"Leider hat der Bürgermeister von Rheinbach in Nordrhein-Westfalen Stefan Raetz für unseren verabredeten Termin wenig Zeit. Zehn Minuten müssen reichen, um uns von einer der, wie er sagt, "aufregendsten und schwierigsten Zeit seines Lebens" zu erzählen.
Vor 20 Jahren war Stefan Raetz gerade mit dem Jura-Studium fertig, als er auf eine Ausschreibung der Stadt Luckenwalde im Fläming stieß. Sie suchten einen Juristen aus Westdeutschland, um das Rechtsamt der Stadtverwaltung aufzubauen. Bald saß Raetz in einem spartanisch eingerichteten Büro vor einem Berg von Akten.
Worauf er sich eingelassen hatte, entdeckte Raetz erst nach und nach. Luckenwalde hatte als Industriestadt große Mühe, nach der Wende auf die Beine zu kommen. Viele Betriebe schlossen, die Wirtschaft musste komplett umstrukturiert werden. Eine große Herausforderung für die neue Stadtverwaltung, die nach zahlreichen Entlassungen vom aufgeblähten Verwaltungsapparat aus DDR-Zeiten übrig geblieben war.
Die Skepsis seiner ostdeutschen Kollegen ihm gegenüber konnte Stefan Raetz damals gut verstehen. "Ich war ja selbst noch Berufsanfänger, und ich hatte schon genug 'Besserwessis' erlebt, die meinten, die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben." Raetz wollte es besser machen. Viel investierte Zeit und echtes Interesse an seinen Mitarbeitern habe das Vertrauen wachsen lassen. Aber der Jurist stand noch vor einem weiteren Problem: Kaum einer der neuen Mitarbeiter hatte eine klassische Verwaltungsausbildung. Mit Wochenendseminaren und viel Fingerspitzengefühl für die besondere Situation der ostdeutschen Stadt, hätten sie das damals gemeistert.
Drei Jahre danach ging Raetz ins Rheinland zurück. Er sagt, damals wie heute sei noch viel für die Einheit zu tun. "Wissen Sie, wie oft ich an den Stammtischen noch diese Sprüche höre: 'Hätten wir den Soli nicht abgetreten, dann ginge es uns besser.'?" Doch auch im Osten müssten die Leute umdenken. Wie man sich auf den Annehmlichkeiten des sozialen Netzes ausruhen und trotzdem den alten Zeiten nachtrauern kann, findet der Bürgermeister unbegreiflich.
Der nächste Morgen begrüßt uns unfreundlich. Es regnet, die Unterkunft hat kein warmes Wasser und der erste Teil unserer Tagesstrecke führt - mal wieder! - über Asphalt. Endlich haben wir die Industriegebiete und Autobahnen hinter uns gelassen, als unser Waldweg plötzlich vor einem Weidezaun endet. Die Karte hilft nicht weiter, wir robben unter dem Stacheldraht durch - und hängen nach wenigen Metern in dicken Brombeerbüschen fest. Stacheldraht ist nichts dagegen!
Den Weg nach Bonn haben wir trotz strömenden Regens und schmerzender Füßen gefunden. Annette Schwolen-Flümann ist Bezirksbürgermeisterin von Bad Godesberg, sie begrüßt uns und lädt uns zu einem Abendessen mit Editha Limbach, die 1989 Bundestagsabgeordnete war, und Stefan Eisel, dem stellvertretenden Büroleiter von Helmut Kohl, ein. Der Blick in unsere Rucksäcke sagt uns, dass wir für ein Treffen mit Vertretern der alten Bonner Republik kaum passend angezogen sein werden.
Und dann kam Kohl: Altkanzler als Privatmann in der DDR
Die Sorge erweist sich als unbegründet, die Stimmung ist entspannt und unsere Gesprächspartner erzählfreudig. Der ehemalige Kohl-Helfer Stefan Eisel plaudert aus dem Nähkästchen. Kaum jemand wisse ja, dass Helmut Kohl zwei Mal privat in der DDR gewesen sei: "Einmal war er zu einem Fußballspiel dort", erzählt uns Eisel, "und die Stasi wusste nicht, wie sie damit umgehen sollte. Schließlich haben sie ein ganze Kurve für Kohl geräumt." Mit breitem Lächeln erzählt Eisel, wie eine Wanderung im gesamten Stadion eingesetzt habe. Immer mehr Menschen hätten zum Ärger der Staatssicherheit ihre Plätze verlassen, um ein Autogramm vom deutschen Kanzler zu bekommen.
Bonn besuchen auf einer Wanderung zum Thema Einheit geht nicht ohne Sight-Seeing. Der Sohn unserer Gastfamilie führte uns zum Alten Wasserwerk, dem Ort an dem der Einigungsvertrag Gestalt annahm, und zur Villa Hammerschmidt, dem zweiten Wohnsitz des Bundespräsidenten. Uns fällt auf, dass die ehemaligen Regierungsgebäude eher unscheinbar sind, alles ist dicht beieinander. Kein Vergleich zum neuen Regierungssitz in Berlin.
Die 28 Kilometer von Bad Godesberg nach Eitorf in Nordrhein-Westfalen schaffen wir bei Sonnenschein recht mühelos. Am Abend treffen wir dort Bernd Winkels. Er ist 1969 zum Bundesgrenzschutz (BGS) gegangen, aus ganz eigennützigen Gründen: "Ich wollte nicht zur Armee. Der Dienst beim BGS wurde damals als Ersatz zum Wehrdienst anerkannt." Womit Bernd Winkels nicht gerechnet hatte, war sein Einsatz an der innerdeutschen Grenze. Eineinhalb Jahre war er im hessischen Eschwege stationiert und "jeden Tag stand nur sechs Meter von mir ein anderer deutscher Soldat". Einer aus dem Osten, aus der DDR, dem sozialistischen Feindesland und Bruderstaat. "Wir haben nicht miteinander geredet, uns nicht mal gegrüßt. Die Situation war absurd", sagt Winkels.
Mit wie viel Offenheit uns die Menschen ihre Geschichten aus der deutsch-deutschen Vergangenheit erzählen überrascht uns immer wieder. Mit diesen Gedanken begeben wir uns wieder auf die asphaltierte Landstraße, von denen es im Rheinland nach unserem Geschmack zu viele gibt und wandern Richtung Geilenkausen. Die Nacht werden wir dort auf einem Reiterhof verbringen und hoffentlich nicht im Heu, sondern in richtigen Betten schlafen."
Als Ossis im Westen, Etappe eins:
Tränen in der Eifel
Als Ossis im Westen, Etappe zwei: Flucht und Rauswurf aus dem Arbeiterparadies
Als Wessis im Osten, Etappe eins: Von wegen Junkerland in Bauernhand
Als Wessis im Osten, Etappe zwei:
Mangelwirtschaft früher und heute
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