Prof. Dr. Michael Steinbrecher: Willkommen zum Proseminar Torwandschießen

Von Boris R. Rosenkranz

Die Uni Dortmund holt sich TV-Prominenz ins Haus: Michael Steinbrecher, Lockenwunder aus dem "Sportstudio", soll jetzt Journalismus-Seminare moderieren. Nach missglücktem ersten Doppelpass zwischen Wissenschaft und Praxis schneiderte man ihm flink eine Fernsehprofessur aufs Leibchen.

Sie nannten ihn "Stoni". Und manche auch "Knochenbrecher". Damals, in den Achtzigern, als Michael Steinbrecher noch wehenden Haupthaars kickte, rechte Außenbahn oder Abwehr. Erst war er Jugendspieler bei den Dortmunder Borussen, ging dann zu den Gladbacher Borussen, spielte zuletzt in der Amateuroberliga bei Westfalia Herne, einem Verein mit großer Tradition und Ambitionen - beinahe hätte in der Saison 1985/86 der Aufstieg in die zweite Bundesliga geklappt.

Ballkundler Steinbrecher: Transfer zur TU Dortmund
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Ballkundler Steinbrecher: Transfer zur TU Dortmund

Dann aber erhielt Steinbrecher das Angebot, beim ZDF zu volontieren und die Moderation der Jugendsendung "Doppelpunkt" zu übernehmen. Für ihn eine klare Entscheidung gegen den Fußball: "Mit 21 habe ich von einem auf den anderen Tag aufgehört. Beides ging nicht zusammen."

Das ist lange her, jetzt spielt der ZDF-Moderator ("Das aktuelle Sportstudio") Bundesliga, zumindest wissenschaftlich. Zum Sommersemester kehrt der 43-Jährige an jene Uni zurück, an der er nach dem Einser-Abitur einst sein Einser-Diplom machte, und übernimmt eine Vertretungsprofessur. Erst einmal. Denn wenn alles glatt läuft, ist Steinbrecher im Winter fester Professor am Institut für Journalistik der Technischen Universität Dortmund.

Grau ist alle Theorie, grün der Rasen des Lebens

Überraschend ist das nicht. Bereits im vergangenen Jahr hatte sich Steinbrecher dort auf eine Professur beworben und auch schon eine Probevorlesung gehalten. Kurz bevor einer der vier Kandidaten der Finalrunde berufen werden sollte, brach die Universität das Bewerbungsverfahren ab. Der Grund: Man habe festgestellt, dass die Ausschreibung "zu breit" angelegt gewesen sei, hieß es damals.

Was man auch anders lesen kann: Die Ausschreibung wollte schlicht nicht auf den Wunschkandidaten Steinbrecher passen. Denn es sollte um crossmediale Entwicklungen im Journalismus gehen, also um die Vernetzung der klassischen Medien Zeitung, Radio und Fernsehen durch das Internet. Dazu braucht es wissenschaftliche Expertise mit theoretischer Grundierung. Damit aber hatte Steinbrecher wenig am Hut. Er ist Fernsehmann, Moderator ("Ja, Sie können jetzt ruhig klatschen"), Torwandwart ("Feuern Sie unseren Gast an").

Also wurde neu ausgeschrieben, ganz offiziell. Und diesmal gleich zwei Stellen. Erneut eine für crossmediale Entwicklungen und eine weitere für, genau: Fernseh- und Videojournalismus - mit einem Anforderungsprofil wie für Steinbrecher geschrieben. Weshalb es hinter den Kulissen grummelte, zumal Steinbrecher kein ausgewiesener Forscher ist.

Bisherige Forschung vor allem im Stadion

Promoviert hat er erst 2008, sozusagen just in time und ebenfalls in Dortmund (Thema: "TV-Programmgestaltung bei Olympia im Netz olympischer Abhängigkeiten"). Und trotz einiger Gastvorlesungen an seiner alten Uni - geforscht hat Prof. Stoni hauptsächlich in Fußballstadien. Gerade wissenschaftliche Kompetenz aber wird an dem renommierten Dortmunder Institut großgeschrieben. Eigentlich.

Jetzt ist das Verfahren so gut wie durch. Den Ruf für die Crossmedia-Stelle hat die TU Dortmund an Klaus Meier erteilt, derzeit Journalistikprofessor in Darmstadt. Und Steinbrecher soll als Professor seinen Doktorvater Günther Rager beerben und auch Leiter des neuen "TV-Lernsenders.NRW" werden, wo vor allem Praxiserfahrung zählt.

Die hat das öffentlich-rechtliche Lockenwunder en masse: Seit über 20 Jahren ist er im Fernsehen zu sehen. 1992 wurde er mit 26 Jahren jüngster Moderator des "aktuellen Sportstudios", er arbeitete für das ZDF-Politmagazin "Frontal", drehte Reportagen, bekam etliche Preise, darunter der Grimme-Preis.

Stoni's coming home

In Dortmund jubelt man deshalb über den Transfer. Lokalpatriot Steinbrecher freut sich über die Rückkehr in eine Heimatstadt. Und gelobt recht unaufgeregt, er werde sich "mit voller Kraft und Energie der neuen Aufgabe am Institut widmen". Die Universität werde "weiter von meiner journalistischen Arbeit im ZDF profitieren, denn Wissenschaft und Praxis gehören einfach zusammen". Nun aber spreche man erst mal darüber, "welche Rahmenbedingungen nötig sind, damit wir auch wirklich etwas erreichen, für die Studierenden, aber auch für das Institut".

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Kurzum: Alle sind glücklich. Selbst das bald entkernerte ZDF: "Ich freue mich für Michael Steinbrecher und bin mir sicher, dass er beide Herausforderungen wie gewohnt engagiert meistert", sagt ZDF-Sportchef Dieter Gruschwitz.

Da könnte sich ein Konflikt anbahnen. Immerhin geht es um eine hauptamtliche Professur, nicht etwa um einen Teilzeitjob oder einen Lehrauftrag. Und mit prominenten Köpfen, die Universitäten bisweilen auf der Suche nach Aushängeschildern anheuern, machen die Studenten nicht immer nur gute Erfahrungen: Präsenz ist für die Lehre wichtig.

Steinbrecher, der nebenher auch die Produktionsfirma Stonebreaker TV GmbH betreibt, will weiter auf der Mattscheibe bleiben. Kann der Doppelpass zwischen Theorie und Praxis, zwischen Campus und Lerchenberg wirklich gelingen? Holger Wormer vom Institut für Journalistik hat bereits angekündigt, dass Steinbrechers Hauptjob an der Uni wäre: "Für das Fernsehen könnte er dann nur noch in beschränktem Umfang tätig sein."

Mitarbeit: Jochen Leffers

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