Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Rekord-Redeschlacht: Die längste Debatte der Welt

In Tübingen haben streitlustige Studenten einen neuen Weltrekord im Dauerdebattieren aufgestellt und trotzten der Müdigkeit. 40 Stunden wogte ihre Redeschlacht hin und her. Ob es fürs Guinnessbuch reicht, ist noch ungewiss - ein Teilnehmer nickte ein.

Tübingen - Wie lange und worüber er geredet hat? Ganz präzise kann Gregor Landwehr sich nicht mehr erinnern. "Nach 24 Stunden Debattieren verliert man das Zeitgefühl. Draußen wird es hell und wieder dunkel, und im Kopf verschwimmen die Dinge", sagte der 23-Jährige SPIEGEL ONLINE. Er ist Organisator und freier Redner des Rekord-Debattierens. Vom frühen Morgen am Sonntag bis zum späten Montagabend lieferten sich je drei feste Redner der Universitäten Tübingen und Heidelberg, unterstützt durch freie Redner, die ermüdende Debatte. Pausen gab es nur für einen kurzen Gang zur Toilette oder um ein paar Minuten Luft zu holen.

Müder Redner beim Pulsmessen: "Die persönlichen Spitzen nehmen zu"
DPA

Müder Redner beim Pulsmessen: "Die persönlichen Spitzen nehmen zu"

Am Montagmorgen, nach 30 Stunden, war es dann soweit: Daniel Hund, 29, aus dem Club "Heidelberg Debating" wurde vom Schlaf überwältigt - er musste sich eine Auszeit für ein kurzes Nickerchen nehmen. "Ich kämpfe schon seit acht Stunden mit der Müdigkeit", erklärte der Rechtsreferendar. Kurz darauf gab er auf und schied aus dem Wettbewerb aus.

Bis dato hatten sich alle Dauerredner mit Energy-Drinks, Kaffee und Obst durch die Debatten in der Neuen Aula der Tübinger Uni gerettet; sicherheitshalber überwachten sie ihren Puls. "Brauchen wir mehr Gerechtigkeit in der Welt?", war die Leitfrage, darunter fielen Einzelthemen wie die Abschaffung von Frauenparkplätzen, der UN-Sicherheitsrat oder Elite-Förderung an Universitäten.

Doch je länger die Debatte dauerte, desto mehr nahm die Konzentration der Teilnehmer und die Qualität der Diskussion ab. "Die persönlichen Spitzen nehmen zu. Manchmal wird es unsachlich", kommentierte Christoph Krakowiak, der selbst als freier Redner dabei war. Bei welchen Themen er mitgeredet hat? "Wenn ich das noch wüsste, das waren so viele."

Nur Tübinger haben Chance auf Guinnessbuch

"Als Daniel Hund dann ausschied, mussten wir schnell reagieren", erklärt Organisator Landwehr die Rettung des Weltrekordversuches. "Die beiden Heidelberger allein weiter reden zu lassen, wäre zu anstrengend für sie gewesen." Schließlich sprang ein Student aus den Reihen des Tübinger Debattierclubs "Streitkultur" ein. Auf den Eintrag im Guinness-Buch haben nun nur noch die Tübinger eine Chance. Für die Bewerbung wurde die gesamte Debatte von Sonntag um sechs Uhr bis Montag um 22 Uhr auf Video aufgezeichnet.

"Inhaltlich haben sich die Redner seit Weihnachten vorbereitet und die Redepositionen festgelegt", erzählt Landwehr. Bei der Rekorddebatte übernahmen die drei Tübinger Studenten die Rolle der "Regierung" und brachten Anträge ein; die Heidelberger schlüpften in die Rolle der Opposition. "Körperlich kann man sich auf so etwas nur vorbereiten, in dem man sich vorher genügend ausruht."

Während die Debattierkultur in angloamerikanischen Ländern eine lange Tradition habe, sei Deutschland in dieser Hinsicht lange ein Entwicklungsland gewesen, sagt Landwehr. "In den vergangenen Jahren haben wir aber aufgeholt." Die Mitgliedschaft im Debattierclub sieht Christoph Krakowiak auch als Vorteil für sein Studium: "Man verbessert seine rhetorischen Fähigkeiten, das bringt einen schon weiter", erklärt der Politikstudent. "Streitkultur" setzt sich sogar dafür ein, dass die Diskussion im Verein für das Studium angerechnet werden kann.

"Man muss schon ein bisschen debattierverückt sein und Spaß daran haben, andere Standpunkte einzunehmen", erklärt Landwehr die Motivation der Redner, die sich regelmäßig zur Diskussion treffen. "Beim Bier nach einer Debatte sind wir dann auf die Idee mit dem Weltrekord gekommen." Der alte Rekord lag bei 34 Stunden Dauerdebattieren – und wurde 2002 ebenfalls von der "Streitkultur" aus Tübingen aufgestellt.

tno/dpa

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH