SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

15. Februar 2013, 13:30 Uhr

Was kostet die Welt?

Nairobi, staubig und charmant

Von

Himmel oder Hölle? Zu Nairobi gibt es geteilte Meinungen. Wer furchtlos und entspannt ist, kann in der kenianischen Hauptstadt günstig sehr viel Spaß haben - vor allem wenn er ein paar einfache Regeln befolgt.

Nairobi ist Kenias Hauptstadt, und wie das Land ist sie zerrissen, zwischen Armut und Wohlstand. In den Slums der Drei-Millionen-Stadt leben die Menschen so dicht beieinander, wie fast nirgends sonst auf der Welt. Mehr als 100.000 Nairobier drängen sich in den Armenghettos auf einem Quadratkilometer. Wasserhähne, die Tausende versorgen müssen, fallen dort oft aus, und der Strom noch öfter. Die Menschen kochen auf Holzkohleherden, die Fäkalien fließen dampfend durch offene Gräben.

Nur einen Kilometer entfernt sitzen NGO-Mitarbeiter und die kenianische Upperclass im Java Coffee House bei Drei-Euro-Soja-Latte, W-Lan inklusive, vor dem iPad und warten auf das nächste getoastete Panino. Darum kann Nairobi deprimierend sein oder nach Aufbruch aussehen, darum ist es manchmal schwer auszuhalten, in einer Stadt mit eigentlich hervorragenden Voraussetzungen.

Das Klima in Nairobi ist frühsommerlich mild, das Wetter meist herrlich und fällt damit als Smalltalk-Thema aus. Darum ist "Dieser Verkehr!" der liebste Aufreger der Nairobier. Ideal ist das tägliche Chaos für weniger pünktliche Menschen. Keiner ist einem wegen 30-minütiger Verspätung böse, denn jeder kennt die Tücken der Fortbewegung. Laufen ist oft die beste Lösung, man sollte also nicht fußfaul sein.

Wer ein bisschen Chaos verträgt, herzliche Menschen und riesige Märkte mag, wen Staub und Gedränge nichts stören, der kann sich in Nairobi richtig wohl fühlen. Und wer sich bewegt, einkauft und isst wie die Einheimischen, kann in der kenianischen Hauptstadt auch noch günstig leben.

Dem Autor bei Twitter folgen:

Essen und Trinken: Alles da, von Ugali bis Sushi

Viele Ausländer verbringen eine Menge Zeit in Shopping-Malls. Das sind Einkaufsparadiese mit allen Annehmlichkeiten: Kino, Bars und Restaurants, aller Art von Geschäften und mit mindestens einem Riesensupermarkt. In denen gibt es Gemüse und Obst zu Spottpreisen, aber auch importierte Nutella für 9 Euro das Glas. So ist das mit allem: Was aus Kenia kommt, ist günstig, Importware dagegen richtig kostspielig, solange sie nicht aus China stammt.

Angenehm: Europäer mit Heimweh finden in Nairobi fast alles, was sie von zu Hause so kennen. Chai Latte, Sushi und viele internationale Restaurants. Doch leben wie in Darmstadt hat nicht nur beim Nutella seinen Preis: Eine Pizza kostet zwischen 5 und 10 Euro, Gerichte beim Inder zwischen 7 und 14 Euro.

Richtig billig wird es, wenn man sich an die kenianische Küche hält: Ein kenianisches Frühstück aus drei Mandazi, Teigteilchen in Fett ausgebacken, und eine Tasse Schwarztee mit Milch und Ingwer (oft schon mit Zucker gekocht) gibt es für 80 Cent. Fisch-, Rind- oder Ziegeneintopf kostet 1,50 bis 3 Euro. Als Beilage gibt es Sukuma - schmeckt wie Grünkohl - und natürlich die Standardbeilage Chapati oder Ugali. Chapati sind flache Weizenmehlfladen, gebacken auf einem heißen Eisenteller. Ugali ist ein fester, weißer Brei aus Maismehl, ungesalzen und nur mit Soße runterzubekommen. Außerdem sind die Kenianer leidenschaftliche Griller, das Barbecue heißt auf Kenianisch Nyama Choma.

Getränke sind in Kneipen, in denen hauptsächlich Kenianer verkehren, günstig. Einen halben Liter Bier gibt es für 1,20 bis 1,80 Euro, Limonaden (wie der Ostafrika-Klassiker Stoney Tangawizi mit beißendem Ingwergeschmack) und Cola kosten 30 bis 80 Cent. Guten, erschwinglichen Wein sucht man meist vergebens, da hilft nur der Supermarkt mit Importware aus Südafrika oder Europa. Und auch guten Käse zu finden, ist schwierig und echt teuer.

Transport und Verkehr: Tagsüber Moped, nachts Taxi

Nairobi ist eine echte Großstadt und ein Moloch. Zwischen dem Hauptbahnhof im Süden (an dem nur an drei Tagen ein einziger Fernzug fährt, und das eher unregelmäßig) und dem Kreisverkehr am Old-Nation-Center liegt die Innenstadt. Ein Fußmarsch von einem Ende zum anderen dauert am frühen Sonntagmorgen nur 15 Minuten. An einem Wochentag kurz nach Büroschluss ist man bis zu einer Stunde unterwegs sein.

Zu Fuß oder mit einem Motorradtaxi ist man meist am schnellsten, das Zentrum mit einem Taxi oder im Bus zu durchqueren, kann zur falschen Tageszeit Stunden dauern. Kenias alltäglichste Verkehrsmittel in den Städten, aber auch Überland, sind die Matatus: Kleinbusse, die offiziell 14 Personen fassen, fahren aus allen Himmelsrichtungen bis ins Zentrum.

Die Nummern stehen winzig auf der Fahrertür, die Fahrer brüllen halb auf Englisch, halb auf Kisuaheli Abkürzungen für ihre Zielbahnhöfe und Preise durcheinander - und um das Chaos zu vervollständigen, fahren die Matatus an unterschiedlichsten Orten in der Stadt los, Pläne gibt es nicht. Da hilft nur Fragen, aber die Nairobier helfen dabei gerne.

In der Stadt kosten die Fahrten zwischen 15 und 80 Cent, das ändert sich je nach Tageszeit, Streckenführung (in die Slums ist es billig, in die reichen Vororte teurer), Verkehrsaufkommen und Laune des Teams aus Fahrer und Schreihals in der meist offenen Schiebetür.

In der Innenstadt bringen einen Motorradtaxis, die Boda-Bodas, für etwa einen Euro am schnellsten ans Ziel. Allerdings kurven sie waghalsig zwischen den stehenden Autos durch, ignorieren Einbahnstraßen und nötigen einen neuerdings dazu, muffige und viel zu große Leihhelme aufzusetzen - ein Gesetz schreibt jetzt Warnweste und Helm für Fahrer und Beifahrer vor.

Zu Fuß sind in Nairobis Innenstadtgewimmel kaum Weiße unterwegs, und das obwohl Bataillone von ausländischen Mitarbeitern in der Stadt sind. Dass trotzdem kaum einer läuft, liegt vermutlich am miesen Ruf der Stadt: Nairobbery (in Anspielung auf den englischen Begriff für Raub) wird sie genannt. Meist trifft man darum lediglich ausländische Rucksacktouristen oder Studenten, die aus eigener Erfahrung wissen, dass dort nicht alles so gefährlich ist, wie es immer heißt.

Nachts ist Laufen aus Sicherheitsgründen wirklich keine gute Idee, wer länger bleibt, sucht sich am besten ein oder zwei Taxifahrer, deren Nummer er immer wählen kann, wenn es in die Bar, ins Restaurant oder nach Hause gehen soll. Den Fahrpreis legt man am besten vorher fest, kurze Fahrten kosten 2,50 Euro, mehr als 12 Euro sollte man innerstädtisch nie bezahlen.

Feiern und Flirten: Jederzeit zu allem bereit

Nairobi ist ein Partystadt, in der - je nach Lokalität - Praktikanten, Uno-Mitarbeiter oder die wohlhabenden Kenianer heftig feiern, und zwar von Montag bis Sonntag und gerne bis zum frühen Morgen. Männliche Nairobi-Gäste sollten sich auf zudringliche Frauen gefasst machen. Angebaggert und als süß und bildschön gelobt wird jeder, der nach Geld aussieht. Diesen Avancen kann man sich nur mit großer Strenge erwehren und wird schließlich angeraunzt mit Sätzen wie: "Dann kauf mir wenigstens noch einen Drink." Was in Europa vor allem für Frauen gilt, ist hier auch für Männer relevant: Am besten aus der Flasche trinken und das Getränk in der Hand behalten. K.-o.-Tropfen werden gern verabreicht, um das wehrlose Opfer anschließend ungestört beklauen zu können.

Treffpunkt der jungen Ausländermeute ist das Havanas im Ausgehstadtteil Westlands. Hier ist es brechend voll, vor allem an Donnerstagen. Mit Longdrinks und Bier steht es sich bei milden Temperaturen auch vor der Bar bequem bis zum Morgengrauen.

Im Klubhouse im benachbarten Parklands dagegen feiern vor allem die kenianischen Nairobier, die vom Wirtschaftsaufschwung der vergangenen zehn Jahre am stärksten profitiert haben. Die sogenannte Mittelschicht lässt draußen den Range Rover waschen, während sie drin Bier um Bier kippt, Gegrilltes isst und tanzt, als wäre man nicht gestern auch schon hier gewesen.

Studenten finden günstige Kneipen mit Fußball (Premier League) live entlang der Hauptstraßen in der Innenstadt. Geheimtipp: Der staatliche Sender KBC wird von einer Spezialeinheit bewacht, die auch auf dem Gelände in Blechhütten stationiert sind. In Kenia trinken Soldaten steuerfrei und haben darin ein Geschäft erkannt. Durch eine Hintertür gelangt man auf das eigentlich bewachte KBC-Gelände, in der Bar steht ein Billardtisch und die Polizisten reichen, dank Steuerbefreiung, die billigsten Drinks in ganz Nairobi.

Wohnen und Sicherheit: Ohne Mauer geht es nicht

Zimmer kosten je nach Lage zwischen 150 und 350 Euro - es empfiehlt sich, die Wohnung nahe der Uni oder Arbeitsstelle zu wählen, um lange Fahrten in öffentlichen Verkehrsmitteln zu vermeiden.

Mit einiger Voranmeldung kann man zentrumsnah in einem der YMCA-Häuser unterkommen (auch Frauen!), die direkt hinter dem Uhuru-Park am Hang stehen, mit Blick auf die Skyline von Nairobi. Mails und Anrufe werden allerdings nicht beantwortet, da hilft nur Vorbeischauen.

Woran sich der Neu-Nairobier gewöhnen muss: Privathäuser, Appartementkomplexe, aber auch Wohnheime haben immer einen Zaun oder eine Mauer außen herum und einen bis zwei Wächter an der Tür - gerne mit Gewehr und Schlagstock, manchmal sogar mit Pfeil und Bogen. Solche Askari stehen auch vor Bars und Restaurants und bringen einen nachts gegen einen Euro Trinkgeld bis zum nächsten Taxi - oder in die nächste Bar.

Nairobisch für Anfänger: "Can you buy me lunch?"

Kitu kidogo - ist Kiswahili und heißt übersetzt "etwas kleines". Wenn ein Polizist einen unvermittelt anhält und nach kitu kidogo fragt, will er ein Bestechungsgeld. Das gilt unter Kenianer als verpönt, aber irgendwie zahlen die meisten dann doch.

Can you buy me lunch? - Klingt wie die Frage, ob man mal zusammen essen geht. Heißt aber auch: "Gib mir Geld". Eine Frage, die Kenianer nicht im geringsten peinlich ist, und die, käme ein reicher Mensch zur Tür herein, jeder ohne Scham stellen würde. Wer hat, der muss was geben.

Bao - Sheng-Wort für die Zahl 20 - wenn der Matatufahrer "bao" verlangt, kann man sich freuen, günstiger kann man in einem der Minibusse kaum mitfahren.

Assante sana - Kisuaheli für "Vielen Dank". Weil Englisch offizielle Landessprache ist und sich die meisten Ausländer darum nicht die Mühe machen, Kiswahili zu lernen, kommen ein paar Brocken davon ziemlich gut an.

Sasa? - Poa! - wörtlich: Jetzt? - Cool! Gängige Begrüßung, allerdings eher unter guten Bekannten und Freunden.

URL:

Mehr auf SPIEGEL ONLINE:


© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH