Party-Logbuch Hannover: "Bier trinken, rauchen. Fertig."

Hannover und Nachtleben? Markus Flohr muss ein bisschen suchen, um es zu finden - auf Hannovers Mini-Reeperbahn, auf einem altem Fabrikgelände und in nebeligen Keller. Im Morgengrauen versteht er, was die Stadt so besonders macht: diese freundliche Eigenschaftslosigkeit.

Uni-Stadt Hannover: "Bier trinken, rauchen. Fertig." Fotos
Mario Wezel

18.00 Uhr Marco und ich sind Hannoveraner, allerdings auf unterschiedliche Weise. Ich wurde hier geboren und wuchs in einer Kleinstadt im Harz auf, Marco ist zugezogen und lebt seit vielen Jahren hier. Wir sitzen bei Marco in der Küche und denken darüber nach, was Hannover auszeichnet: "Hannover ist ...", fange ich an. "Also in Hannover kann man ...", setzt Marco fort. Wir schauen uns konzentriert an. Marcos Blick wandert zum Fenster. Da bleibt er auch, der Blick. Dann holt er zwei Flaschen "Lindener Spezial" aus dem Kühlschrank. "In Hannover kann man Bier trinken", sagt er. Aber kann man hier auch weggehen? Tanzen? Feiern?

20.00 Uhr In den vergangenen drei Jahren dachten wir Hannoveraner, unsere große Zeit sei angebrochen. Ein Mädchen namens Lena Meyer-Landrut gewann den Eurovision Song Contest, Christian Wulff wurde Bundespräsident, Hannover 96 spielte plötzlich in der Europa-League, Bandidos und Hells Angels schlossen Frieden. Ganz sicher waren wir uns zwar nicht, ob das alles für oder gegen Hannover spricht, aber immerhin war die Stadt in den Nachrichten. Fast täglich. Mein Vater, der in Hannover aufgewachsen ist, fand das prima.

22.00 Uhr Immer noch in Marcos Küche. "Über Hannovers Nachtleben weiß niemand viel zu erzählen, nicht einmal die Hannoveraner", sagt Marco. "Das hat seinen Grund." Irgendeine Scherz-Kapelle dichtete mal: "Es lebt sich so lala hier in Hannover / Wir haben keinen Humor und keinen Akzent. Man ist ganz gerne Durchschnitt in Hannover / das ist das Typische, woran man uns erkennt." Marco spielt mir das Lied auf YouTube vor. Gleich gehen wir aber vor die Tür. Wir haben den festen Plan, tanzen zu gehen.

22.30 Uhr Wir schlendern durch Linden, hier muss man wohnen, wenn man Student ist. Wenn einer fragt, wo es gut ist in Hannover, spreche ich immer von Linden. Ich sage: "Hannover hat auch schöne Ecken." Und dann: "Linden zum Beispiel." Mir fällt aber erst jetzt auf, dass diese Sätze eigentlich eine Demütigung für Hannover sind. Eine Demütigung durch Zuneigung.

23.00 Uhr Der erste Laden: "Oberdeck". Früher hieß er "Silke Arp bricht" und war sehr angesagt. Ein Ladenlokal, vollgestopft mit Platten, Postern, Lampen und Pop-Tüdelzeug. Bunt und albern. Früher gab es unten einen Keller für Konzerte, Happenings, Disco. Jetzt ist der Keller zu. Den Anwohnern war es zu laut, der Feuerwehr zu gefährlich: Brandschutzbestimmungen. In der Mitte des Ladens sitzt ein junger Mann mit Mütze und tippt auf seinem Rechner herum, aus dem Musik kommt. Ich sage, dass wir die Tanzfläche suchen. Michael, ein Gast, sagt: "Tanzen kann man hier seit zehn Jahren nicht mehr. Bier trinken, rauchen. Fertig. Ab nach Hause. Hannover eben."

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1.00 Uhr Endlich tanzen wir. Im "schönsten Treppenhaus der Stadt", auf der Rückseite des Staatstheaters, liegt die "Cumberlandsche Galerie"; das Überbleibsel eines Museums aus dem 19. Jahrhundert. Wir swingen zu einem Gerühre aus HipHop, Latin, Funk und Soul. Eigentlich tanzen hier nur Frauen, die Jungs stehen am Rand und halten sich an ihren Drinks fest. Alles schaut fein und gestylt aus. Keine Schickeria, aber schon die gehobenen Bildungssprösslinge. Später ruhen wir uns auf 120 Jahre alten Steinstufen aus und schauen ins Gewölbe, das mit gedecktem Gelb beleuchtet wird. Ich frage eine junge Frau mit schwarzen Haaren, wer hier so herkommt: Schauspieler? Schüler? Studenten? Sie fährt mich an: "Studenten? Hey, wir sehen doch alle wie 14 aus, oder?" Vermutlich hat sie selbst nicht verstanden, was sie damit meinte.

2.00 Uhr Im "Rockhouse" lungere ich mit Marco am Rand der Tanzfläche herum und bestaune eine Gruppe junger Männer. Sie stehen im Kreis und wedeln zu irgendeinem Grunz-Metal mit ihrem offenen Haar. Einer der Headbanger trägt ein T-Shirt, auf dem ein Sarg zu sehen ist und der Spruch: "Endlich in den eigenen vier Wänden." Metal-Humor. Richtig. Hannover, die Hard-Rock- und Heavy-Metal-Metropole. Bands wie die unvermeidlichen Scorpions kommen hierher. Bands also, die DJs in Berlin und Hamburg heute auf ironisch gemeinten Revival-Abenden spielen. In Hannover ist das anders, hier meint man es ernst mit dem Achtziger-Metal. Man trägt schwarze Haare, schwarze T-Shirts, schwarze Röcke, die Frauen ziehen gerne weiß-rote Mieder an, ihre Augen verschwinden in einem Sumpf aus Kajal. Im "Rockhouse" schweben vier Stahlkäfige über der Tanzfläche, in denen sich Mädchen in Unterwäsche räkeln, sie sehen aus, als seien sie gerade der Pubertät entwachsen. Es ist eine Mischung aus "Schulmädchenreport" und Horrorfilm. Einen Moment lang frage ich mich, ob ihre Eltern wissen, was sie hier machen. Ich glaube, ich werde alt.

3.00 Uhr Marco zeigt mir das Steintor, Hannovers Mini-Reeperbahn. Der Platz am Rande der Innenstadt mit einer Handvoll Seitengassen wird grell beschienen von Leuchtstoffröhrenlicht, die Leute stehen auf dem Bordstein vorm Club "Rocker" herum, Alkohol hängt in der Luft, Gegröle und der Geruch von Urin. Einen Vorteil gegenüber der Reeperbahn hat das Steintor: Es ist viel kleiner und kürzer, aber ansonsten genauso grässlich. Schnell weg.

4.00 Uhr Wir sind im Jugendzentrum "Glocksee" auf einem alten Fabrikgelände. Die Ihme fließt nebenan vorbei, im Hintergrund ragen die Betontürme des Ihme-Zentrums empor. Sehr urban hier. Ein Hauch von Berlin. Als in den neunziger Jahren die Chaostage in Hannover tobten, so eine Art Love Parade für Punks, flüchteten sich ein paar Punks nach einer Schlacht auf das Glocksee-Gelände. Die Polizei kesselte sie ein und sprühte Tränengas in den Hof. Da zerlegten die Punks in Panik das gesamte Inventar. Heute ist alles wieder heil, aber leider kein Mensch da. Keine Polizei, keine Punks. Nur eine leere Tanzfläche. Also weiter.

5.00 Uhr Im "Béi Chéz Heinz" ist noch Betrieb. Durch ein Gebäude, das aussieht wie eine Grundschule, geht es zur Tanzfläche im Keller. Das Publikum hat gerade Abitur gemacht oder studiert im ersten oder zweiten Semester. Techno und Elektro wabern durch den Raum. Weil die Decke viel zu niedrig ist, bleibt der Sound stecken. Marco und ich tanzen ein wenig. Irgendwer verteilt Knicklichter. An der Wand hängen bunte Neonröhren. Jetzt kommt der Nebel. Wow. Mein Großvater hätte auf gut Hannöversch gesagt: "Das soll nun so was sein."

5.30 Uhr Am Ausgang lerne ich Juliane kennen. Sie kommt aus Hamburg. Wir sprechen über Hannover. Das Gute an Hannover sei gerade der mittelmäßige Ruf, sage ich, diese freundlich-unprätentiöse Eigenschaftslosigkeit. Sollen die Mieten in Berlin, Hamburg und München doch bis zum Mars steigen. Hier nicht. Sie grinst und fragt: "Du kommst aus Hannover?" "Bin hier geboren. Gewohnt habe ich hier nie", sage ich. "Aber Hannover hat auch schöne ..." Doch da ist sie leider schon weg.

Korrektur: In einer früheren Version dieses Artikels stand, die Bands Accept und Helloween stammten aus Hannover. Das war nicht korrekt. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

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insgesamt 56 Beiträge
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1. Der Metal der anderen...
plex96 30.07.2012
Ehre wem Ehre gebührt...Accept stammen aus der Weltmetropole Solingen, die Pudelmetaller Helloween aus der nördlichen Samtgemeinde Hamburg...
2. schön war´s
Hasenvogel 30.07.2012
Bin in Hannover geboren und habe dort auch lange Zeit gelebt und mir gefällt´s da. Auch heute noch. Zum Artikel: Ein bißchen mehr Recherche wäre nicht schlecht gewesen: Accept kommen aus Solingen, Helloween aus Hamburg und die Scorpions nur aus der Nähe von H. Aber das kann man durchgehen lassen. Und das Glocksee liegt an der Ihme...
3. Tunnelblick olè
Hannover82 30.07.2012
Vorweg, ja ich bin Hannoveraner. Klar, ich schreibe diesen Kommentar mit ein bisschen subjektiver Würze. Aber dieser Bericht ist so einseitig und schlecht, dass ich zwei Mal schauen musste, ob ich wirklich auf der SPIEGEL Website gelandet bin. OK, viel haben wir nicht in Hannover, aber jeder kann das finden, was er sucht. Es ist für jeden Geschmack etwas dabei. Und wenn man Lust auf etwas ganz anderes hat, geht man auf das Kleine Fest, Lister Meile Fest, Maschseefest, Schützenfest, und viele andere Kleinigkeiten die Hannover sympathisch machen. In dem Sinne, wünsche ich dem "Journalist" ein bisschen mehr Neutronen im Müsli. Ciao!
4. Wirklich ?
Infonautiker 30.07.2012
Muss das ein Gehetze gewesen sein an dem Tag, wenn ich mir so Uhrzeiten, und die Distanzen zwischen den verschiedenen Stationen ansehe. Irgendwie glaube ich nicht so recht, dass der Artikel mehr als eine fiktive Geschichte ist, von jemandem der Hannover eben *nicht* wirklich gut kennt. Ob es wohl Marco und Juliane wirklich gibt ? Übrigens, die Glocksee war nicht der Ort an den sich die Punks während der Chaostage zurückzogen und eingekesselt wurden, das war das Sprengel-Gelände in der Nordstadt. Diverse andere Fehler wurden ja schon erwähnt ..
5.
Scott Pilgrim 30.07.2012
Zitat von sysopHannover und Nachtleben? Markus Flohr muss ein bisschen suchen, um es zu finden - auf Hannovers Mini-Reeperbahn, auf einem altem Fabrikgelände und in nebeligen Keller. Im Morgengrauen versteht er, was die Stadt so besonders macht: diese freundliche Eigenschaftslosigkeit. Party in der Uni-Stadt: Club- und Kneipentour durch Hannover - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/0,1518,843796,00.html)
Bei sovielen Fehlern gehe ich stark davon aus das es sich hierbei um einen fiktiven Artikel handelt z.B. beim Heinz ist ein Schwimmbad,genauer das Fössebad. Ich bezweifele,dass jemand die ganzen Hinweise in der Gegend nicht gesehen hat. Btw. die meisten Leute in Hannover wissen sehr wohl was Nachts in Hannover abgeht.
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Zum Autor
Markus Flohr, 31, ist Autor und Journalist. Für den "Unispiegel" hat er ein Tagebuch aus Israel geschrieben und daraus das Buch "Wo samstags immer Sonntag ist" gemacht.