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Ranking der Unis im Web: "Die haben das Internet nicht verstanden!"

Von Oliver Baentsch

Chaotische Gestaltung, keine Kommunikation, null Spaßfaktor - die Web-Auftritte der Unis sind oft zum Gruseln. Der Laie wundert sich, der Profi ist entsetzt: "Die Hochschulen in Deutschland entwickeln sich nicht weiter, zumindest im Internet", sagt der Dortmunder Professor Uwe Kamenz zu seinem neuen Internet-Ranking.

Humboldt-Uni: Auch der Klassenprimus kann den Web-Auftritt noch verbessern

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Stell dir vor, es ist Uni, und keiner findet hin! Als Erstsemester oder Besucher der Universität Bremen kann das passieren, denn die glänzt auf ihren Internetseiten nicht gerade mit einer vorbildlichen Wegbeschreibung. Uwe Kamenz kann nur den Kopf schütteln, wenn er an die großen und kleinen Versäumnisse denkt, die sich die Hochschulen auf ihren Homepages immer noch leisten.

Zum zweiten Mal nach 1998 haben der Dortmunder Professor und seine Mitarbeiter vom Dortmunder Marketing-Institut ProfNet alle 246 höheren Bildungsanstalten in Deutschland unter die Lupe genommen und kommen mit ihrem Fazit des "Stillstandes" zu ernüchternden Ergebnissen.

Die Gewinner: Berlin vor Bochum und Dortmund

Am besten kommt noch der Netzauftritt der Humboldt-Universität weg. Mit 67,5 von 100 möglichen Punkten lagen die Berliner knapp vor der Ruhr-Universität Bochum (67,0 Punkte) und der FH Dortmund (66,5 Punkte). Auf den weiteren Plätzen folgen die TU Braunschweig, die Uni Bremen - trotz fehlender Wegbeschreibung - und die FH Leipzig.

Mensaplan der Uni Dortmund im Web: Na also, geht doch

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Ganz unten in der Rangliste tummeln sich Online-Sünder wie die Uni Gießen (Platz 226), die Uni Greifswald (Platz 238) oder die Hochschule für Film und Fernsehen München (Platz 231). Im Durchschnitt erreichten die Hochschulen mit 46 von 100 Punkten das identische Ergebnis wie 1998 erreicht.

Vor fünf Jahren waren die Internetangebote der Hochschulen noch recht frisch. Seitdem hatten sie viel Zeit, taten aber wenig. "Es ist traurig, dass die deutschen Hochschulen ihre für 1998 sehr guten Ergebnisse nicht weiter ausgebaut haben", sagt der Professor, der nach einem Surf- und Klickmarathon Punkte in den Kategorien Layout, Handling, Inhalt und Interaktivität vergeben hat.

Kein Interesse an Kommunikation?

Die Ausbeute an interaktiven Angeboten hält er dabei schlicht für blamabel. Gerade mal ein Prozent der Hochschulen bieten eine Funktion zum Chatten an, zwei Prozent ermöglichen das Zusammenstellen eines individuellen Stundenplans im Netz. Und nur jede zehnte Uni hat einen Forumsbereich mit schwarzem Brett.

Website der FH Coburg: Interaktivität wird hier groß geschrieben

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"Die Interaktivität ist doch der wirkliche Vorteil des Internets gegenüber anderen Medien", resümiert Uwe Kamenz. "Wer hier schwach ist, hat das Internet nicht verstanden oder ist gar nicht daran interessiert, mit seinen Studenten zu kommunizieren."

Auch das Versenden von Newslettern per SMS vermissen die Herausgeber der Studie bislang, was im Zeitalter der Handynutzung eigentlich kein Problem sein sollte. Die Hochschulen denken über solche Zusatzdienste ("nice to have") zu wenig nach, glaubt Uwe Kamenz, viele geben sich mit den grundlegenden Angeboten ("must") zufrieden.

Was die jeweiligen Zielgruppen vom Internet-Auftritt einer Universität erwarten, haben sich die Dortmunder Forscher nicht aus den Fingern gesaugt, sondern in Workshops erarbeiten lassen. Kategorien wie englischsprachige Informationen bieten immerhin zwei Drittel aller Hochschulen an, auch Alumni-Seiten für Absolventen sind mittlerweile im Kommen.

Programmiert wie Flasche leer

Beim Layout ist die Ästhetik nur eines von vielen Kriterien der Studie. Es zählen vor allem technische Aspekte wie die Qualität der verwendeten Software. Wenn Professor Kamenz auf das Online-Angebot der Universität Greifswald zu sprechen kommt, kann er sich nicht so recht zwischen Gruseln und Heiterkeit entscheiden: "Das Design der Seiten hat höchstens Schulniveau und sieht aus, als stamme es noch aus den Kindertagen des Internets."

Homepage der Uni Greifswald: Zero Points

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Nicht nur beim Layout haben die Greifswalder programmiert wie Flasche leer, es hapert an allen Ecken und Enden. Greifswald - zero points fürs Aussehen, insgesamt Platz 238 in der ProfNet-Rangliste. "Richtig peinlich ist es, dass die auch noch einen Informatik-Studiengang haben", schmunzelt Kamenz.

Während die Hochschulen in der Kategorie Handling ordentliche Arbeit geleistet haben, also das Zurechtfinden und Navigieren durch das Internetangebot wenig Probleme macht, gehen die Benotungen für die Inhalte weit auseinander. Die meisten Hochschulen versäumen es, schon auf der Startseite viel deutlicher nach Zielgruppen zu trennen, heißt es in der Dortmunder Studie. Denn Studenten wünschen sich ganz andere Inhalte als etwa Gymnasiasten oder Unternehmer.

Bei originellen Angeboten Fehlanzeige

"Wer seine Inhalte klar gliedert, sorgt für ein sinnvolles und übersichtliches Angebot", sagt Uwe Kamenz. Selbst die Humboldt-Universität zu Berlin, die den ersten Platz des Rankings belegte, könnte hier noch besser werden.

Trotzdem hat die Hauptstadt-Uni für ihre Online-Inhalte Fleißkärtchen bekommen, weil die Mischung aus Informationen und Spaß gelungen sei. So können auch Merchandisingartikel wie T-Shirts und Kappen im Internet bestellt werden - ein Service, den sonst nur sechs Prozent aller Hochschulen anbieten.

Humboldt-Uni im Web: Pluspunkte fürs Mechandising

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"Keiner landet auf den hinteren Rängen, nur weil er keine T-Shirts über das Internet verkauft", sagt Uwe Kamenz, der die einzelnen Kategorien nach einem bestimmten Schlüssel gewichtet hat. Solche originellen Angebote sind es aber, mit denen man junge Leute gezielt an die Hochschulseiten im Netz heranführen könne.

"Das Internet bietet Chancen, die bislang zu wenig genutzt werden. Die Hochschulen müssen endlich damit beginnen, ihre Internetpräsenz als Kommunikationsplattform zu begreifen", sagt der ProfNet-Chef als Fazit seiner Untersuchung. Kosten und Mehrarbeit seien noch zu oft die Entschuldigung für fehlende Interaktivität.

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