Poetry-Slammer Sebastian Rabsahl: Der Wortführer

Von Frank Thadeusz

Mit 30 ist Sebastian Rabsahl leicht milchgesichtig, Philosophie-Absolvent - und der neue Star der Poetry-Slam-Szene. Seine Markenzeichen sind Mütze und hochgezogene Augenbraue, Spottlust und ein wacher Geist. Auch wenn er behauptet: "Ein Kopf verpflichtet uns zu nichts."

Ist es Segen oder Fluch, ein junger, besonders sprachbegabter Künstler zu sein? Ein Segen natürlich - insbesondere wenn man wie Sebastian Rabsahl durch das abendliche Lübeck schlendert und plötzlich aus der Dunkelheit eine hübsche 18-Jährige auftaucht, die um ein Autogramm bittet.

Oder doch eher Fluch? Wenn etwa die Schöne davon berichtet, wie sie mit ihrer Freundin die Werke des besonders bei Pennälern beliebten Gossen-Poeten Charles Bukowski verschlingt, kann das die Körperhaltung des ansonsten entspannten Entertainers durchaus versteifen. "Ja, ja, Bukowski ist natürlich immer eine lohnende Lektüre", lobt Rabsahl etwas altväterlich.

Seine Heimat ist der Poetry Slam - das Sammelbecken all jener mehr oder weniger begabten Dampfplauderer, die vor Publikum um die Wette reimen, schreien, witzeln, schlaumeiern. Rabsahl gelang dies mit so viel Könnerschaft, dass er in dieser Disziplin den Titel eines Vizeweltmeisters errungen hat. Weil er so gut ist, stieg er rasch zum Star der Szene auf. Und weil es auch andernorts Bedarf an unverbrauchten Gesichtern gibt, die eine Wortkaskade gekonnt vortragen können, sucht Rabsahl das Publikum jetzt immer häufiger allein auf, ohne seine Kumpel vom Poetry Slam.

"Keine Zeit für eine Frisur"

Unter dem Pseudonym "Sebastian 23" bereist Rabsahl mit seiner Dauertournee gerade Deutschland, und vielleicht hat der Alleinunterhalter derzeit nur ein Problem: Ist er vielleicht zu schlau für sein Publikum?

Wer sich lieber von Komödianten des Kalibers Mario Barth amüsieren lässt, wird Sebastian Rabsahl ignorieren oder, schlimmer, hassen: dafür, dass er einem das Gefühl geben kann, irgendwie unterbelichtet zu sein. Der Rest wird die schrägen Texte schätzen, etwa wenn Sebastian 23 (er ist gerade 30 geworden) vorgibt, "60 zu sein, und mir dabei vorstelle, 16 zu sein: Wenn es noch einmal so weit wäre, hätte ich meinen ersten Zungenkuss mit einer Steckdose".

Oben auf der Bühne geschieht rein äußerlich wenig mehr als bei einer Million Kleinkünstlern zuvor: Rabsahl trägt ein paar Texte vor und greift etwa jede Viertelstunde zur Gitarre. Sein Gesicht, in dem Spottlust ankündigend stets eine Braue hochgezogen ist und jeder Ansatz von Bartwuchs fehlt, könnte in der Tat einem 16-Jährigen gehören. Dazu sitzt immerzu diese Mütze auf seinem Kopf, die wohl vor allem als Erkennungszeichen gedacht ist, vordergründig aber einen pragmatisch-unoriginellen Kurzhaarschnitt verbergen soll ("Ich habe keine Zeit für eine Frisur").

Der Künstler weiß natürlich, dass bei einem wie ihm all diese Äußerlichkeiten überhaupt nichts bedeuten, und kokettiert fleißig mit jenem Körperteil, der verborgen hinter der Stirn und in seinem Fall allemal frisch durchblutet seinen Dienst tut.

"Ein Kopf verpflichtet uns zu nichts", behauptet Sebastian 23 zwar auf dem Titel seiner Textsammlung und führt auf dem Cover ein Gehirn an einem Faden wie einen Luftballon spazieren. Doch Rabsahl ist ein Musterbeispiel dafür, welche Entwicklungsmöglichkeiten sich bieten, wenn einen die Frauen auf dem Schulhof weitgehend mit Missachtung strafen.

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