Peinliche Werbeplakate: Wir können alles. Außer Chemie.

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Kein Zweifel, Konstanz ist schön, liegt malerisch am Bodensee und beherbergt obendrein Spitzenforscher einer Elite-Uni. Um ihr Image aufzupolieren, ließ die Stadt im Jahr der Wissenschaft Werbeplakate drucken. Dumm nur, dass man in der Welt der Formeln stolperte - Chemiker feixen sich jetzt eins.

Plakatwerbung: Falsche Formeln im Bodensee Fotos
Schwarz Außenwerbung

Die neue Uni, die erst in den sechziger Jahren in Konstanz gegründet wurde, nannten sie stolz Klein-Harvard am Bodensee. Nur die klügsten Köpfe wollte man an der kleinen, aber feinen Universität studieren lassen, pflegte den elitären Anspruch von Anfang an. Offiziell bestätigt wurde er dann im Jahr 2007, als die Uni Konstanz im Zuge der Exzellenzinitiative das Siegel Eliteuniversität verliehen bekam.

Exzellent ist auch die Lage: Die Studenten von Deutschlands südlichster Uni genießen einen sagenhaften Blick auf die Bodensee-Insel Mainau. Konstanz, die Stadt am See. Das klingt romantisch - und das war auch der ursprüngliche Claim, mit dem man die Stadt bewarb, so Hilmar Wörnle, Chef der Stadtmarketing Konstanz GmbH.

Doch man wollte das Image von Konstanz als Touristenstadt erweitern, die Bildungs-, Wissenschafts- und Wirtschaftskompetenz der Stadt betonen. Passend zum Jahr der Wissenschaft, das Konstanz in diesem Jahr feiert, rief man einen Wettbewerb unter Studenten der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Gestaltung Konstanz aus. Geleitet von Brian Switzer, Professor für Kommunikationsdesign, sollten die Studenten Werbeplakate gestalten. Eine mehrköpfige Jury aus Marketing- und PR-Fachleuten, Unternehmern und Amtsleitern der Stadt Konstanz und Wörnle wählte schließlich aus den über 30 Entwürfen einen Gewinner.

Giftig befüllter Bodensee

So machte der Erschaffer des Siegerplakates aus der "Stadt am See" ganz einfach die "Stadt am H2O" - H2O ist der chemische Begriff für Wasser. Ganz in Blau gehalten zeigt das Plakat die Umrisse des Bodensees, nachgezeichnet aus chemischen Strukturformeln. Die Lage von Konstanz ist mit einem dicken roten Pfeil markiert. Und die Bodensee-Kontur füllte der Student mit vielen kleinen H2O-Formeln auf.

Die Jury war ganz aus dem Häuschen: "Das Plakat bringt auf eine schlichte, aber zugleich pfiffig eingängige Art und Weise zum Ausdruck, was Konstanz ausmacht: Nicht nur aufgrund seiner einmaligen Lage am Bodensee eine hervorragende Lebensqualität bieten zu können, sondern darüber hinaus auch Stätte für Spitzenforschung und innovative Technologien und Wirtschaftsunternehmen zu sein", heißt es in der Begründung.

Dabei übersahen die Juroren allerdings alle, dass der Student patzte: Der Bodensee ist auf dem Plakat nicht mit Wasser-Molekülen gefüllt, sondern mit Formaldehyd, einem giftigen und krebserregenden Gas. Für die chemische Industrie ist es ein wichtiger Ausgangsstoff in der Synthese mehrerer Produkte. Auch im menschlichen Körper entsteht es beim Abbau von Methanol, das sich in minderwertigen, oft schwarz gebrannten Alkoholgetränken befinden kann.

Von Chemikern wird das Wasser-Molekül dargestellt als ein Sauerstoff-Atom (Symbol O), das über zwei Striche mit zwei Wasserstoff-Atomen (Symbol H) verbunden ist. Die Striche bilden dabei einen Winkel von etwa 105 Grad. Ein einfaches Molekül, eine einfache Formel - und eine der ersten, die man im Chemie-Unterricht lernt.

Symbolstrichlein als künstlerische Freiheit

Der Student aber zeichnete drei Striche, die einen Punkt mit jeweils zwei Hs und einem O verbinden. Für Chemiker ähnelt diese Formel am ehesten Formaldehyd, CH2O. Den mit dem Buchstaben C symbolisierten Kohlenstoff lassen sie üblicherweise in der Strichdarstellung weg.

Konstanz - die Stadt am Formaldehyd?

Fast wäre das Malheur niemandem aufgefallen, und Marketing-Chef Hilmar Wörnle müsste sich jetzt nicht über wütende Briefe ärgern. Seit dem 31. Juli schon hängen die Plakate bundesweit an 2500 Standorten aus. Vor wenigen Tagen endete die Kampagne. Doch nun bemerkte ein findiger Chemiker den Fehler und veröffentlichte ihn flugs in den Foren der Wissenschafts-Community "Chemieonline". Schnell machte die amüsante Geschichte die Runde unter den Wissenschaftlern.

In Konstanz ist man darüber wenig amüsiert. Wörnle schrieb einen erbosten Kommentar im Blog des Chemikers Lars Fischer und prangerte eine Kampagne an, mit dem Ziel, wegen eines "überflüssigen Symbolstrichlein […] einzelne Firmen und Einrichtungen, eine ganze Stadt mit all Ihren Wissenschaftseinrichtungen zu beschädigen".

Wörnle bestreitet nicht, dass die Formel falsch ist - er beruft sich aber auf die Freiheiten grafischer Stilisierung: "Aus Perspektive der Plakatgrafik ist es durchaus üblich und gängige Praxis, chemische Strukturen zu simplifizieren. Die grafischen Ansprüche wurden bei dieser Plakatgestaltung wesentlich höher gewertet als die korrekte chemische Darstellung."

"Nehmen Sie doch mal einen Schluck Formaldehyd"

Die Chemiker indes finden die Sache peinlich. Ausgerechnet in Konstanz, Sitz einer gekrönten Eliteuni, ausgerechnet im Jahr der Wissenschaften wirbt man mit falschen H2O-Molekülen für die "Stätte für Spitzenforschung und innovative Technologien". Sie sehen die Uni durch die fehlerhaften Plakate beschädigt.

Wörnle bemüht sich um Schadensbegrenzung: "Die Universität war nicht in diesen Prozess involviert. Ein Zusammenhang mit den unbestritten exzellenten Leistungen der Wissenschaftler an der Universität und dem Plakat besteht nicht. Ich hoffe sehr, dass ein solcher Zusammenhang nicht fälschlicherweise hergestellt wird."

Die Chemiker überzeugen Wörnles Begründungen nicht: "Wenn Sie meinen, dass diese Strichlein so überflüssig wären, dann nehmen Sie doch mal einen Schluck Formaldehyd.... Prost!", schrieb ein Nutzer als Antwort auf seinen Kommentar.

Anmerkung der Redaktion: In dem Artikel stand zunächst, die Verbindungsstriche zu den Wasserstoffatomen im Wassermolekül stünden in einem Winkel von 45 Grad zueinander. Das wurde korrigiert, der Winkel beträgt rund 105 Grad, wie jetzt auch das Bild in der Fotostrecke zeigt. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

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