Professoren als DJs: Bitte legen Sie nicht auf

Scratchen Sie, wenn Sie die Amplitude sehen! In einem Berliner Club sind acht Professoren als DJs angetreten. Denn längst haben Party-Veranstalter erkannt: Mit einem Mix aus Habilitierten und Hochprozentigem lassen sich feierwillige Studenten locken.

SPIEGEL ONLINE

Die Worte Crossfader, Monitorboxen und Scratchen sind bereits gefallen, da dauert das Kompaktseminar noch keine zehn Minuten. "Da werd ich mich bestimmt vertun", sagt Pontus Persson, der Mediziner von der Charité, ein Zwei-Meter-Mann mit randloser Brille, der für seine Habilitation über "Dynamische Aspekte der Kreislaufregulation" geschrieben und sich für diesen Abend ein sehr grünes Hemd angezogen hat.

Persson und sieben andere Professoren sollen in einem Berliner Club für Dynamik in den Kreisläufen ihrer Studenten sorgen, als DJs. Oder genauer: Es soll so aussehen, als würden sie für Dynamik sorgen. Sie haben zwar die Playlisten zusammengestellt und dürfen auf Start drücken und hinter dem Mischpult stehen und winken und klatschen, doch ein professioneller DJ lauert daneben und schiebt die Regler an die richtige Position, sobald sich die akademische Elite vertut. Scratchen dürften die Professoren zwar auch, so richtig geheuer scheint es ihnen aber nicht zu sein.

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Dozenten am Mischpult: "Da werd ich mich bestimmt vertun"
Dozenten als DJs, das ist keine ganz neue Idee. Schon seit Jahren lassen Party-Veranstalter und Kneipiers Professoren in Auflege-Wettbewerben gegeneinander antreten und setzen darauf, dass Habilitierte und Hochprozentiges eine lukrative Mischung ergeben und möglichst viele feierwillige Studenten locken. In Münster, Halle, Jena und vielen anderen Uni-Städten hat sich so offenbar bereits Geld verdienen lassen. Einige Dozenten verrieten SPIEGEL ONLINE damals ihre persönlichen Hit-Listen. Längst ist die Vermarktung professionalisiert, auf den Leinwänden in Berlin laufen Spots einer Fast-Food-Kette, einige Professoren tragen Poloshirts mit Burger-Logo, eine Tabakfirma verschenkt Mentholzigaretten.

Die Dozenten sind musikalisch eher wenig experimentierfreudig

Während die Studenten mit süßen Wodka-Mischgetränken vorglühen, lassen sich die Professoren vom Backup-DJ mit roter Kappe das Mischpult erklären, ein Kompaktkurs in Sachen musikalischer Abendunterhaltung. "Ich überreiche Ihnen ehrfürchtig die Kopfhörer", sagt der Profi und setzt sie einem Informatik-Professor auf.

Der Mediziner Persson macht so etwas zum ersten Mal. Es kommt zu einem kurzen Disput über den optimalen Scratch-Zeitpunkt des Songs "I love Rock'n'Roll". Der Profi-DJ zeigt auf den Bildschirm des angeschlossenen MacBooks, das laufende Lied ist darauf grafisch dargestellt: "Hier, wenn es richtig losgeht", sagt er und zeigt auf die breiteste Stelle der Grafik. Die Professoren gucken fragend. Ein Jurist von der Humboldt-Uni fragt: "Bei der Verbreiterung?" Persson sagt: "Ach, bei der Amplitude." Der DJ nickt.

Das Kalkül der Veranstalter scheint aufzugehen. Bis spät in die Nacht warten vor dem Eingang Trink- und Tanzlustige, die Türsteher dürfen so unfreundlich sein wie sonst nur in den angesagtesten Läden, und auf den Tanzflächen drängen sich Studenten wie Aron, 24, der an der TU Berlin seinen Master in Theoretischer Informatik macht. Er hat an der Uni von der Party gelesen und will zusammen mit seinen Kommilitonen den eigenen Prof anfeuern. Denn der Dozent, dessen Auftritt am lautesten bejubelt wird, gewinnt; immer zwei treten gegeneinander an. Ein paar Meter weiter steht eine Gruppe Jungs, sie studieren nicht, sprechen aber darüber, wie sie es am geschicktesten anstellen, "Studentinnen zu jagen".

Vor das angetrunkene Publikum wagt sich als Erster um kurz nach halb zwölf Günter Ziegler, Mathematiker an der FU Berlin. Die Studenten jubeln und buhen, je nachdem an welcher Uni sie studieren. Der Mann der Zahlen setzt auf Disco-Klassiker wie "It's Raining Men" und "We will rock you". Nach einer guten Viertelstunde hat er die erste Runde hinter sich, der Moderator misst 109 Dezibel, das reicht für den Sieg über einen Professor von der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin, der betriebswirtschaftliche Steuerlehre unterrichtet.

Dann übernimmt wieder ein Profi-DJ, bis der nächste Professor ans Pult tritt. Es wird ein langer Abend.

otr

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