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Stipendium für eine Auszeit: "Ich habe keinerlei Bringschuld"

Stipendium ohne gute Noten: Mach es zu deinem Projekt Fotos
DPA

Erst das Abi, dann das Projekt: Die Privat-Uni Witten-Herdecke vergibt Stipendien in Höhe von 8400 Euro für Abiturienten. Das Ziel: Finde dich selbst. Xeniya Veber, 25, erklärt, was sie mit dem Geld vorhat.

Ein Stipendium für Abiturienten, um anstelle von Studium oder Freiwilligendienst einfach irgendwas zu machen? Genau das gibt es, ausgelobt von der Uni Witten-Herdecke. Die Privathochschule begründet das damit, im "eng gesteckten Hürdenlauf" zwischen Abi, Bachelor und Master für mehr "Lebenserfahrungen" sorgen zu wollen - weil das Leben "mehr als ein Wettlauf" ist.

Mit dem Pfadfinder-Stipendium bezuschusst die Uni ein Jahr lang drei junge Erwachsene, die erst eine Vorjury und dann die Teilnehmer eines Online-Votes mit einem persönlichen Projekt überzeugen mussten.

Die erste Stipendiatin ist Xeniya Veber, 25, aus Kasachstan. Seit ihrem neunten Lebensjahr wohnt sie in Deutschland. Mit 16 zog sie von zu Hause aus, im Juli holte sie ihr Abi nach.

SPIEGEL ONLINE: Die Uni Witten-Herdecke gibt Ihnen ein Jahr lang 700 Euro im Monat, damit Sie ein Buch über Ihre Mutter schreiben können. Warum das?

Veber: Als ich von diesem Stipendium erfuhr, dachte ich: Perfekt, genau das, was ich brauche. Ich konnte anfangs nicht glauben, dass es so etwas wirklich gibt. Normalerweise braucht man ja richtig gute Noten oder muss schon was geleistet haben, um unterstützt zu werden. Jetzt werde ich unterstützt, um etwas zu leisten.

SPIEGEL ONLINE: Worum soll es in dem Buch gehen?

Veber: Im Mittelpunkt steht meine Mutter, und besonders wichtig ist mir das Jahr 1998.

SPIEGEL ONLINE: Was geschah 1998?

Veber: Damals sind wir aus Kasachstan nach Deutschland zu meinem Stiefvater gezogen. Wir kamen mit nur zwei Koffern. Ich war erst neun Jahre alt und dachte: Das ist ja nicht so weit, bald gehen wir eh wieder nach Hause zu Freunden und Familie. Aber es kam ganz anders.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Veber: Wir blieben in Deutschland und ließen alles zurück. Das tat gut und weh zugleich, es war ein Gefühl wie Zartbitterschokolade. Als ich 15 war, erkrankte meine Mutter an Krebs und starb. Man kann sich ja gar nicht vorstellen, dass einfach die eigene Mutter stirbt. Ich musste plötzlich selbstständig sein und viel zu Hause helfen. Bald bin ich aber ausgezogen, weil ich mit meinem Stiefvater nur selten einer Meinung war. Um unsere Familiengeschichte soll es in dem Buch gehen.

SPIEGEL ONLINE: Also wird es eine Autobiografie über Ihr Einwandererleben?

Veber: Nein, im Gegenteil. Es soll keine Human-Interest-Story werden, sondern eine künstlerische Auseinandersetzung mit meiner Mutter. Ich werde dafür literarisch in die Rolle meiner Mutter schlüpfen, das steht schon fest. Alles Weitere werde ich auch mit meiner Mentorin besprechen. Sie ist Literaturwissenschaftlerin, die Uni Witten-Herdecke hat sie mir an die Seite gestellt, als Teil des Stipendiums. Zuallererst aber werde ich gründlich recherchieren.

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SPIEGEL ONLINE: Wie gehen Sie dabei vor?

Veber: Ich fliege Ende August für drei Wochen nach Kasachstan, dort will ich mit Verwandten und Freunden meiner Mutter sprechen und ganz besonders mit meinen Großeltern. Ich habe ihnen schon angekündigt, dass ich viele Fragen stellen werde. Ich möchte meine Mutter einfach mit den Augen ihres Umfelds sehen, um sie wirklich zu verstehen.

SPIEGEL ONLINE: Das Stipendium versorgt Sie für ein Jahr, schaffen Sie das Projekt in dieser Zeit?

Veber: Ich lebe in Bamberg, dort werde ich viel sein und schreiben. Ich habe keinerlei Bringschuld der Uni Witten-Herdecke gegenüber, aber persönlich bin ich ambitioniert: In einem Jahr soll das Buch definitiv fertig sein, denn so viel Zeit und Geld werde ich für solch ein Projekt wohl nie wieder haben.

SPIEGEL ONLINE: Ist Schriftstellerin auch Ihr Berufswunsch?

Veber: Ich schreibe schon seit Jahren Kurzgeschichten, kann jetzt also wirklich machen, worauf ich Lust habe. Nach meinem Buchprojekt möchte ich aber erst mal studieren, am liebsten Philosophie und Theaterwissenschaft. Dabei möchte ich vor allem neue Perspektiven kennenlernen und mein Denken trainieren. Das geht an der Uni besonders gut.

SPIEGEL ONLINE: Zieht es Sie dann an die Uni Witten-Herdecke, die Sie nun für ein Jahr unterstützt?

Veber: Kann sein, der Studiengang "Kulturreflexionen" klingt total spannend. Sicher bin ich mir aber noch nicht, im Moment stehen noch mehrere Städte und Studiengänge zur Auswahl. Ich will mich noch in diesem Jahr entscheiden.

SPIEGEL ONLINE: Klingt, als läge eine arbeitsreiche Zeit vor Ihnen. Ist auch Urlaub eingeplant?

Veber: Den werde ich nicht brauchen. Das Buchprojekt ist ein bisschen wie Urlaub, weil es mir eine Herzensangelegenheit ist. Und während meiner Recherchen in Kasachstan werde ich mir bestimmt ein paar Tage freinehmen, um die Zeit bei meinen Großeltern zu genießen.

Zwei weitere Chancen auf ein Pfadfinder-Stipendium gibt es 2014 noch, alle Infos dazu findet ihr hier.

Das Interview führte Peter Maxwill


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1. Überschüssige Gelder entsorgt
rainer_daeschler 19.08.2014
Zitat von sysopDPAErst das Abi, dann das Projekt: Die Privat-Uni Witten-Herdecke vergibt Stipendien in Höhe von 8400 Euro für Abiturienten. Das Ziel: Finde dich selbst. Xeniya Veber erklärt im Interview, was sie im kommenden Jahr mit dem Geld vorhat. http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/pfadfinder-stipendium-witten-herdecke-vergibt-geld-an-abiturienten-a-984745.html
Auch eine Art, wie die Privat-Uni Witten-Herdecke überschüssige Gelder entsorgen kann und Abiturienten, die noch gar nicht mit dem Studium angefangen haben, die Beschäftigung mit sich selbst zu ermöglichen, schärft das akademische Profile der privaten Universität ungemein.
2.
a-mole 19.08.2014
Ungewöhnlich... find ich toll und wünsche viel erfolg, sowohl bei aktuellen Projekt, als auch für die Zukunft!
3.
aquarelle 19.08.2014
Zitat von sysopDPAErst das Abi, dann das Projekt: Die Privat-Uni Witten-Herdecke vergibt Stipendien in Höhe von 8400 Euro für Abiturienten. Das Ziel: Finde dich selbst. Xeniya Veber erklärt im Interview, was sie im kommenden Jahr mit dem Geld vorhat. http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/pfadfinder-stipendium-witten-herdecke-vergibt-geld-an-abiturienten-a-984745.html
Mit 25 wird es dann aber allerhöchste Eisenbahn 'sich zu finden'. Von 18 jährigen Abiturienten kann man das noch nicht erwarten und die, die schon ein Berufsziel vor Augen haben, sind deutlich in der Minderheit. Auch, wenn sie mit 25 ihr Abi erst nachgeholt hat, was hat sie denn die letzten 9 Jahre gemacht? Immerhin will sie sich noch in diesem Jahr entscheiden, welches Studium sie aufnehmen möchte. Ich finde achteinhalbtausend Euro für einen Selbstfindungstrip allerdings etwas zu großzügig...
4.
agztse 19.08.2014
Zitat von sysopDPAErst das Abi, dann das Projekt: Die Privat-Uni Witten-Herdecke vergibt Stipendien in Höhe von 8400 Euro für Abiturienten. Das Ziel: Finde dich selbst. Xeniya Veber erklärt im Interview, was sie im kommenden Jahr mit dem Geld vorhat. http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/pfadfinder-stipendium-witten-herdecke-vergibt-geld-an-abiturienten-a-984745.html
Tolle Sache! Das nur der-(bzw. "die") jenige gefördert wird die tatsächlich etwas geleistet hat ist in Zeiten von Frauenförderung ja ohnehin eine akquirierte Vorstellung. Natürlich, Selbstfindung - darum gehts! Der Steuerzahler hat sich ja offenbar bereits gefunden und kann somit gern auch dafür zahlen.
5.
a-mole 19.08.2014
Zitat von aquarelleMit 25 wird es dann aber allerhöchste Eisenbahn 'sich zu finden'. Von 18 jährigen Abiturienten kann man das noch nicht erwarten und die, die schon ein Berufsziel vor Augen haben, sind deutlich in der Minderheit. Auch, wenn sie mit 25 ihr Abi erst nachgeholt hat, was hat sie denn die letzten 9 Jahre gemacht? Immerhin will sie sich noch in diesem Jahr entscheiden, welches Studium sie aufnehmen möchte. Ich finde achteinhalbtausend Euro für einen Selbstfindungstrip allerdings etwas zu großzügig...
das können sie sich sicher selbst beantworten, wenn ich für sie nochmal die Fakten zusammenfassen: - 1998 aus Kasachstan vermutlich ohne Deutschkenntnisse nach Deutschland gekommen - mit 15 ist die Mutter verstorben - Stress mit Stiefvater und Auszug --> alleine durchhalten Nun zählen sie doch nochmal 1 und 1 zusammen kommen ganz von selber drauf das es sich bei ihr durchaus und verständlicherweise etwas verzögert hat
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Stipendium
Wieviele werden gefördert?
Rund zwei Prozent aller Studenten in Deutschland bekommen ein Stipendium, heißt es in der 18. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks. Einigen winken Bücherzuschüsse, andere dürfen sich sogar über die Finanzierung ihres Lebensunterhalts freuen. Ein Drittel der Geförderten wird von den großen Begabtenförderungswerken unterstützt.
Wer zahlt's?
Die Stipendien der sechs parteinahen Stiftungen, der Stiftungen von Wirtschaft und Gewerkschaften, der beiden kirchlichen Förderwerke und der Studienstiftung des deutschen Volkes werden vom Staat gezahlt. Die kleineren Stiftungen werden meist privat finanziert. Der Bundesverband deutscher Stiftungen kennt gut 1500 Stipendiengeber. Unterstützer sind Stiftungen großer Unternehmen, zahlungskräftiger Mäzene und zunehmend auch die Unis: In Ostwestfalen-Lippe zum Beispiel haben fünf Hochschulen den Studienfonds OWL gegründet. Ihre Studenten haben so die Chance auf ein Stipendium, das von Sponsoren aus der regionalen Wirtschaft unterstützt wird.
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