Jura-Lehrbuch unter Plagiatsverdacht: Rückzieher in der Rechtswissenschaft

Plagiatsjäger von VroniPlag haben sich erstmals ein Lehrbuch vorgenommen: Es sollte künftigen Juristen eigentlich erklären, wie sauberes wissenschaftliches Arbeiten funktioniert. Doch die Autoren haben selbst nicht sauber gearbeitet. Der Verlag nahm das Buch vom Markt.

Blind für Plagiate? Ein Lehrbuch für Juristen bestand wohl teilweise aus Wikipedia-Material Zur Großansicht
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Blind für Plagiate? Ein Lehrbuch für Juristen bestand wohl teilweise aus Wikipedia-Material

"Juristische Arbeitstechniken und Methoden" heißt das Buch, um das es geht. Es war erst in diesem Jahr auf den Markt gekommen und sollte angehenden Rechtswissenschaftlern helfen, sauber zu arbeiten. Doch jetzt ist Buch nicht mehr zu haben, der Verlag Nomos hat es zurückgezogen und allen bisherigen Bestellern eine Erstattung angeboten.

Denn die Plagiatsjäger von VroniPlag hatten sich das Buch genauer angesehen und auf zahlreichen Seiten verdächtige Fundstellen ausgemacht. Ganze Passagen seien von Wikipedia übernommen, ohne dass diese kenntlich gemacht waren. Auf gut einem Drittel der Seiten fänden sich laut VroniPlag Übernahmen aus Quellen, die nicht oder nicht korrekt angegeben wurden.

Autoren des Buches sind der Jura-Professor Bernd Holznagel, Direktor des Instituts für Informations-, Telekommunikations- und Medienrecht an der Uni Münster und zwei seiner Mitarbeiter. Sie haben nach Bekanntwerden der Vorwürfe den Verlag informiert und schnell war die Entscheidung klar, das Buch vom Markt zu nehmen.

In einer Stellungnahme räumt Holznagel den Fehler ein: "Die Mängel des Manuskripts sollen weder beschönigt noch entschuldigt werden." Man hätte das Manuskript gründlicher prüfen müssen, bevor es in den Druck gegangen sei. Mehrere Mitarbeiter des Instituts hätten an dem Buch mitgearbeitet - auch das habe man eigentlich in einem Vorwort deutlich machen wollen. Aber das Vorwort sei aus Versehen nicht mitgedruckt worden. Holznagel übernahm die Verantwortung und entschuldigte sich bei den Autoren, deren Texte übernommen wurden.

Beim Nomos-Verlag betont der Programmleiter Wissenschaft, Johannes Rux, er sei von den Autoren über den Verdacht informiert worden. "Auch wenn der Umfang der Plagiate noch nicht vollständig klar war, haben wir uns entschieden, das Buch sofort vom Markt zu nehmen", sagt er. Aber es sehe so aus, als würden die Vorwürfe stimmen.

Bei VroniPlag diskutierten Aktivisten, Autor und Verlagsmann Rux nun darüber, ob bei einem Lehrbuch dieselben Zitierstandards gelten müssen wie bei einem wissenschaftlichen Text, etwa einer Doktorarbeit.

otr

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insgesamt 24 Beiträge
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1. Da wundert es nicht mehr,
Aözer 26.06.2012
wenn das abschreiben von Fremdtexten schon von den Professoren vorgemacht wird. So konnte unser bekanntester Plagiator Th. v.u.z. Guttenberg seinen Doktortitel dann ja auch mit "magna cum fraude" bekommen....
2.
fruchtoase 26.06.2012
Ist doch gängige Praxis, dass der Prof sich das Buch von seinen Mitarbeitern schreiben lässt und diese dann nicht oder nur marginal Erwähnung finden, oder? Davon abgesehen ist Jura sowieso keine Wissenschaft.
3. Mitschreiber vergessen
qoderrat 26.06.2012
Zitat von Aözerwenn das abschreiben von Fremdtexten schon von den Professoren vorgemacht wird. So konnte unser bekanntester Plagiator Th. v.u.z. Guttenberg seinen Doktortitel dann ja auch mit "magna cum fraude" bekommen....
Na da muss ich den guten Professor jetzt in Schutz nehmen, der hat sicher keine Zeile an dem Buch geschrieben. Ist absolut üblich die Bücher von den MA und z.T. sogar wissenschaftlichen Hilfskräften schreiben zu lassen. Bestenfalls wird nochmal drübergelesen und Stiländerungen eingebracht. Blöd halt, wenn man die Mitschreiber "vergisst" aufzuführen und dann den Kopf für die anderen hinhalten muss. So ein ganz bisschen Schadefreude kann ich mir da nicht verkneifen. Es soll sogar schon vorgekommen sein, dass sie MA auf diese oder ähnliche Weise für ein angenehmes Arbeitsklima bedankt haben...
4.
Newspeak 26.06.2012
Die Ausreden sind lächerlich. Natürlich, man wollte mehr prüfen. Auf Plagiate, oder was? Normalerweise prüft man auf inhaltliche Fehler und korrekte Rechtschreibung. Natürlich man wollte in einem Vorwort auch die wissenschaftlichen Mitarbeiter erwähnen. Wurde leider beim Druck vergessen. Klar, sowas lässt man dann auch unwidersprochen stehen. Erstens prüft man wohl sein Werk auch noch mal, bevor es in den endgültigen Druck geht, und zweitens soll man doch einfach zugeben, daß man nie vorhatte, alle Mitarbeiter zu nennen. Warum immer diese Lügerei? Und das bei Juristen. Eigentlich typisch, möchte man sagen. Auch Schuster haben immer die schlechtesten Schuhe. Warum sollen Juristen gesetzestreu sein? Und dann noch: Verantwortung zu übernehmen heißt, eine der Sache angemessene Sanktion zu erleiden. Nicht, sich mit Worthülsen aus der Verantwortung zu reden. Eine Verantwortungsübernahme, die für einen selbst keine negativen Folgen haben kann, ist schlichtweg keine.
5. keine MAs bei JURA
oliveras999 26.06.2012
Zitat von qoderratNa da muss ich den guten Professor jetzt in Schutz nehmen, der hat sicher keine Zeile an dem Buch geschrieben. Ist absolut üblich die Bücher von den MA und z.T. sogar wissenschaftlichen Hilfskräften schreiben zu lassen. Bestenfalls wird nochmal drübergelesen und Stiländerungen eingebracht. Blöd halt, wenn man die Mitschreiber "vergisst" aufzuführen und dann den Kopf für die anderen hinhalten muss. So ein ganz bisschen Schadefreude kann ich mir da nicht verkneifen. Es soll sogar schon vorgekommen sein, dass sie MA auf diese oder ähnliche Weise für ein angenehmes Arbeitsklima bedankt haben...
nur zur Info: MAs gibt es bei den Juristen nicht
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