Party-Logbuch Rostock: Ahoi, Weltfrieden
Zur Begrüßung wird St.-Pauli-Fan Markus Flohr in Rostock mit grünem Raketenfeuer beschossen. Doch als er durch die Clubs irrlichtert, entdeckt er die angenehmen Seiten der vernebelten Stadt. Nur warum zum Pleitegeier feiert man hier mit "Penis" in der Hand?
13.40 Uhr Eine grüne Leuchtrakete fliegt auf mich zu. War es eine gute Idee, nach Rostock zu fahren? Es ist der Tag des Zweitliga-Spiels Hansa Rostock gegen St. Pauli, und Ärger ist programmiert, weil der gemeine Rostocker Fan nicht gut klarkommt mit den Zecken aus Hamburg. Die Rakete zischt, saust nieder und flammt grün auf. Christine, echte Rostockerin, steht neben mir auf der Tribüne, überall Rauch, alle laufen durcheinander, Jacke vors Gesicht, Kapuze übern Kopf. Noch eine Rakete. Aus dem Rund des Stadions dringen Johlen und Applaus. Habe keine Lust mehr, noch länger in Rostock zu bleiben.
15.00 Uhr Christine meint, dass wir später, in der Nacht, auf ein Schiff gehen könnten, das unter Deck zu einem Disco-Labyrinth umgebaut worden ist: Da hinten, im Stadthafen liege es, die "MS Stubnitz". Dreht der DJ auf, wankt das Schiff im Wasser hin und her. Klingt nicht schlecht. "Okay", sage ich.
18.00 Uhr Der Abend beginnt im "Pleitegeier". Ich sehe mich nach Menschen mit Rostock-Schals um. Ich bin zwar in Zivil unterwegs, aber man weiß ja nie. Der "Geier", wie Christine ihn nennt, liegt mitten im einzigen Stadtteil Rostocks, in dem man gut leben könne, sagt sie, in der "KTV" - Kröpeliner-Tor-Vorstadt. "Die Gentrifizierung geht schon los, es wird luxussaniert, die Mieten steigen." Gentrifizierung? Rostock? "Halber Liter Rostocker Bier für zwei Euro, sehr niedrige Eintrittspreise - na, man kann noch ganz gut weggehen", sagt Erik, Christines Freund, der zu uns gestoßen ist. Stühle, Tische, Bänke im "Geier" sind aus angeranztem Holz, an der Wand Metallschilder von alten Ostfirmen, auf der Toilette alles voller Antifa-Aufkleber. Rostock-Fans gibt's auch, ich bin aber in eine Biologen-Clique geraten: Fred forscht und schippert auf der Ostsee Algen hinterher, bei Thomas geht es um Details des Eisprungs.
19.30 Uhr Der Nebel zieht in dichten Schwaden vom Hafen hoch und hängt wie eine feuchte Daunendecke über der KTV. Das Viertel versteckt sich in der grauen Suppe. Wohin gehen wir? Auf das Schiff? Weiß jemand, wohin? Hallo?
21.00 Uhr Filmabend im "Peter-Weiss-Haus". Keine Ahnung, ob wir wirklich hierher wollten oder ob Christine und Erik sich nur im Nebel verirrt haben. Christine erzählt von ihren Eltern, beide Schiffsingenieure, und von der Zeit, in der Rostock für die DDR das Tor zu Welt war: "Die Leute wollten unbedingt in Rostock wohnen - das Meer, der Hauch von internationalem Flair." In den sechziger und siebziger Jahren hat der Staat einen neuen Stadtteil nach dem anderen hochgezogen, am Warnow-Ufer, in Reutershagen, Evershagen. Lichtenhagen.
21.30 Uhr Lampen aus, Film an. Jetzt wird's skurril: Eine Handvoll Enthusiasten hat eine Soap selbst geschrieben, geschauspielert und produziert, die komplett in Rostock spielt. Die Familiensaga dreht sich um Reichtum, Macht, Liebe, Sex und Intrigen. Am Ende wird eine Drag-Queen Bürgermeisterin, und die Bösewichte müssen in einem Phantasiefürstentum irgendwo in der Nähe von Frankreich Toiletten putzen. Ständig lachen die Zuschauer an Stellen, die gar nicht witzig sind. Als das Licht angeht, sehe ich auf den Stühlen um mich herum das komplette Team der Soap. Gehen wir jetzt alle auf dieses Schiff?
23.30 Uhr Ich winke ein Taxi heran. Dass mich der Fahrer sehen kann, in diesem Nebel! Ich müsse unbedingt einen der Studentenclubs sehen, sagt Erik. Die FDJ begann in den Sechzigern, sich ums Nachtleben zu kümmern, und gründete ihren eigenen Club, den "Studentenkeller". Eine Hochschulgruppe nach der anderen machte es nach: "Schiffstechnik", "Landtechnik" oder "Melioration". Ein paar Clubs gibt es immer noch. Erik ruft: "Meli, bitte".
0.30 Uhr An der Bar des "Meli" wählen wir zwischen den Drinks "Weltfrieden" und "Penis". Überall Hansa-Rostock-Ultras. Ich komme mir vor wie ein beschwipster Geheimagent. Dabei haben Geheimagenten nie einen Schwips. Und was, zum Teufel, ist denn "Melioration" für ein Studienfach?
02.00 Uhr Wir wollten jetzt endlich zum Schiff, aber es ist so neblig, dass wir kaum unsere Hand vor Augen sehen. So sind wir ein zweites Mal im Peter-Weiss-Haus gelandet. Das Kino ist jetzt eine Disco. Christine erzählt, dass ihr Vater hier zum ersten Mal angeheuert hat, auf einem Frachter nach Ventspils.
03.00 Uhr Licht am Ende des Kais - das Schiff! Auf der "MS Stubnitz" sieht es aus wie in den besseren Szenen von "Das Boot", nur dass es hier auch Frauen gibt. Drei Tanzflächen sind in den Bauch des Kutters gebaut, und die Bässe wummern durchs Schiffsgebälk. An der Bar überfällt mich eine junge Dame, schreit "Gebuurtstaach!" und malt mein Gesicht mit Glitzerstift voll. Irgendwie ist diese "Stubnitz" wie das ganze Studenten-Rostock: grau vernebelt, versteckt, damit von außen, aus dem Dunkeln, keiner so richtig mitbekommt, wie gut es denen da geht. Alle Mann und Frau an Bord, wir schippern raus ins Party-Atlantis an der Ostsee, fünf Euro der Törn.
05.00 Uhr Völlig zu Recht endet die Nacht im Peter-Weiss-Haus. Der Barmann schenkt grünen Likör aus, der angeblich nach Pfeffer schmeckt. Er sagt, ich solle mir dieses Geglitzer aus dem Gesicht waschen und das Peter-Weiss-Haus mehrfach in meinem Artikel erwähnen. Mache ich auf keinen Fall.
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- Samstag, 31.12.2011 – 09:25 Uhr
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Markus Flohr:
Wo samstags immer Sonntag ist
Ein deutscher Student in Israel
Kindler Verlag; 256 Seiten; 14,95 Euro.
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