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Raumstation auf Hawaii: Leben wie auf dem Mars

Ist dann demnächst mal für ein Jahr weg: Physikerin Christiane Heinicke Zur Großansicht
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Ist dann demnächst mal für ein Jahr weg: Physikerin Christiane Heinicke

Big Brother für die Wissenschaft: Für ein Jahr zieht die Physikerin Christiane Heinicke in eine von Kameras überwachte WG. In einer Mars-Station probt sie den Einsatz fern der Erde.

Der Mietvertrag ist gekündigt, und auf dem Dachboden ihrer Eltern in Bitterfeld in Sachsen-Anhalt verstaut sie ihre Habseligkeiten. In wenigen Tagen wird Christiane Heinicke als erste Deutsche eine Marsstation auf Hawaii beziehen.

Ein ganzes Jahr lang ist die 29-Jährige dann weitgehend von der Außenwelt abgeschnitten. Am 28. August sollen sich dort die Türen hinter ihr schließen.

Die weiße Kugel thront abgelegen auf kargem Gestein am Fuße des Vulkans Mauna Loa: die originalgetreue Nachbildung einer Raumstation, fernab der Zivilisation. Dort werden drei Männer und drei Frauen in einer Art Wohngemeinschaft leben und wissenschaftliche Untersuchungen anstellen. Das Projekt "Hawaii Space Exploration Analog and Simulation" (HI-SEAS) wird von der Weltraumagentur Nasa und der Universität Hawaii betrieben.

In der Simulation wollen die Wissenschaftler herausfinden, wie sich die Gruppendynamik in einer Isolation entwickelt - und wie sie sich steuern lässt. Dazu wird die Crew permanent von Kameras überwacht. Eine Art Big Brother für die Wissenschaft.

Fern von Strand und Palmen: In dieser nachgebildeten Raumstation auf Hawaii bilden Wissenschaftler ab Ende August für ein Jahr eine Wohngemeinschaft Zur Großansicht
HI-SEAS/DPA

Fern von Strand und Palmen: In dieser nachgebildeten Raumstation auf Hawaii bilden Wissenschaftler ab Ende August für ein Jahr eine Wohngemeinschaft

Mit der Dauerbeobachtung hat Heinicke kein Problem. "Die Daten werden verschlüsselt und sind nur ausgewählten Wissenschaftlern zugänglich", sagt sie. "Aber wir sind schon wie Labormäuse." Für die Untersuchungen werden die Insassen mit Armbändern ausgestattet, die Schritte zählen, den Puls messen und den Schlaf überwachen. Ihre Familie freilich sei anfangs wenig begeistert von dem Plan gewesen. Du bist verrückt, hätten ihre Eltern gesagt. "Sie waren dann aber doch stolz, als ich mich für die Mission qualifiziert habe."

Heinicke hat in Ilmenau und in Schweden studiert. Für ihre Promotion kehrte sie nach Südthüringen zurück. Zuletzt forschte sie an der Aalto Universität in Finnland über Meereis. Mit dem Leben in einer Marsstation liebäugelt sie schon länger, hatte sich auch für ein ähnliches Projekt der Mars-Society in der Arktis beworben. Und auch auf einem Tiroler Gletscher haben viele Wissenschaftler jüngst den Einsatz auf dem roten Planeten geprobt. (Bilder der österreichischen Mission finden Sie am Ende des Textes.)

Nach draußen darf man nur im Raumanzug

In der Simulationsraumstation auf Hawaii gab es bereits drei kürzere Missionen. Voriges Jahr war die Französin Lucie Poulet vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Bremen mit dabei. Die nun anstehende Mission ist mit 365 Tagen die bisher längste.

"Je länger die Missionen werden, desto besser können wir die Risiken der Raumfahrt verstehen lernen", sagt Projektleiterin Kim Binsted von der Universität Hawaii. Von der jetzigen Mission verspricht sich die Nasa Informationen, welche psychologischen Auswirkungen ein langer Weltraumaufenthalt hat und wie man eine Crew bei ihren Arbeiten fern der Erde am besten unterstützen kann. Die bisherigen Ergebnisse der Versuchsstation haben die Wissenschaftler schon derart überzeugt, dass das Projekt gerade mit einer dritten Finanzspritze der Nasa bis 2018 verlängert worden ist.

Telefonate sind von der Station aus nicht möglich, die Kommunikation über Internet geht nur zeitversetzt. Und verlassen darf die Crew ihr Zuhause nur in Raumanzügen. Dazu hat sich Heinicke gute Bergstiefel eingepackt - wegen des scharfkantigen Lavagesteins. Sie will experimentieren, wie sich durch Verdunstung Wasser aus dem Gestein gewinnen lässt. Eine Frage, die bei einer echten Marsmission überlebenswichtig sein könnte.

Das Leben in der Station wird sich sehr an der Sonne orientieren, sagt Heinicke. Denn sie wird mit Solarenergie betrieben. Ihre künftigen Mitbewohner hat Heinicke bereits bei einer Trekking-Tour in den Rocky Mountains kennengelernt. Über ihr Leben in der Marsstation will sie der Außenwelt regelmäßig in einem Blog berichten.

Einige ihrer Mitstreiter wollten sich nach der Mission bei der Nasa als Astronauten bewerben. Wäre sie bei einer echten Marsmission gern mit von der Partie? "Ich wäre dabei", sagt Heinicke, ohne zu zögern. "Aber nur, solange es ein Rückflugticket gibt."

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7  Bilder
Üben für den Mars: Im Raumanzug auf dem Gletscher

bkr/ Christina Horsten und Andreas Hummel, dpa

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insgesamt 18 Beiträge
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1. Staub und Strahlung
M. Michaelis 22.08.2015
Die Omnipräsenz von Staub und Strahlung und deren Auswirkungen auf Mensch in Technik wird von diesen Tests nicht erfasst dürften aber eines der Wesentlichen Probleme eines längeren Aufenthalts darstellen.
2. Ich war noch niemals in New York..
visitor_2007 22.08.2015
Ich finde das einfach klasse - und wenn sich mir eine derartige Gelegenheit böte, wäre ich sofort dabei. Thumbs-up Mädel!
3. Am Fuß des Mauna Loa
Rothaarbär 22.08.2015
ist das nicht. Die Basis liegt auf über 2700m. Also auf fast 3/4 der Höhe des Vulkans.
4.
Tiananmen 22.08.2015
Ganz ehrlich? Ich finde diese Mars-Simulationen einfach grandios - unsinnig. Nichts an dieser Simulation ist in irgendeiner Weise vergleichbar mit einer echten Station auf dem Mars: Schwerkraft, Strahlung, Dichtungsprobleme, Wasser. Da wird nun versucht, Wasser aus Gestein freizusetzen - andererseits behauptet die NASA, dass es reichlich Wasser auf dem Mars gibt. Zum Thema Ernährung und Anbau von Pflanzen kein Wort: wahrscheinlich werden 3x am Tag die Menütabletts unter der Türe durchgeschoben. Da hat Biosphere 2 wohl ein Nachdenken ausgelöst (das Experiment mit einer autarken Station ist endgültig gescheitert). Andererseits geht es ohne Eigenversorgung nicht. Das Ganze soll als psychologisches Experiment verstanden werden: Gruppendynamik und wie sie sich steuern lässt. Aber die hauptsächlichen Probleme finden im Kopf statt. Wenn ich weiß, dass ich im Notfall einfach die Tür aufmachen kann, dann taugt das Experiment nichts. Die Autoren haben die Wertigkeit deutlich zum Ausdruck gebracht - es ist nichts anderes als eine geänderte Version von "Big Brother". Und überhaupt: was soll eine bemannte Mission zum Mars mit "TNCB"*-Airlines? Da stimme ich denen zu, die sagen, dass die Erforschung unserer Meere Vorrang haben sollte. Ist halt ein bisschen schwieriger als "Weltraumfahrt". *They Never Come Back
5.
FriedrichDehnert 22.08.2015
Zitat von TiananmenGanz ehrlich? Ich finde diese Mars-Simulationen einfach grandios - unsinnig. Nichts an dieser Simulation ist in irgendeiner Weise vergleichbar mit einer echten Station auf dem Mars: Schwerkraft, Strahlung, Dichtungsprobleme, Wasser. Da wird nun versucht, Wasser aus Gestein freizusetzen - andererseits behauptet die NASA, dass es reichlich Wasser auf dem Mars gibt. Zum Thema Ernährung und Anbau von Pflanzen kein Wort: wahrscheinlich werden 3x am Tag die Menütabletts unter der Türe durchgeschoben. Da hat Biosphere 2 wohl ein Nachdenken ausgelöst (das Experiment mit einer autarken Station ist endgültig gescheitert). Andererseits geht es ohne Eigenversorgung nicht. Das Ganze soll als psychologisches Experiment verstanden werden: Gruppendynamik und wie sie sich steuern lässt. Aber die hauptsächlichen Probleme finden im Kopf statt. Wenn ich weiß, dass ich im Notfall einfach die Tür aufmachen kann, dann taugt das Experiment nichts. Die Autoren haben die Wertigkeit deutlich zum Ausdruck gebracht - es ist nichts anderes als eine geänderte Version von "Big Brother". Und überhaupt: was soll eine bemannte Mission zum Mars mit "TNCB"*-Airlines? Da stimme ich denen zu, die sagen, dass die Erforschung unserer Meere Vorrang haben sollte. Ist halt ein bisschen schwieriger als "Weltraumfahrt". *They Never Come Back
Ihnen ist aber schon bewusst, dass die *einzige* Zukunft der "Menschheit" im All (Kosmos) liegt? Sie können die Meere erforschen, wie Sie wollen: Dieselben werden in ein paar hundert Jahren tot sein - so wie unser Planet. Selbstverschuldet, durch Übervölkerung, Umweltverschutzung, Raubbau, Profitgier (allgemein Egoismus und Rücksichtslosigkeit). Die Menschen sind so, wie sie die Aliens beschreiben (insbesondere in "Independence Day"): Eine Spezies, die einen Planeten überfällt (im Fall der Erde: feindlich übernimmt), auslaugt und zu Grunde richtet. Wenn wir als Spezies also nicht weiterzuziehen vermögen geht es uns in ein paar (hundert/tausend) Jahren, wie den Dinosauriern. Nur dass Diese keine Schuld traf.
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