"Das soziosexuelle Realitätsszenario ist als kleinbürgerlich-patriarchale Männer- und auch Altherrenphantasie zu charakterisieren", schreibt die Medienwissenschaftlerin Annette Miersch in ihrem Buch "Der deutsche Sexfilm der 70er Jahre" über die Filmreihe "Schulmädchenreport", die unter dem Deckmantel der Aufklärung daherkam, in Wirklichkeit aber eher die feuchten Träume pubertierender Gymnasiasten und ihrer verklemmten Väter mit Lolita-Sehnsüchten bebilderte. Dieses Konzept war so erfolgreich, dass 13 Teile davon gedreht wurden.
Nach genau diesem Muster funktionieren auch die heutigen Sexgeschichten der Studentinnen. Auf dem Cover der französischen Ausgabe von Laura D.s "Mein teures Studium" ist ein aus zwei Teilen bestehendes Foto einer Frau zu sehen. Die linke Hälfte trägt eine brave weiße Bluse unter einer biederen schwarzen Strickjacke, unter dem Arm hält sie einen Stapel Bücher. Rechts hat die Frau ein knallrotes Minikleid mit Pelzkragen an, dazu halterlose Netzstrümpfe, die Hand mit den rotlackierten Fingernägeln greift ein Bündel Geldscheine.
Das studentische Sexualleben lässt sich prima vermarkten
Bei Alexandra Adens "Bekenntnissen einer Kunststudentin" ist es nicht ganz so platt. Eine junge Frau kuschelt sich in einen Sessel, die nackten Füße auf der Heizung, blickt aus dem Fenster. Vor ihr steht auf einem weißen Landhaustisch ein Tablett mit Blümchen-Teetassen und selbstgebackenem Kuchen. Auf dem Fensterbrett blüht ein Strauß rosa Pfingstrosen - die gelten übrigens als Symbol für Reichtum und für die Schönheit des Weiblichen, im Christentum gar für die Jungfrau Maria. Ein bisschen intellektuelle Eigenleistung und ein gewisses Bildungsniveau fordert die Kunststudentin dann schon. Hier darf sich der Betrachter noch im Kopfkino selbst ausmalen, wie die verträumte Kuchenbäckerin mit ihrem Kleinmädchen-Unterhemd im Bordell zur Domina mutiert.
Auch abseits des Extremfalls Prostitution schreitet die Vermarktung des Sexuallebens von Nachwuchsakademikern voran: ProSieben wollte in der neuen Serie "50 pro Semester" einen Flachlege-Wettbewerb unter Studenten inszenieren; nach Protesten von Kirche, Politikern und Medienexperten wurde der Sendestart erst mal auf unbestimmte Zeit verschoben.
Auf dem Buchmarkt kann man sich mehr herausnehmen: das "erotische Experiment" der Autorin Siena Schneider, "33 Männer in 33 Nächten", zum Beispiel. Oder die "33 unanständigsten Abenteuer" im Sammelband "Bester Sex", die Ina Küper und Marlene Burba, beide noch nicht lange fertig mit dem Studium, vereinen. Oder die "33 krassen Abstürze", die die 24-jährige Politikstudentin Natascha Sagorski erzählt.
"Man darf ja auch nicht nach Kalendermädchen aussehen"
Die Autorinnen sind in dieser Reihe alle auf ihrem jeweiligen Cover zu sehen, kokettieren in verschiedenen Posen, stecken sich mal neckisch den Finger zwischen die Lippen, kichern hinter vorgehaltener Hand, lutschen hingebungsvoll und mit großen Augen an einem Lolli. Was man halt so macht als selbstbewusste Frau.
Marlene Burba, eine der Autorinnen von "Bester Sex", räumt ein, dass sie "nicht mit jedem Foto einverstanden" gewesen sei, das in der Presse erschienen ist. "Natürlich lässt sich die Kombination Sex plus Frau plus jung plus blond super verkaufen." Um trotzdem noch als Journalistin ernst genommen zu werden - Burba und Küper geben außerdem noch ein Erotikmagazin für Frauen namens "Alley Cat" heraus -, habe sie durchaus darauf geachtet, nicht zu viel Bein oder Dekolleté zu zeigen. "Man darf ja auch nicht nach Kalendermädchen aussehen."
Dass junge schlaue Frauen neuerdings gern schlüpfrig über Sex schreiben, hat also weniger mit einem neuen, weiblichen Selbstbewusstsein zu tun als mit einer cleveren Geschäftsidee, die sich mit ein paar uralten Klischees und Inszenierungen ziemlich einfach verkauft. Schlechte Nachrichten nur für ihre männlichen Kommilitonen: Diese Vermarktungsstrategie ist hochgradig sexistisch, wer jetzt meint, er könne sich endlich auch mal an einen Roman wagen und "Fucking Karlsruhe: Bekenntnisse eines deutschen Maschinenbaustudenten" verfassen, wird es schwer haben, einen Verlag zu finden.
Die Frauen hingegen dürfen sich freuen, denn nach dem Studium muss noch lange nicht Schluss sein, da gibt es eine neue Sparte, die bedient werden kann. Lesetipp: "Hera - Rechtsanwältin am Tage, Domina in der Nacht".
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