19.30 Uhr Der Abend beginnt dort, wo der Punkrock vor Jahrzehnten zur Leitkultur ausgerufen wurde: im Steintorviertel. Es heißt, die CDU habe sich hier schon vor langer Zeit vom Wahlzettel streichen lassen. Ab halb acht kommen die Skater, die Punker, die Autonomen. Einige besetzen die Straße, um ein bisschen Fußball zu spielen. Ein Stau, ein wildes Hupen, doch die Polizei wird so schnell nicht kommen. "Alles, was linksaußen steht, hat hier seinen Platz", sagt André, mit dem ich unterwegs bin. Er sagt es mit Stolz.
21.30 Uhr Abstecher auf die Weserwiesen. Ein paar Spaßvögel haben in der Nacht mit irgendeiner ätzenden Ingredienz "FUCK HSV" in den Rasen gebrannt. Es ist wichtig in Bremen, den HSV und Hamburg nicht zu mögen. Hamburger kontern gern: "Bremen hat ein Problem. Bremen ist nicht Hamburg." Das ist nicht ganz korrekt. Es müsste heißen: "Bremen hat ein Problem. Bremen ist Rest-Berlin." Ein Kreuzberger nach dem anderen nimmt Reißaus und fährt nach Bremen, weil hier noch alles so ist wie zu Hause vor 20 Jahren.
22.30 Uhr Ich treffe Nudge ("Natsch"), der eigentlich ganz anders heißt, aber hier in Bremen braucht jeder einen Künstlernamen, einen Alias zum Verstecken, und Nudge sagt, wir müssten jetzt schnell zur "Lila Eule", da gäben sie heute plattdeutschen Elektro-Punk. Was sonst?
23.00 Uhr Zur Lila Eule geht es eine dunkle Treppe hinunter in den Keller, und wenn es einen Club gibt, der in Bremen Geschichte hat, dann wohl dieser. Rudi Dutschke hat hier mal Bier getrunken. Es gibt kaum Luft und wenig Licht in der Eule. Drei junge Männer in weißem Maleranzug und mit Sonnenbrille hüpfen auf die Bühne, hinter ihnen steht ein Klapprechner, in der Hand halten sie Mikro und Megafon. Ein Fiepen, ein Piepen, los geht's: "Wi hebbt jo vat metbrocht: Platt, Platt, Platt!" Sie nennen sich "De fofftig Penns", Plattdeutsch für "50 Cent". Der Laden ist dicht, in jeder Hinsicht, die Penns haben den Mob im Griff. Sie singen: "Platt is dat Land achter de Dieken / Platt is dat Watt, dat kannst nakieken." Elektro-Punk auf Platt, das ist wie LSD mit schwarzem Tee und Butterkeksen. Das ist wie Bremen.
03.00 Uhr Am Eck versucht ein kleiner Polizeitrupp, die Autonomen zu verjagen. Klappt nicht ganz. Ein paar junge Männer in Markenpullovern maskieren sich notdürftig als böse Linke und werfen mit Cola-Dosen. Die Beamten sprühen Reizgas. Irgendwo knallen Böller, jemand tritt eine Scheibe ein. Sirenen und Martinshorn hallen durch die Gassen des Viertels. Über dem Eck steigt Rauch in die Luft, jemand hat einen Papierkorb angezündet.
04.30 Uhr André und ich gehen Cocktails trinken, in einer Bar, die es auch nur in Bremen geben kann, weil sie "First class suicide" heißt, an einer schicken Flanierstraße liegt, aber ausschaut wie eine Hafenspelunke. Zum Abstürzen. In Bremen ist alles immer ein wenig drüber, da hält man sich nicht mit Bier auf am Wochenende, der Clubabend hat in einem handfesten Rausch zu enden. Geh mir weg mit Montag, Montag ist überall schlimm, aber in Bremen ganz besonders. Es wird bald hell. Meine Augen fallen kurz zu. André erzählt, er habe mal für eine Arbeit über Gewalt im Bremer Nachtleben recherchiert, am schlimmsten sei es an der "Discomeile" am Bahnhof. Die Polizei habe die Sache jetzt besser im Griff als noch vor einigen Jahren. "Aber so gegen vier", sagt er, "da kippt die Situation." Nichts wie hin.
05.30 Uhr Kein Zoff an der Meile heute Nacht. Im "Stubu" klebt der Boden auf allen vier Etagen wie ein angeleckter Lolli. Mühsam halten sich die havarierten Dauertänzer aneinander oder am Tresen fest. Wenn die Tür aufgeht, strahlt das Licht der aufgehenden Sonne gnadenlos ins Innere. Bremen sei eine Schnapsstadt, hat Rocko Schamoni, Schriftsteller und Musiker aus Hamburg, mal gesagt. Bremen hält bei vielem Deutschlandrekorde: die schlechtesten Pisa-Ergebnisse, die höchsten Schulden, zwölf Prozent Arbeitslose, da kommt die Stadt gleich nach Berlin. Aber beim Fußball kann Bremen was, zumindest zurzeit, und darum stehen sie da auch in ihrem Trikot auf der Tanzfläche, die Möchtegern-Pizarros, -Diegos, -Mertesackers. Es läuft ein Lied von Fettes Brot: "Jein. Soll ich's wirklich machen, oder lass ich's lieber sein?" Ein Diego nippt an seinem Wodka-Red Bull, versucht, im Takt zu wippen, doch die Füße wollen nicht mehr, der Arm fällt runter wie eine Bahnschranke. Er hält den Becher schief, das Zeug tropft auf den Boden. Besser lassen.
06.00 Uhr Ein Mann und eine Frau schreiten die Tanzfläche ab und sehen sich um, sie tragen so etwas wie Uniform, weiße Kapitänsmütze, verspiegelte Sonnenbrille und über der Brust eine Schärpe, auf der "Alkomat-Patrouille" steht. Sie winken sich Schnapszombies heran, halten ihnen einen Alkoholtester vor die Nase und kassieren 2,80 Euro fürs Pusten. Sie stellen eine Urkunde aus, auf der Uhrzeit, Promille und Name stehen. Ich melde mich freiwillig. Will eh gehen. Die "Polizistin" heißt Tabea. Sie hält mir einen Alkomat vors Gesicht. "Bitte pusten." Ich habe kaum noch Kraft. Sie wedelt mit der Hand. "Reicht nicht. Mehr. Jetzt." Sie drückt auf einen Knopf, wartet, es piept. Ihre Sonnenbrille sinkt auf den Nasenrücken: "0,6 Promille", behauptet sie. "Ich sach mal: Da geht noch wat."
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