Sie zog für ein Praxissemester in die australische Ödnis, um Aborigines einen gesunden Lebensstil beizubringen. Doch dann merkte Johanna Wagner, dass ihre deutsche Denke bei den Ureinwohnern gar nicht ankommt. Nun lässt sie sich treiben.
Vollgetankt, einen letzten Blick auf den Indischen Ozean geworfen - und dann verlassen wir Geraldton an Australiens Westküste und rollen mit dem Wagen 340 Kilometer Richtung Osten. Irgendwann finden wir sie: die endlosen Weiten, die rote Erde, Emus und Kängurus. Auf unserem Weg passieren wir nur zwei kleine Dörfer. Das dritte heißt Mount Magnet und soll für die kommenden Monate unser Zuhause sein.
Während uns die Menschen in Geraldton offen und hilfsbereit begegneten, treffen wir in Mount Magnet auf wortkarge Bewohner. Etwa 500 Menschen leben in dem Ort, der während des Goldrauschs Ende des 19. Jahrhunderts gegründet wurde. Meist wirkt er wie ausgestorben, denn tagsüber verschluckt die noch immer betriebene Goldmine die Menschen und nachts treibt man sich nicht draußen herum, es sei denn, man ist in eine Schlägerei verwickelt. In Mount Magnet leben Aborigines, Minenarbeiter und ein paar Weiße, die nicht ins System passen. Das Leben hat sie ausgesondert und im Outback wieder ausgespuckt.
Die Sonne knallt vom Himmel, die Luft ist trocken und heiß. Nur wenige Läden säumen den Highway, über den unaufhörlich riesige Lastwagen mit bis zu drei Anhängern rollen. Die Lebenshaltungskosten sind hoch, für mich als Studentin kaum bezahlbar. Zum Glück bietet Mount Magnet nicht viele Möglichkeiten, um Geld auszugeben. Metzger, Post, zwei Kneipen, zwei Tankstellen und ein Supermarkt - mehr gibt es hier nicht. Die nächste Apotheke ist 200 Kilometer entfernt.
"Man soll andere Kinder beißen und hauen"
In diesem Ort soll ich das Projekt Bidi Bidi unterstützen. Das Zentrum soll indigenen Frauen und deren Kleinkindern ein zweites Zuhause bieten, in das sie sich vor häuslicher Gewalt flüchten können. Während die Frauen an verschiedenen Kursen teilnehmen können und zum Beispiel Nähen lernen, lernen die Kinder etwas über Zahlen, Farben und sozialen Umgang. Das klingt banal, bleibt in der Erziehung aber oft aus.
Das Zentrum sieht aus wie ein Wohnzimmer, Kinderbücher stapeln sich neben Fotoalben in den Regalen, an den Wänden hängen selbstgemalte Bilder, daneben einige Verhaltensregeln, zum Beispiel: "Beiße und schlage keine anderen Kinder." Ich weiß nicht genau, wer das verstanden hat. "Da steht: Man soll andere Kinder beißen und hauen", erklärt mir die vier Jahre alte Danielle an einem meiner ersten Tage ernst.
Zu Hause hatte ich etwas über die dramatischen Unterschiede in der Lebenserwartung, bei der Schulbildung und den Jobchancen zwischen den Aborigines und der restlichen Bevölkerung Australiens gelesen. Da stand für mich fest: Während meines Praxissemesters wollte ich mich mit dem Gesundheitsbewusstsein der Ureinwohner beschäftigen. Seit August wohne ich nun mit meinem Lebensgefährten in Mount Magnet.
Motiviert habe ich die buntesten Konzepte entworfen. Ich wollte zunächst drei Generationen einer Familie auf Video aufzeichnen, um die Menschen und ihre Bedürfnisse kennenzulernen und um zukünftigen Sozialarbeitern zu helfen, an der richtigen Stelle anzusetzen. Mit den älteren Aborigine-Frauen wollte ich durch den Busch wandern und ein Buch über essbare und heilende Pflanzen zusammentragen.
Niemand entschuldigt sich, wenn er sich nicht an Zusagen hält
Doch am ersten Morgen öffnete sich die Tür des Zentrums kein einziges Mal, obwohl sie allen rund 60 Aborigine-Frauen offen steht. Meine Kollegin sagte: "Take a cup of tea." Die zweite Tasse bot sie mir eine halbe Stunde später an, die dritte 30 Minuten darauf.
Schnell merkte ich, dass die deutsche Mentalität hier fehl am Platz ist. Termine werden oft nicht eingehalten. Man muss die Leute immer von zu Hause abholen, und niemand entschuldigt sich oder hat ein schlechtes Gewissen, wenn er sich nicht an Zusagen hält. Ich kann deshalb nichts planen und hänge ständig in der Luft.
Ein großes Problem sind auch die Unterschiede in der Kommunikation. Die Aborigines meiden Blickkontakt, sie stellen keine Fragen, und wenn ich sie etwas frage, schütteln sie nur den Kopf, nicken wortlos oder antworten gar nicht.
Endlich ein Ausflug ins Outback
Meine Stimmung pendelt auf und ab. Ich bin motiviert, dann niedergeschlagen, manchmal glücklich, dann bedrückt. Man braucht hier so viel Energie, um wenig zu erreichen. Den Aborigines etwas über einen gesunden Lebensstil beizubringen, wie ich es in der Uni gelernt habe, scheint unmöglich. Mein Chef in Geraldton erwartet, dass ich ihm von Aktionen und Fortschritten berichte. Doch für Aktionen und Fortschritte ist die Situation zu komplex.
Um etwas über die Sorgen und Wünsche der Menschen herauszufinden, brauche ich viel mehr Zeit. Ich muss mein angelerntes Wissen beiseiteschieben und das hervorholen, was kein Studium lehren kann: Intuition und Mitgefühl. Der kleinste Schritt ist plötzlich ein großer Erfolg. Ein längerer Blickkontakt. Ein Lächeln. Meinen Namen zu hören. Rebecca hat ihn zum ersten Mal ausgesprochen, sie ist arbeitslos und hilft hier im Zentrum aus, gießt zum Beispiel den Garten. Nach sieben Wochen hat sie mir schließlich angeboten, mir mehr vom Leben im Outback zu zeigen.
Anfang Oktober haben wir zusammen mit den anderen Frauen und Kindern mehrere Ausflüge in den Busch unternommen. Wir fanden Bäume, an denen Bimba wächst, eine harzähnliche Substanz, die sehr süß schmeckt. Wir jagten Warane, um sie zu essen, aber sie entwischten uns. Wir sammelten Quandong- und Sandelholz-Nüsse, um daraus Schmuck zu basteln.
Nach drei Monaten ist das Video immer noch nicht fertig, von dem Heilpflanzenbuch gibt es nicht eine einzige Seite. Ich wollte Projekte mit den Frauen machen, nicht für sie und nicht über sie. Die Streifzüge in den Busch waren ein großer Erfolg. Doch gemeinsam und stetig etwas auf die Beine zu stellen, ist in Mount Magnet schwer. Auch nach drei Monaten warte ich oft vergebens auf die Projektteilnehmer, man verliert sich in Gesprächen oder bei einer Tasse Tee, bis der Tag vorüber ist und ein neuer beginnt. Irgendwo im Nirgendwo tickt die Zeit eben anders.
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