." Ich nicke.

5.00 Uhr Wir stochern mit Plastikpiksern in einer Portion Pommes. Am Nebentisch unterhalten sich zwei Damen um die vierzig auf Russisch und Deutsch. Sie sind stark geschminkt, ihre Beine stecken in Netzstrumpfhosen. Ihre Kleidung haben sie in allen Farben des Regenbogens gewählt, für die Uhrzeit sind sie beängstigend wach. Samuel fasst in gedämpftem Ton die Nacht zusammen. Ich nicke wieder. Und nicke. Ich freue mich schon auf Sembach, denke ich, auf unsere grüne Baracke, gleich neben der ehemaligen Landebahn.

Die Damen erheben sich, stützen sich auf unseren Schultern ab, lassen die Hände ein wenig zu lange liegen, und dann zwinkert die eine, die links saß, uns zu und sagt:

"Bye-bye, guys!"

Nur eine Nacht in Kaiserslautern, und schon sind wir Amerikaner.

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insgesamt 21 Beiträge
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1.
thelix 07.06.2013
Die in K-Town haben aber seltsame Billard-Tische... ^^
2. hmm
Layer_8 07.06.2013
Zitat von sysopAusgehen in "K-Town" ist wie eine Reise nach Amerika: Markus Flohr tanzt in einer Neunziger-Jahre-Disco, wo man Sonnenbrille, Goldkette und Feinripp ganz unironisch trägt. Er spielt mit US-Soldaten Bier-Pingpong und fragt sich irritiert: Warum läuft hier eigentlich ein Porno? Nachtleben in Kaiserslautern: Feiern mit den Amerikanern - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/nachtleben-in-kaiserslautern-feiern-mit-den-amerikanern-a-903124.html)
das erinnert mich irgend wie an Khorat in Thailand. Da war mal damals eine Riesen Airbase, von wo aus regelmäßig B52-Einsätze in Vietnam gegen VC et.al. geflogen wurden. Heute immernoch ein Ort der "Nostalgie" für in die Tage gekommene amerikanische VFWs. Die Hamburger und Erdbeermilkshakes dort waren aber sehr gut... Nun, K'town oder 'lautern ist halt wirklich nicht der Nabel der Welt, auch fußballerisch nicht mehr, und zum studieren geht "man" dann doch besser nach MA oder HD, sag ich mal. Wer allerdings Natur, Saumagen, Wein und mittelalterliche Geschichte mag, der kann gerne im Pfälzer Wald wandern gehen
3. wie Tübingen
edgarzander 07.06.2013
Der Bericht erinnert mich ein wenig an Tübingen - außer, dass es hier keine Amis gibt. Zum Feiern haut man auch besser in alle Himmelsrichtungen ab. Muss mal Lautern besuchen - der Nostalgie wegen.
4. Was mich stört
troy_mcclure 07.06.2013
... bei diesen Berichten ist immer dieser leicht dünkelhafte Blick auf die "Provinz".
5. Kaiserslautern
wernernett 07.06.2013
Ist eine liebenswerte, ruhige und aufstrebende Stadt umgeben von einer herrlichen Landschaft. Wer Ballermann sucht, bitte in eine beliebige andere Stadt fahren und am besten auch dort bleiben. An dem Beitrag über die Stadt stimmt nichts, aber auch gar nichts. Gottseidank fühlen sich stumpfsinnige und einfältige Spaßmenschen hier zu Recht unwohl
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