Live-Rollenspiel im Selbstversuch: Nerd des Gemetzels

Auf in die Schlacht: Für das Jugendmagazin "Spiesser" schlüpft Kai Rieger, 24, in die Rolle eines Fantasy-Charakters. Als Söldner zieht er auf einer fiktionalen Insel mit Siedlern und Rittern umher - und trifft Orks zum Töpferkurs.

Ritter-Rollenspiel: Selbstversuch mit theatralischen Zuckungen Fotos
Marcus Lorenczat

Gemütlich schaukelt mein Bus durch das niedersächsische Flachland. Ich schaue angespannt die langen Alleen hinunter, während Kühe blöde zurückstarren. Nein, ich bin nicht auf dem Weg zum Bio-Bauernhof. Mein Reiseziel ist ein Live-Rollenspiel (LARP) mit dem Namen "Conquest". Auf dem Kontinent Mythodea, einer fiktionalen Insel, werde ich mich mutig unter Tausende Siedler mischen.

Noch weiß ich nicht, was mich dort erwartet und versuche, dem "extra simpel gehaltenen" Regelwerk zu entnehmen, was es mit LARPs auf sich hat. Kurz gesagt: Es handelt sich um ein Spiel, das über mehrere Tage stattfindet und bei dem die Teilnehmer in die Rolle eines ausgedachten Fantasy-Charakters schlüpfen. Ich habe zwar selbst "World of Warcraft" gespielt, aber das hier scheinen neue Dimensionen zu sein.

Kurze Zeit später hält der Bus vor dem Eingang zum "Conquest". Dort begrüßt mich Sid, ein kleiner Mann mit breitem, freundlichem Grinsen - und Waffenladenbesitzer in Mythodea. Im "richtigen Leben" ist er Vertriebsleiter für die hier benutzten Gummiwaffen. Jetzt soll er mich in seinem Laden in der größten Zeltstadt einkleiden. Während wir über das Feld laufen, fühle ich mich unwohl in meinen Alltagsklamotten, denn auf dem Weg begegnen uns allerlei Orks, Männer in Bademänteln (oder Zauberroben?) und im Gleichschritt marschierende Ritter.

Das Gelände besteht aus befestigten Zeltlagern inmitten kleiner Waldstücke, zwischen denen viel Platz zum Kämpfen ist. Als wir die "Stadt" erreichen, ducke ich mich erleichtert in Sids Zelt hinein, denn für meine normalen Klamotten habe ich einige verwirrte Blicke geerntet. Jetzt bekomme ich ein 40 Kilo schweres Kettenhemd übergeworfen, beim Anlegen muss mir Sid helfen. Dazu erhalte ich eine Kettenhaube, einen Helm aus Hartplastik und eine martialisch anmutende Hellebarde, die aber leicht und weich ist, so dass ich niemanden damit verletzen kann.

Theatralische Zuckungen

Mittlerweile ist meine Transformation komplett, aber ich habe keine Ahnung, was ich als Nächstes tun soll. "Ganz einfach: Spielen!", ruft Sid. Da es mir zu blöd wird, tatenlos herumzustehen, fasse ich mir ein Herz und fange an. Ich will meine Stärke beweisen und Aufgaben erfüllen wie Herkules, Siegfried - oder diese Leute im Dschungelcamp. Im Kostüm finde ich das Ganze nicht mehr befremdlich, sondern aufregend. Ab sofort bin ich ein barfüßiger Söldner, der für Ruhm und Ehre kämpft!

Mein Enthusiasmus wird schnell gebremst: In der Stadt fange ich mir sofort Ärger ein, weil ich mich über das kleine Beil eines Hünen lustig mache. Daraufhin will er mich prompt in der lokalen Arena verprügeln. Obwohl das Kämpfen am Anfang seltsam anmutet, gewöhne ich mich schnell daran. Bei einem Treffer zucke ich theatralisch zusammen und nach einem Schlag auf den Kopf werfe ich mich ohnmächtig zu Boden. Danach bin ich schweißgebadet und muss zugeben, dass das Kettenhemd zwar gut aussieht, aber in Kombination mit viel Bewegung meinen Kreislauf in die Knie zwingt. Ziellos wandere ich über die Felder und verspüre kurz Nostalgie für die Zukunft: Ich vermisse mein Handy, meine Armbanduhr und vor allem meine Schuhe. Das alles habe ich in Mythodea nicht, "Außer-Spiel"-Gegenstände sind verboten.

Zurück in der Stadt treffe ich auf Sid, der an einem Zelt lehnt. Er schickt mich zu Meister Flinkfuß, einem Freund von ihm. Dort angekommen, mühe ich mich mit der geschwollenen Pseudo-Mittelaltersprache ab: "Edler Meister Flinkfuß, ich benötige eine Aufgabe, um meine Würdigkeit zu beweisen!" Flinkfuß lacht und wirft mir ein Kupferstück zu: "Geh ins Feuerlager einen Tee trinken!".

Kupfer, Silber und Gold sind hier zwar Spielgeld, können aber auch gegen reale Dinge wie Tee eingetauscht werden. Als ich durch das Tor zum Lager will, hält mich eine Elfin auf und lässt sich meine Arme und Beine zeigen - "wegen der Pest". Dann erst darf ich eintreten. In der Mitte des Lagers brennt eine riesige Feuerschale neben einem Altar aus Pappmaschee. Daneben ist ein großes, schwarzes Zelt aufgebaut. Während ich meinen Tee leere, komme ich unter anderem mit einem Ritter ins Gespräch, der mich zu einem besonderen Event einlädt: einem "Töpferkurs" im Orklager.

Ich sterbe vor dem Zelt

Für einige Silberstücke hat er Gummischädel zum Verkleiden gekauft, mit dem wir Zugang zu dem für Menschen verbotenen Ork-Ort erhalten können. Mein neuer Freund drückt mir ein Bier in die Hand und wir flanieren zum Lager. Auf dem Weg reden wir über LARP im Allgemeinen, aber auch über ganz Alltägliches. Kurz vor unserem Ziel schaltet mein Begleiter sofort wieder in seinen Rittermodus um und begrüßt die Torwachen mit einem "Seid gegrüßt, edle Orks, wir sind hier zum Töpferkurs!".

Der Kurs stellt sich als Schlammcatchturnier inklusive Feuerspuckern und Bauchtänzerinnen heraus. Ich sehe die beste Show meines Lebens, besonders der Kampf "Blondes Biest" gegen "Schwarze Witwe" ist ausgezeichnet. Alle Kämpfer verstehen die hohe Kunst des gespielten Duells und ich genieße die Prügelei in einem eingegrabenen Plantschbecken, beleuchtet vom Fackelschein.

Am Abend schleife ich mich zurück ins Feuerlager, um zu entspannen. Doch das Lager wird angegriffen und ich mitten in das Gemetzel gestoßen. Chancenlos ereilen mich Schaumstoffschwerttreffer, ich sterbe vor dem Zelt. Nach einer Viertelstunde bin ich offiziell tot. Normalerweise könnte ich jetzt einen neuen Charakter spielen, aber dazu bin ich zu erschöpft und gehe schlafen.

Völlig übermüdet komme ich am nächsten Tag nach Hause. Ich habe einen kolossalen Schnupfen und zerfetzte Fußsohlen vom Barfußlaufen. Das erste "Seid gegrüßt, mein Herr!" kam mir schwer über die Lippen, aber der befürchtete Nerd-Schock blieb aus. Außerdem habe ich viele neue Leute getroffen - die ich ohne Plattenrüstung, Schminke und Elfenohren wahrscheinlich nicht wiedererkennen würde.

Von Kai Rieger (Text) und Marcus Lorenczat (Fotos) für das Jugendmagazin "Spiesser"

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