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Papierflugzeuge: Herr der Flieger

Von Kai Kolwitz

Gegen Kai Wicke hat niemand eine Chance - der Luft- und Raumfahrt-Student ist Deutschlands bester Papierflugzeug-Werfer. Sein Lieblingsmodell segelt knapp 40 Meter, fast so lang wie ein halbes Fußballfeld. SPIEGEL ONLINE zeigt Ihnen, wie Sie perfekte Wegwerf-Flieger bauen.

Es gehört zu den Klassikern in Einführungsveranstaltungen und tristen Vorlesungen: Fast wie in Zeitlupe zieht der Papierflieger Kreise über den Köpfen der Studenten. Endlose Sekunden lang lenkt er alle Blicke auf sich, Fourier-Gleichungen oder die Inflationsrate von Simbabwe interessieren niemanden mehr.

Oder die heimtückische Variante: die schnellen, gemeinen Flieger aus der letzten Reihe, die wie an einer Schnur gezogen durch den Raum sausen, um dann mit einem Knall haarscharf neben dem Ohr des Dozenten in der Wand einzuschlagen.

So etwas Hinterhältiges würde Kai Wicke, 25, natürlich nie tun. Obwohl er es könnte. Denn er studiert im zehnten Semester Luft- und Raumfahrt an der Technischen Universität Berlin, stand als Segelflieger schon kurz vor der Junioren-WM - und ist Deutschlands bester Papierflieger-Werfer.

Dass er der Herr der Flieger wurde, verdankt Wicke dem Umstand, dass der Energiedrink-Hersteller Red Bull den Vorlesungssport letztes Jahr zum veritablen Wettkampf-Event adelte: Bei der Deutschen Meisterschaft in der Abflughalle des Flughafens Tempelhof war dem Berliner Werfer kein Gegner gewachsen - und bei der Weltmeisterschaft in Salzburg reichte es immerhin noch zum sechsten Platz in der Kategorie Weitwurf unter Teilnehmern aus 48 Nationen.

37 Meter mit dem Ganz-Ganz-Leicht-Flugzeug

Dabei hatte Wicke vorher nicht einmal viel trainiert: "Ein Assistent von uns hatte die Ausschreibung mitgebracht", erzählt er. "Ich wollte eigentlich erst gar nicht mitmachen. Aber dann bin ich doch mal hingegangen und habe den Flieger gleich gegen die hintere Wand der Halle geworfen. Da waren sich alle einig, dass ich mit zur Vorausscheidung muss." Erst bei der Deutschen Meisterschaft fand sich eine Halle, die lang genug war für seine Wurfkünste. Bei exakt 37,36 Metern liegt seine Bestleistung - fast ein halbes Fußballfeld.

Kai Wicke mit dem WM-Modell: "Es kommt darauf an, für welche Disziplin man faltet"
Kai Kolwitz

Kai Wicke mit dem WM-Modell: "Es kommt darauf an, für welche Disziplin man faltet"

Aber was macht ihn aus, den perfekten Papierflieger? Wicke würde es glatt ausplaudern - wenn er es noch so präzise wüsste: "Ich habe schon wieder fast vergessen, wie ich da angefangen habe", bedauert er. "Wir haben ja überhaupt erst drei oder vier Wochen vorher mit dem Training begonnen - und dieses Modell habe ich im Prinzip nur ein, zwei Wochen lang gefaltet. Wenn ich noch mal einen Wettkampf bestreiten würde, müsste ich mich erstmal hinsetzen und gucken, wie ich das genau gemacht habe."

Deshalb verweist der Beinahe-Weltmeister auf Webseiten wie www.bestpaperairplanes.com - auch das Berliner Team holte sich Anregungen aus dem Internet. Und da steht auch, dass es den perfekten Allround-Flieger gar nicht gibt: "Es kommt darauf an, für welche Disziplin man faltet", erklärt Wicke, "wenn man wie ich die größte Distanz erreichen will, dann muss man ein aerodynamisch gutes Flugzeug bauen. Dagegen haben die Teilnehmer, die auf die längste Flugzeit gegangen sind, Flieger mit großen Tragflächen gebaut, weil die ja viel Auftrieb brauchen. Und beim Kunstflug - da kann man dann noch hinten einreißen oder Ruder bauen, damit die Flugzeuge bestimmte Figuren fliegen."

Speerwurf-Erfahrung half bei der Wurftechnik

Wickes WM-Modell für den Weitwurf sieht fast wie ein Pfeil aus - lang, schmal und stabil, mit einiger Falt-Arbeit in der Spitze, damit die Balance stimmt. Denn eins steht fest: Der klassische Pausenhof-Flieger ist für zielgenaue Würfe absolut ungeeignet. "Modelle mit großen Tragflächen sind schwierig zu kontrollieren. Da reicht schon eine kleine Luft-Turbulenz, und sie fliegen eine Kurve. Unser Flieger hat einfach Geschwindigkeit. Wenn ich den geradeaus werfe, dann fliegt der auch geradeaus."

Als Luft- und Raumfahrt-Student ist Wicke vom Fach. Doch seine Studiendisziplin empfindet er nur als bedingt hilfreich für das Projekt Papierflieger: "Geholfen hat schon, dass ich gewusst habe, wie man ein Flugzeug verändern muss, damit es wirklich geradeaus fliegt. Aber die Aerodynamik bei Papierfliegern ist ganz anders als bei großen Flugzeugen. Deshalb kann man von denen kaum Prinzipien auf unsere Modelle übertragen."

Im Moment liegt das Projekt allerdings auf Eis. Erst einmal will Wicke abwarten, ob es auch im nächsten Jahr eine WM geben wird. Und dann entscheiden, ob er wieder mit dem Training beginnt - vor allem mit der Verfeinerung seiner Wurftechnik.

Denn der angehende Ingenieur hat den Gelegenheits-Konstrukteuren aus dem Mathe-Vorkurs noch ein bisschen mehr voraus als nur eine gute Falt-Technik: "Ich habe früher lange Leichtathletik gemacht, auch Speerwurf. Deshalb hatte ich die Wurftechnik schon verinnerlicht. Die anderen haben mal das gleiche Flugzeug genommen, mit dem ich auch geworfen hatte. Aber keiner hat es geschafft, so weit zu kommen."

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