Oxford gegen Cambridge: Duell der Maulhelden und Milchgesichter

Von Philip Oltermann, Cambridge

Soll Großbritannien die Scharia einführen? Cambridge ist dafür, Oxford dagegen - wenn die Debattierclubs der Nobel-Unis ihre Kräfte messen. Das rituelle Wettquasseln gilt als Starthilfe für Polit-Karrieren. Nach Kräften mühen sich die Studenten, anzüglich und gemein zu sein.

Auf Olivia Potts wartet heute eine große Aufgabe. Sie tigert durch ihr Büro in der Cambridge Union und sucht Papier. Viele junge Männer und Frauen drängeln sich im Zimmer, machen panisch Notizen, lernen Phrasen auswendig, zupfen sich ihre Fliegen zurecht.

Gehetzt wirken Studenten in Cambridge oft. Heute ist der Stress noch etwas größer - dabei steht nicht einmal eine Klausur an: Die Studenten der Oxford Union kommen zu Besuch. Die beiden wohl renommiertesten Debattierclubs der Welt treffen sich zum jährlichen Kräftemessen, der "Varsity Debate".

Das Thema diesmal: "Dieses Haus befürwortet die Einführung der Scharia in das britische Rechtssystem." Die Rollenverteilung ist bereits ausgelost. Der Gast aus Oxford vertritt die Opposition, Cambridge muss die Pro-Scharia-These verteidigen. Keine leichte Aufgabe.

Es hat etwas von Theater, wenn die zwei Debattierteams in feinstem Zwirn und unter tosendem Applaus den Saal betreten. Die Architektur des "Debating Chamber" ist dem britischen Parlament, dem Unterhaus in Westminster, nachempfunden: Der Union-Präsident thront in der Mitte des Saals, jeweils vier Debattierer sitzen sich auf zwei parallelen Bänken gegenüber, das Publikum in ihrem Rücken und auf den Balkons über ihren Köpfen.

Politikerspielchen und anzügliche Scherze

Reden werden der Reihe nach gehalten, die gegnerische Mannschaft darf jederzeit Antrag auf Einspruch stellen. Die Gesten dabei sehen aus wie aus einem Stummfilm der zwanziger Jahre und folgen einem festen Ablauf: Der Antragsteller schnellt vom Sitz hoch, streckt den Arm aus, dreht die Hand nach oben und formt die Hand, als bettle er um Almosen.

Meist geht es ebenso ritualisiert weiter: Ohne sein Gegenüber eines Blickes zu würdigen, macht der Redner eine abfällige, wegwischende Bewegung mit der linken Hand - Einspruch abgelehnt.

Die beiden Hochschulen sind Rivalen aus Tradition. Cambridge kommt schneller aus den Startlöchern. Die Debattierer von "dieser anderen Universität" hätten wohl Angst, dass eine Pro-Scharia-Position ihrer Chance auf eine Karriere in der konservativen Partei schaden könnte. Oxford kontert blitzschnell: Auf den Premierminister-Posten mache er sich schon lange keine Hoffnung mehr, meint James Dray. Dafür habe er viel zu viele Affären mit Mitgliedern der anderen Partei gehabt. Der Saal bricht in Gelächter aus.

Milchgesicht eines Teens, Selbstbewusstsein eines Lords

Der Rest der dreistündigen Debatte ist gespickt mit ähnlich kindischem Gehabe: Es gibt verschwörerisches Getuschel unter Teammitgliedern, Augenrollen, Gekicher. Es werden Witze über den Schottenrock des Cambridge-Redners Robert Nimmo gerissen, ein Oxford-Debattierer versucht, augenzwinkernd mit den weiblichen Mitgliedern der Cambridge-Delegation zu flirten.

Viele der Sprüche sind geschmacklos, meist kommen sie von der Oxford-Delegation: Max Kasriel, Student vom Worcester College mit dem Milchgesicht eines Teenagers und dem Selbstbewusstsein eines Lords, vergleicht muslimische Scharia-Befürworter erst mit der Rassistenvereinigung Ku-Klux-Klan aus den USA, dann mit Josef Fritzl, "diesem österreichischen Herren, der seine Töchter einkerkert".

Aus dem Publikum meldet sich ein Mädchen mit Kopftuch: Ob die Herren Debattierer überhaupt vorher mit Muslimen über das Thema gesprochen hätten? Sie finde diese Vergleiche verletzend und wundere sich, dass der Präsident die Oxforder Mannschaft nicht ermahne. Adam Bott, bisheriger Präsident, erwidert unterkühlt, so seien nun einmal die Regeln hier: Jeder darf sagen, was er will.

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