Party-Logbuch Marburg: Roter Korn, doppelt getunt

Feiern in Marburg: Das ist hier eben nicht Berlin Fotos
Katrin Binner

In Marburg geht man in Kneipen, nicht in Clubs: Dennoch wagt sich Judith Liere mit Partyfachfrau Sarah in die Nacht. Gemeinsam keuchen sie über die Berge der Stadt, trinken Likör und zocken um die Rechnung. Schließlich treffen sie auf den Bruder einer DJ-Legende.

20.45 Uhr Ach, Marburg, denke ich, während ich rührselig-nostalgisch den Steinweg Richtung Oberstadt hinaufschnaufe. Alles noch wie damals, leider auch die vielen Höhenunterschiede, die man dauernd überwinden muss. Ich habe mein Grundstudium in diesem puppenstubenhaft hübschen Fachwerkstädtchen verbracht. Das ist zwar schon 13 Jahre her, aber verändert hat sich nicht viel. Auf der rechten Straßenseite schließt gerade die "Bar Cavete" ihre Türen auf, ein Stück weiter oben essen Studenten im Restaurant "Auflauf" immer noch Auflauf. Aber an diesem Samstagabend soll es nicht um meine Erstsemesterzeit gehen, sondern um das aktuelle Marburger Nachtleben. Deshalb treffe ich mich jetzt mit Sarah im "Pegasus". Sarah studiert hier Psychologie, ein gemeinsamer Freund aus Berlin hat den Kontakt zwischen uns hergestellt und sie als "Partysau" beschrieben. Gute Voraussetzungen.

21.00 Uhr Das Pegasus ist eine kleine hübsche Fachwerkkneipe mit niedriger Decke und liegt neben der Treppe, die hoch zum Schloss führt, das über der Stadt thront. Sarah kommt herein und ächzt: "Ich hab seit vier Tagen durchgetrunken." Dafür sieht sie aber noch ganz fit aus. Ich frage sie, was an diesem Abend noch so los ist. "Nix", sagt sie, "hier geht ja nix." Hm. Aber wo hat sie dann die letzten Tage gefeiert? "Zu Hause und bei Freunden. Aber heute is nix. Keine WG-, keine Fachschaftsparty." Schnell kommt heraus: Sarah geht in Marburg kaum aus, weil es ihr hier zu langweilig ist. Nicht so gute Voraussetzungen. Ich fand es damals hier ja ganz aufregend. Aber: Ich war 19, als ich aus einem winzigen Dorf in die Studentenstadt kam. Sarah ist 26 und hat lange in Hamburg und Berlin gewohnt, als sie sich entschied, noch zu studieren, und der Numerus clausus sie in die mittelhessische 80.000-Einwohner-Stadt verschlug. Und dass das Marburger Nachtleben nicht an das Berliner heranreicht, ist mir trotz verklärender Nostalgie bewusst.

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22.00 Uhr Ich schleppe Sarah ins "Sudhaus" auf der anderen Seite der Oberstadt, eine Kneipe über drei Etagen, natürlich in einem Fachwerkhaus. Sarah war hier noch nie, was ich ganz unvorstellbar finde, ich war hier früher ständig. Aber ihr gefällt es. Wir sitzen unten im Raucherbereich, vor Fenstern mit Butzenscheiben und neben dem Kachelofen, trinken Bier, essen Chili con Carne und Pommes und amüsieren uns über die Musik und die anderen Gäste. Erst läuft Scooter, dann Punk, dann Metal, später The Police. Ähnlich unterschiedlich ist auch das Publikum. Eine Gruppe gerade Volljähriger sitzt erschöpft um einen leeren Pitcher Bier herum. "Boah, ich bin so besoffen", sagt einer. Vier Studenten mit verfilzten Wollpullovern und Haaren trinken Rotwein und sagen Dinge wie: "Ich habe mich jetzt auf Ernährung in Entwicklungsländern spezialisiert." Ein älterer Mann mit Vollbart, Nickelbrille, Hemd im Mittelalterstil und Wollmütze hat ein Weizenbierglas vor sich stehen, raucht Selbstgedrehte und liest Zeitung. Und am Tisch neben der Theke unterhalten sich sechs schüchtern wirkende Männer um die 40 mit schütterem Haar über den "Predigt Slam" im benachbarten Theologie-Fachbereich, bei dem sie vorher waren. Als wir zahlen wollen, drückt der Kellner mir einen Würfelbecher in die Hand: "Bei drei Sechsen müsst ihr nichts zahlen, bei drei Einsen nur die Hälfte." Sarah würfelt eine Drei und zwei Fünfen.

23.15 Uhr Wir keuchen den steilen Berg wieder zurück und wechseln ins "Delirium", in den unteren Raum, den "Frazzkeller". Ich kann mich erinnern, dass hier früher Jägermeister mit Aprikosensaft ein angesagtes Getränk war. Doch da bin ich die Einzige. "Igitt, nee, das hab ich ja noch nie gehört", sagt Jan, 27, ehemaliger Politikstudent, den ich danach frage. "Hier musst du roten Korn trinken, doppelt getunt. Oder, noch besser: Rostiger Nagel!" Sarah eilt begeistert zur Theke, kommt mit zwei Schnapsgläschen zurück. Ich probiere beides und wünsche mir den Jägermeister mit Saft zurück. Roter Korn ist klebrig-süßer Johannisbeerlikör mit Wodka, Rostiger Nagel besteht laut Jan aus Ingwerschnaps und Tabasco. Trinken geht also gut in Marburg. Aber wo kann man tanzen gehen? "Es sind eigentlich immer irgendwelche WG-Partys, aber heute weiß ich keine", antwortet Jan. Und Clubs? "In Marburg geht man nicht in Clubs. Hier geht man in Kneipen." Schließlich fällt ihm doch noch was ein: das "Trauma", aber da ist eher donnerstags was los. Das "Desbarado", aber das sei ein "Burschi-Juristen-BWLer-Laden", da gehe man nicht hin. Und das "Till Dawn", da sei heute auch irgendwas.

1.15 Uhr Sarah hat genug und will nach Hause gehen. Wir laufen zum Aufzug - zwei Fahrstühle verbinden den unteren Teil mit der Oberstadt, falls man sich steile Berge oder Treppen ersparen will. Wir nehmen den am Parkhaus, der fährt bis zwei Uhr morgens. Sarah blickt durch die Glasscheibe auf die Stadt hinunter und äußert sich schließlich doch noch versöhnlich über Marburg. "Da unten in der Biegenstraße gibt es regelmäßig richtig gute Privatpartys, heimlich, auf einem Dachboden. Und im Sommer gibt es viele Open Airs nach Berliner Vorbild, das ist schon gut, auch wenn die Leute oft zu viele Drogen nehmen."

1.30 Uhr Nachdem Sarah sich verabschiedet hat, fahre ich allein mit dem Taxi in den Süden der Stadt, ins Till Dawn. Ich will nicht ganz glauben, dass man hier nicht tanzen kann - obwohl ich hier während meiner Studienzeit auch nie in Clubs gegangen bin. Als ich mich in die Schlange vor der Halle im Industriegebiet einreihe, weiß ich auch wieder, warum. Bullige Security-Männer in Bomberjacke bewachen die Tür, die Typen in der Schlange haben stachelige Haare und Ohrringe und leeren vorm Reingehen noch schnell ihre mitgebrachten Wodka-Red-Bull-Mischungen. Aus der Halle klingen monotone Techno-Bässe. Ich frage einen der Stachelhaar-Jungs, wer heute auflegt. "Mike Väth", sagt er. Mike? Wer ist das denn? "Ey, das ist der kleine Bruder vom Sven!" Ich grinse. Schöne Symbolik für die hiesige Clublandschaft. Aber in Marburg geht man eben in Kneipen. Das war vor 15 und sicher schon vor 50 Jahren so und wird sich wohl auch in Zukunft nicht ändern.

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insgesamt 41 Beiträge
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1.
Layer_8 27.04.2013
Zitat von sysopKatrin BinnerIn Marburg geht man in Kneipen, nicht in Clubs: Dennoch wagt sich Judith Liere mit Partyfachfrau Sarah in die Nacht. Gemeinsam keuchen sie über die Berge der Stadt, trinken Likör und zocken um die Rechnung. Schließlich treffen sie auf den Bruder einer DJ-Legende. http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/partynacht-in-marburg-gute-voraussetzungen-a-894723.html
Wo, bitteschön, liegt Marburg???
2. Marburg
chb_74 27.04.2013
Zitat von Layer_8Wo, bitteschön, liegt Marburg???
Da: marburg - Google Maps (http://goo.gl/maps/0W0G5) :-)
3.
Mojo81 27.04.2013
Als Gebürtiger Kölner der lange in Marburg studiert hat kann ich behaupten: Wenn man als Höhepunkt des Abends ins "Till Dawn" geht ist man selbst Schuld. Der Laden ist mehr als die örtliche Großraumdisse für die Dorfjugend zu betrachten. (Von gelegentlichen Goapartys für spezielles Publikum mal abgesehn.) Neben der obligatorischen vielfältigen Kneipenszene bestehen 90% der nennswerten Marburger Partymöglichkeiten, wie auch im Artikel angesprochen, aus WG-Partys, für die man hier allerdings Studieren und Leute kennen sollte. Vielleicht einzig zu empfehlen ist hier an öffentlichen Partys noch das "Trauma" am Donnerstag. Wer allerdings eine Großstättische Clubkultur sucht sollte dafür auch eher in eine Großstadt fahren.
4. Marbuuuuuuuurg!
spon-facebook-10000024332 27.04.2013
Jeah, Party in Marburg, es gibt nix geileres! Der Artikel hat's gut auf den Punkt gebracht.
5. Wo liegt Marburg
satissa 27.04.2013
Zitat von Layer_8Wo, bitteschön, liegt Marburg???
Na, es ist das hessische Bielefeld. Viel Spaß beim suchen.
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