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Namenforschung: Ist Heidi geldklumm?

Muss man bei Jauch die Nase rümpfen? Hat das Supermodel etwa Klumpfüße? Und wo wohnten die Vorfahren von Küblböck und Schweinsteiger? Jürgen Udolph, Deutschlands einziger Professor für Namenforschung, hat reihenweise Namen von Prominenten entschlüsselt.

Jürgen Udolph, 62, ist Professor für Onomastik an der Universität Leipzig. Der Namenforscher hat alle Hände voll zu tun: Täglich erreichen ihn Dutzende, mitunter Hunderte von Mails von Menschen, die über die Herkunft ihres Namens rätseln. Vielen SPIEGEL-ONLINE-Lesern konnte er bereits helfen und verfolgte ihre familiären Wurzeln kreuz und quer durch Europa.

Nun hat der Wissenschaftler seine Nachforschungen mit seinem Co-Autor Sebastian Fitzek als Buch* herausgebracht: "Professor Udolphs Buch der Namen - woher sie kommen, was sie bedeuten". Mit detektivischer Akribie entschlüsselt er darin Hunderte von Namen. Berühmte Köpfe lockten erst recht seinen Spürsinn, auch wenn dabei manchmal wenig Erfreuliches für heutige Stars und Sternchen zutage tritt.

Manch einer ist schlicht mit einem fehlsichtigen Vorfahren geschlagen, wie der ehemalige Bundesinnenminister Otto Schily. Hinter anderen Familiennamen verbergen sich Wörter, die mittlerweile ausgestorben sind, darunter Bezeichnungen für Berufe oder Ortsangaben.

SPIEGEL ONLINE veröffentlicht einige besonders amüsante, verblüffende und einleuchtende Ergebnisse aus Udolphs Buch.

Günter Jauch

Wenn der beliebteste deutsche TV-Moderator in seiner Sendung "Wer wird Millionär?" mit dem Kandidaten die Plätze tauschen würde, könnte man ihm folgende Frage stellen: "Herr Jauch, bedeutet Ihr Name: a) ein Stück Land? b) ein Automobil? c) etwas, mit dem man Felder düngt? oder d) dass der Ursprungsnamenträger häufig fröhlich war?

Bereits durch intensives Nachdenken kommt Günter Jauch sicherlich schnell darauf, dass Lösung b) von vornherein ausscheidet. Automobile gab es in der Zeit, in der unsere Namen entstanden, noch nicht.

Zu der Publikumsfrage würde ich ihm allerdings nicht raten, wenn er diesen Joker überhaupt noch besitzt. Immerhin handelt es sich hier meiner Einschätzung nach mindestens um die schwierige 500.000-Euro-Frage.

Die Zuschauer würden sicherlich zuerst an Jauch im Sinne von "Jauche" denken. Doch das ist nicht nur unangemessen, sondern falsch, denn Jauche ist als Familienname im Deutschen überhaupt nicht nachzuweisen. Zudem ist das Wort für Fäkalien ein Lehnwort aus dem Slavischen und passt damit überhaupt nicht zu der Häufung des Namens Jauch im deutschen Südwesten.

Lösung b) und c) fallen also weg, wenn der TV-Moderator den Fifty-Fifty-Joker zieht. Bleiben noch a) Ein Stück Land oder d) ein fröhlicher, weil jauchzender Gesell?

Das Ergebnis wird überraschen. Denn Jauch ist ein Berufsübername, also ein Name, der eine Person mit einer bestimmten Berufsausübung in Verbindung bringt. Zurückzuführen ist er auf das "Joch", das mittelhochdeutsch joch, jiuch, jeuch und althochdeutsch joh, juh heißt. Joch bedeutet letztlich "Zusammenbinden" Mit dem deutschen Joch verwandt ist das lateinische coniux "Ehepartner". Nicht selten spricht man auch bei uns vom "Ehejoch".

Im namengebenden Sinne ist das Joch der Teil des Geschirrs, der auf dem Nacken von Rindern liegt, damit man sie vor den Karren spannen kann. Wenn man so nah wie möglich am Wortsinn bleiben will, ist Jauch das "Joch Landes, eigentlich so viel, wie ein Joch Rinder an einem Tag umzuackern vermag".

Wolfgang Amadeus Mozart

Das Wunderkind Mozart war seit seinem vierten Lebensjahr ein Perfektionist. Trotz seines Nachnamens. Er ist zusammengesetzt aus dem alemannischen Wort motzen und der Endung vieler Vornamen -hart. (Rein-hart etc.) Das Motzen in diesem Sinne ist nicht zu verwechseln mit dem umgangssprachlichen "Meckern".

Es hat eine noch unangenehmere Bedeutung für einen Menschen, der von vielen als der bedeutendste Komponist bezeichnet wird, den die Welt gehabt hat.

Motzen wie motschen meint "im Schlamm herumrühren, unsauber arbeiten". In der ursprünglichen Schreibweise ist Motzhart bereits im 14. Jahrhundert im "bairischen Schwabenland" schriftlich belegt. Der Nachname ist ein sogenannter Spottname. Er wurde vergeben für Menschen, die "schlampig arbeiteten" oder so "dreckig" waren, als ob sie im Schlamm gearbeitet hätten.

Heidi Klum

Neben Claudia Schiffer gibt es kaum ein deutsches Gesicht, das einem seit Anfang der neunziger Jahre häufiger in der Öffentlichkeit begegnet, kaum einen Nachnamen, den man in den Medien öfter liest: Klum.

Tatsache ist, dass Heidi Klum zu den bestbezahlten und meistgefragten Supermodels der Welt gehört; strahlt das Lächeln der blonden Traumfrau aus Bergisch Gladbach doch von Plakatwänden und Illustrierten im In- und Ausland. Sie macht Werbung für Fastfoodketten, hat ihre eigene Kosmetikserie und machte Schlagzeilen mit ihrer Beziehung zu dem Formel-Eins-Manager Flavio Briatore und dem Popsänger Seal.

Heidi Klum: Alles andere als armselig
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Heidi Klum: Alles andere als armselig

Zunächst fällt es schwer, beim Nachnamen Klum eine positive Assoziation zu gewinnen. Zu naheliegend sind Worte wie "Klump" oder "Klumpen". Die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Familiennamen bestätigt zwar, dass die wahre Bedeutung tatsächlich keine Begeisterungsstürme hervorrufen wird. Aber das Model kann dennoch aufatmen. Mit einem Klumpfuß hat ihr Nachname nichts zu tun. Glücklicherweise stellt sie ihre hübschen Füße unter anderem in den Dienst der Entwicklung und Bewerbung von Gesundheitsschuhen.

Klums gibt es über 140-mal in Deutschland. Die Herkunft des Namens leitet sich von dem Adjektiv klumm ab. Jemand, der früher in Eile war, hatte eine klumme Zeit. Sie war knapp. Ein windschiefes Haus besaß regelmäßig klumme, weil feuchte Fenster. Sie passten nicht mehr und gingen schlecht auf oder zu. Man muss nur einen Buchstaben verändern und stößt auf das heute noch gebräuchliche Wort klamm, das in seiner Bedeutung auch zu der Haushaltslage der meisten Bundesländer passt. Klumm und seine Abwandlung klamm bedeuten neben "knapp" auch "ärmlich" und "armselig". Die Redewendung "geldklumm" war früher ebenfalls gebräuchlich für jemanden, der knapp bei Kasse war.

Edmund Stoiber

Stoiber ist die süddeutsche Schreibweise für Steuber, was wiederum auf das mittelniederdeutsche stöuben zurückgeht. Der Übername beschreibt einen unruhigen Menschen und würde in jedem Falle zu einem Journalisten passen. Oder zum Vorsitzenden eines Untersuchungsausschusses und natürlich zu dem Vertreter der Opposition im Wahlkampf.

Denn wenn jemand steubt, dann "wirbelt er Staub auf". Gemeint sein kann auch ein Beute aufstöbernder Jagdhund. Als Berufsübername bezog er sich aber auf den Müller, der bekanntlich seinem Beruf nicht nachgehen konnte, ohne viel Mehlstaub aufzustäuben.

Der Name des bayrische Ministerpräsidenten kann wegen seiner Herkunft vermutlich auch noch etwas anderes bedeuten. In Bayern ist Staub nämlich ein bekannter Wohnstättenname und bedeutet "Wasserfall oder Bach". Auch hier abgeleitet von den Wassermassen, die beim Absturz aus hoher Höhe zerstieben.

So gesehen hat Edmund Stoiber zumindest einen sehr kraftvollen Namen. Bei den Auseinandersetzungen in der Union um die Frage der Kanzlerkanditatur mit Angela Merkel hat es ihm hingegen wenig geholfen.

Klaus Wowereit

Sehr interessant ist dabei der Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit. Sein Name ist relativ selten in Deutschland vertreten. Etwa sechzigmal ist er ohne erkennbaren Schwerpunkt über die ganze Republik verstreut zu finden. Seine Endung signalisierte mir zunächst eine typisch baltische Herkunft, wozu das Litauische, Lettische und das ausgestorbene Altpreußische gehören (allerdings lebt "Preußen" in latinisierter Gestalt in Fußballvereinsnamen wie Borussia Dortmund und Borussia Mönchengladbach weiter).

Klaus Wowereit: Putziges Tierchen
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Klaus Wowereit: Putziges Tierchen

Einen baltischen Namen wie Wowereit erkennt man gut an dem Auslaut des Wortes, man vergleiche nur etwa Adomeit, Aschmoneit, Motikat, Lebenath, Ramuschkat, Sunkemat. Und tatsächlich wurde ich bei meinen Nachforschungen in diesen Sprachen fündig. Im Wörterbuch der litauischen Familiennamen (erschienen in Wilna 1985-1989) ist der Name Voveráitis fünfmal bezeugt. Daneben gibt es Voveras, Vóveré, Vóveris, Voverys, Voveriúnas, Voverius, Voverúnas, Voveruškà.

Passend zu dem bei den Hauptstädtern außerordentlich beliebten Politiker verbirgt sich hinter dem Namen ein Tier, das den meisten Menschen ebenfalls sehr sympathisch ist. Auch wenn mich ein Veterinär darauf aufmerksam gemacht hat, dass es uns mitunter auch sehr gefährlich werden kann, durch die Übertragung der Tollwut zum Beispiel. Es ist das Eichhörnchen. Im Litauischen heißt es vovere, voverìs, und unter voveráité versteht man Jungtiere desselben. Wowereit ist also ein junges Eichhörnchen. Zumindest die rote Farbe passt zu seiner Partei, der SPD.


* Jürgen Udolph, Sebastian Fitzek: "Professor Udolphs Buch der Namen. Woher sie kommen. Was sie bedeuten." C. Bertelsmann, München, 2005; 320 Seiten; 18 Euro.

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