Studenten-Spiele zur TV-Debatte: Bechern für Obama

Von Wlada Kolosowa, New York

Es geht um die Zukunft des Landes - und darum, welcher Schnaps als nächstes getrunken werden muss: Die TV-Debatten zwischen Obama und Romney feierten viele Studenten als Event und als Trinkspiel. Sagt ein Kandidat "Griechenland", gibt es Ouzo. Sagt er "Iran", heißt das: auf Ex.

Trinkspiele zur Präsidentschaftsdebatte: Beim Wort Iran wird geext Fotos
Jakob Kienzerle

Libyen. Osama Bin Laden. Griechenland. Amerika wartet auf die Stichworte von Mitt Romney und Barack Obama im Fernsehduell. Bryn, Marianna, Rafael und Chris hängen besonders aufmerksam an den Lippen der Präsidentschaftskandidaten. Deren Worte sind nicht nur ein Grund zu klatschen und zu buhen und zu entscheiden, wen man wählen wird. Sie sind auch ein Signal, die Gläser zu heben. "Libyen" bedeutet für die Studenten der New York University (NYU): Nimm einen Schluck. "Iran": Austrinken. Sagt einer "Griechenland", gibt es Ouzo. Sollte Mitt Romney "Sozialismus nach Französischem Vorbild" erwähnen, wird Rotwein geschluckt.

Für viele Amerikaner sind die Präsidentschaftsdebatten ein geselliges Event. Die Frage "Und wo schaust Du?" ist vorher so allgegenwärtig wie beim WM-Finale in Deutschland. Die meisten versammeln sich vor dem Fernseher mit Freunden, etwa in einer Bar. Ohne Gesellschaft zum gemeinsamen Lästern und Jubeln machen die Fernsehdebatten nur halb so viel Spaß.

Und einige verwandeln das Ereignis eben in ein Trinkspiel: Viele Zeitungen publizieren eigene Regeln, auch einige Betriebe und Universitäten veröffentlichen "ihre" Liste mit Schlagworten im Internet. Verwendet der Präsident eines davon, heben die Spieler vor dem Bildschirm das Glas.

Schräge Regeln, hoher Pegel

Es ist die dritte Fernsehdebatte vor den Wahlen und diesmal geht es um Außenpolitik. Als der Moderator Bob Schieffer die Debatten eröffnet, jubeln die Zuschauer vor der Riesenleinwand des "Galapagos" im New Yorker Viertel Dumbo in Brooklyn. Kaum sind zwei Minuten verstrichen, klirren die Gläser der NYU-Studenten: Mitt Romney kritisiert das Vorgehen der Regierung bei den Attacken in Libyen und gratuliert dem Präsidenten ein paar Sätze später zur Ergreifung von Osama Bin Laden - alles Trinkstichpunkte auf der Liste. Beim letzteren wird sogar zwei Mal gebechert: Die Regeln besagen, dass man seinem Nachbar einen Drink in den Mund gießen muss, wenn einer der Kandidaten ein unehrliches Kompliment macht.

Die NYU-Studenten spielen nach den Regeln ihrer Universität. Die Debattentrinkspiele gibt es aber für jeden Geschmack. Die feministisch-ironische Seite "Jezebel" veröffentlicht eine Ausgabe "für Ladies", zum Beispiel: "Jedes mal, wenn jemand Mütter erwähnt, sende deiner Mutter eine betrunkene SMS, in der du dich für alles bedankst, oder sie dafür beschimpfst, wie sehr sie dich vermasselte." Die Macho-Seite brobible.com schlägt eigene Regeln vor, zu denen es auch gehört, einen Joint zu rauchen, wenn einer der Kandidaten von "grünen Jobs" spricht.

Es gibt Spielvarianten aus dem konservativen und liberalen Lager; Trinkspiele, bei denen man für einen Kandidaten bechert, und überparteiliche, es gibt ernstgemeinte und ironische. So muss man bei einer Version "Gangam Style" tanzen, wenn einer der Kandidaten Waffenkontrolle erwähnt. Eine andere Seite schlägt vor, eine extragroße Pulle Schnaps runterzustürzen, wenn Barack Obama und Mitt Romney sich zärtlich umarmen, küssen, oder die Wahl abblasen.

Wo bleibt die Obama-Euphorie?

Nach 45 Minuten mussten die Gläser im "Galapagos" schon vier Mal nachgefüllt werden. Die Stimmung wird immer ausgelassener und Marianna muss kurz nach draußen, frische Luft schnappen. "Für Obama laufen die Debatten super", sagt Marianna. "Für mich laufen sie langsam aus der Kontrolle."

Die meisten Besucher von "Galapagos" fiebern für den Präsidenten. "Ohne ihn hätte ich keine Versicherung", sagt Rafael. "Und wer weiß, wie viel mehr Studienschulden." Die Gesundheitsreform erlaubt amerikanischen Studenten, bei ihren Eltern mitversichert zu sein, bis sie 26 sind. Vielen gefallen auch die neuen Regeln zu Studienkrediten.

Die Enttäuschung der Studenten liegt vor allen Dingen an fehlenden Jobs. "Obama kann nichts dafür. Es war die Krise", sagt Anna, 24. "Trotzdem ist es frustrierend, wenn du die Uni mit einem Berg Schulden verlässt um wieder bei deinen Eltern einzuziehen." Anna studierte Physik, nach der Uni fand sie zwar einen Job, viele ihrer Kommilitonen aber nicht. "Es wird jetzt keine Wahl zwischen zwei Übeln, aber bei den jungen Leuten bleibt die Euphorie diesmal aus."

Im "Galapagos" ist jedenfalls der Triumph zu spüren. Nachdem die Kandidaten sich die Hände geschüttelt haben und das Trinkspiel vorbei ist, wird angestoßen. Der Präsident hat sich gut geschlagen, finden viele Kommentatoren. Vor den Türen johlt jemand: "Vier Jahre! Ja! Nochmal vier Jahre!" Vielleicht gibt es sie doch noch, die Obama-Euphorie. Vielleicht sind auch zu viele Shots im Spiel gewesen.

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insgesamt 4 Beiträge
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1. optional
KrC 23.10.2012
Das Spiel ist ne abwandlung von "Bullshit Bingo" ... altes Spiel, gerade wenns um Politikerreden geht aber sehr feucht fröhlich...
2.
+.+ 23.10.2012
Zitat von KrCDas Spiel ist ne abwandlung von "Bullshit Bingo" ... altes Spiel, gerade wenns um Politikerreden geht aber sehr feucht fröhlich...
Da kann man echt tödliche Regeln erfinden, z.B. ein "I" bzw. "Ich" = eine Runde Schnaps für alle.... Gibts auch als Sissisaufen: Für ein Sissi im Sissi-Film muss man trinken.
3. Gibt's fuer alle Arten von Events
new-yorker 23.10.2012
Sehr beliebt ist eine Trinkspielvariante bei den Reden zur lage der Nation. Gibt's regelmaessiger als den Wahlkampf und hat genausowenig wirklichen Inhalt. Nur muss man sehen, dass man am naechsten morgen nichts wichtiges vorhat....
4. Die USA müssen ein ziemlich lustfeindliches ...
westerwäller 24.10.2012
... Land sein, wenn ihre Bürger zum Saufen einen Anlass brauchen... Saufen nach Regeln? Da bleibe ich doch lieber bei meiner anarchischen - und mindestens gleich effektiven - Variante. Komme mir keiner mit Spaß: 1) ... ist Saufen eine ernsthafte Beschäftigung. Man sollte kein Spiel daraus machen. 2) ... gilt für Saufen die sog. Grenznutzenlehre. Es macht so viel Spaß, dass noch weiterer Spaß keinen Mehrgewinn bringt. (Vergleichbar mit Vitaminen)
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Fläche: 9.632.000 km²

Bevölkerung: 310,384 Mio.

Hauptstadt: Washington, D.C.

Staats- und Regierungschef: Barack Obama

Vizepräsident: Joseph R. Biden

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Fotostrecke
Wlada studiert in den USA: New York, hier bin ich
Twitter zur Präsidentschaftswahl


US-Wahl
Wahl des Präsidenten
In den USA liegt die exekutive Gewalt grundsätzlich beim Präsidenten, der Staatsoberhaupt, Regierungschef und Oberbefehlshaber der Streitkräfte in einer Person ist. Der Präsident wird alle vier Jahre neu gewählt, eine einmalige Wiederwahl ist möglich.
Die Präsidentschaftswahl in den Vereinigten Staaten ist eine indirekte Wahl: Am Wahltag, der immer am Dienstag nach dem ersten Montag im November stattfindet, wählt die US-Bevölkerung in jedem Bundesstaat Wahlmänner. Diese bilden das Wahlmännergremium, das offiziell erst im Dezember den Präsidenten und seinen Vize wählt. Dabei gilt in den allermeisten Bundesstaaten das Mehrheitswahlrecht: Die Wahlmänner eines Bundesstaates stimmen alle für den Präsidentschaftskandidaten, der in ihrem Staat die meisten Stimmen bekommen hat. Für den Gegner sind alle Wahlmänner verloren - egal wie knapp das Ergebnis ist ("Winner takes all"-Prinzip).
Parteien und Swing States
In den USA hat sich, durch das einfache Mehrheitswahlrecht begünstigt, ein Zweiparteiensystem gebildet: Praktisch spielen nur die demokratische und die republikanische Partei eine Rolle. Da in vielen Bundesstaaten die Mehrzahl der Wähler traditionell einer der beiden Parteien zugetan sind, steht in diesen Staaten praktisch fest, für welchen Kandidaten die Wahlmänner dieses Staates stimmen werden.
In anderen ist der Ausgang der Wahl hingegen offen: Sie werden als umkämpfte Staaten oder Swing States bezeichnet. Auf sie konzentriert sich der Wahlkampf der Kontrahenten. Besonders die bevölkerungsreichen unter ihnen wie Ohio und Florida stehen im Fokus der Wahlkampfstrategen, da sie viele Wahlmänner im Wahlmännergremium stellen und damit für den Ausgang der Präsidentschaftswahl entscheidend sein können.
Wahlmänner
Der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika wird nicht direkt vom Volk gewählt, sondern indirekt von Wahlmännern ("electors"). Ein Wahlmann ist ein Bürger, den die Einwohner eines US-Bundesstaates gewählt haben, damit er oder sie in einem landesweiten Gremium in ihrem Namen seine Stimme für den Präsidenten und den Vizepräsidenten abgibt. Die Wahlmänner werden von ihrer jeweiligen Partei in einem Auswahlprozess aufgestellt, der von Bundesstaat zu Bundesstaat verschieden ist. Normalerweise nominieren die Parteien sie auf einem Parteitag im jeweiligen Bundesstaat, oder der Zentralausschuss ("central committee") der Partei stellt sie auf.
Am Wahltag geben die Wähler jedes Bundesstaates ihre Stimme für einen der Präsidentschaftskandidaten ab. Da die Wahl indirekt ist, wählen sie damit Wahlmänner, die dann nach dem eigentlichen Präsidentschaftswahltag in dem bundesstaatenübergreifenden Wahlmännergremium ("electoral college") ihre Stimme für ihren Präsidentschaftskandidaten und seinen Vize abgeben.
Welche Wahlmänner aus einem Bundesstaat in das Wahlmännergremium geschickt werden, wird in 48 US-Bundesstaaten nach dem Mehrheitswahlrecht ermittelt: Alle von einem Staat entsandten Wahlmänner gehören derselben Partei an, selbst wenn diese in dem betreffenden Staat nur mit einem hauchdünnem Vorsprung gewonnen haben sollte ("Winner takes all").
Wie viele Delegierte ein Bundesstaat entsendet, ist von seiner Größe abhängig. Jeder Staat schickt so viele gewählte Electors, wie er Senatoren und Abgeordnete im Kongress stellt. Die meisten Wahlmänner, nämlich 55, hat zurzeit Kalifornien, gefolgt von New York (31) und Florida (27). Bevölkerungsarme Staaten wie zum Beispiel Alaska oder Montana entsenden das Minimum von drei Wahlmännern. Obwohl der Hauptstadtbezirk Washington D.C. keine stimmberechtigten Vertreter im Kongress hat, entsendet auch er drei Wahlmänner ins Gremium.
Wahlmännergremium
Das Electoral College ist ein Kollegium von insgesamt 538 Vertretern der einzelnen US-Bundesstaaten, das den US-Präsidenten und seinen Vize wählt - denn Amerikas Bürger entscheiden nicht direkt darüber, wer sie regiert, sondern nur über die Zusammensetzung des Gremiums, das den Präsidenten wählt.
Das Wahlmännergremium tritt physisch nie an einem Ort zusammen. Stattdessen versammeln sich die Wahlmänner im Dezember nach der Wahl durch das Volk in den Hauptstädten ihrer Bundesstaaten, um ihre Stimme abzugeben. Dabei richten sie sich in ihrer Entscheidung traditionell nach dem Votum des Volkes, zwingend vorgeschrieben ist das jedoch nicht in allen Staaten. Die Wahlmänner-Stimmen werden dann nach Washington geschickt, wo sie während einer gemeinsamen Sitzung des Kongresses im Januar ausgezählt werden. Der amtierende Vizepräsident kann dann endlich das offizielle Ergebnis der Präsidentschaftswahlen verkünden, das in der Regel ja schon kurz nach der allgemeinen Wahl bekannt ist, weil die Zahl der Wahlmänner jedes Kandidaten feststeht.
Wenn keiner der Präsidentschaftskandidaten die Mehrheit der Wahlmännerstimmen erhält, sieht der 12. Zusatzartikel der Verfassung vor, dass die Wahl durch das Repräsentantenhaus entschieden wird. In diesem Fall wählt das Repräsentantenhaus den Präsidenten per Mehrheitsentscheid unter den drei Kandidaten aus, die die höchste Anzahl an Wahlmännerstimmen erhalten haben. Jeder Staat gibt dann eine Stimme ab. Wenn keiner der Kandidaten für das Amt des Vizepräsidenten die Mehrheit der Wahlmännerstimmen erhält, entscheidet hingegen der Senat per Mehrheitsentscheid über den Vizepräsidenten, wobei sich jeder Senator für einen der beiden Kandidaten mit der größten Anzahl an Wahlmännerstimmen entscheiden muss.
"Winner takes all"
In 48 US-Bundesstaaten gilt bei den Präsidentschaftswahlen das Mehrheitswahlrecht: Alle Wahlmännerstimmen eines Staates werden komplett dem Präsidentschaftskandidaten zugeordnet, der in diesem Bundesstaat die meisten Wählerstimmen erhalten hat - "Der Sieger bekommt alles" ("The winner takes it all"). Der in diesem Staat unterlegene Präsidentschaftskandidat geht leer aus, ganz gleich wie viele Stimmen der Bürger er auf sich vereinigen konnte - diese Stimmen entfallen.
Präsident wird, wer die Mehrheit der Stimmen von den Wahlmännern bekommt, die jeder einzelne Bundesstaat in das staatenübergreifende Wahlmännergremium (electoral college) schickt. Ob der Präsidentschaftskandidat auch die Mehrheit der in den USA abgegebenen Stimmen (popular vote) bekommen hat, ist für die Präsidentenwahl hingegen nicht entscheidend. So führt das Prinzip "Der Sieger bekommt alles" dazu, dass die Wahl kein genaues Bild vom wahren Kräfteverhältnis im ganzen Land gibt.
Nur in den Bundesstaaten Nebraska und Maine gilt das System des "Winner takes all" nicht. Hier werden die Wahlmänner nach dem Verhältniswahlrecht ermittelt: Die Wahlmännerstimmen werden proportional zu den auf die Kandidaten entfallenen Wählerstimmen zwischen den Parteien aufgeteilt.