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Coaching-Projekt: "Wie ein großer Bruder"

Von Hannah König

Student trifft Hauptschüler: Nachhilfe, Döner essen, quatschen Fotos
SPIEGEL ONLINE

Jan Philipp und Sefkan: Welten trennen diese beiden, normalerweise hätten sie sich kaum kennengelernt. Der eine ist Arztsohn und Medizinstudent, der andere Migrantenkind und Hauptschüler. Doch das Projekt Rock Your Life brachte sie zusammen. Am Anfang stand ein Missverständnis.

Auf dem Fußballplatz fühlt Sefkan sich wohl. Am liebsten möchte er später einmal Bundesliga-Trainer werden. Als ihm ein paar Studenten in seiner Schule anboten, er könne "einen Coach" bekommen, meldete sich der 16-Jährige sofort. Fußball-Coach, dachte er.

Tatsächlich bekam er Jan Philipp. Der Medizinstudent engagiert sich seit eineinhalb Jahren bei Rock Your Life. Die Bildungsinitiative will sozial benachteiligte Schüler unterstützen, damit sie ihr Potential entfalten können. In den letzten zwei Schuljahren werden sie deshalb von einem dafür ausgebildeten Studenten begleitet, ihrem sogenannten Coach. 2009 von zwölf Studenten gegründet, will das Projekt einen Beitrag zu mehr Chancengleichheit leisten. Inzwischen engagieren sich dafür mehr als 2000 Studenten an fast 30 Standorten.

Nachhilfe, Döner essen, quatschen

Obwohl Sefkan von Jan Philipp auf dem Fußballplatz nichts mehr lernen kann, hat sich der Hauptschüler auf das Projekt eingelassen. Seit eineinhalb Jahren treffen sich die beiden etwa alle drei Wochen. Dann hilft der 27-Jährige seinem Schützling Sefkan bei der Praktikumssuche oder gibt ihm Nachhilfeunterricht. "Meistens gehen wir aber einfach nur Döner essen und quatschen", sagt der Student.

Was ihre Herkunft angeht, könnten die beiden unterschiedlicher nicht sein. Jan Philipp ist in Münster als Sohn eines Arztes und einer Logopädin aufgewachsen. An einem bilingualen Gymnasium machte er sein deutsch-französisches Abitur. Danach ging er für ein Biologiestudium nach Maastricht. Jetzt will er Arzt werden. Jan Philipp ist fast zwei Meter groß, offen und gesprächig.

Sefkan geht seinem Coach nicht mal bis zur Schulter. Er ist ruhig, fast schüchtern. Seine Eltern stammen aus einem kleinen Dorf im kurdischen Teil der Türkei. Mit ihnen und seinen zwei kleineren Geschwistern lebt er in einer Hamburger Hochhaussiedlung. Sefkan macht gerade seinen Hauptschulabschluss, für Naturwissenschaften hat er nicht viel übrig. Sefkan und Jan Philipp kommen aus verschiedenen Welten und doch haben beide zueinandergefunden.

An einem Donnerstag im April besucht Sefkan seinen Coach in dessen Uni-Welt: im Labor am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Dort arbeitet Jan Philipp als HiWi. Sefkan bekommt einen weißen Kittel, blaue Latexhandschuhe und ein paar Sicherheitshinweise. Dann legt der Medizinstudent ein Blatt Papier vor ihn auf den Tisch. "Wir arbeiten mit einer Art Rezeptbuch, wie beim Kuchenbacken", erklärt Jan Philipp. "Es ist eigentlich ganz einfach: Man hat verschiedene Stoffe und die kippt man in bestimmten Mengen zusammen."

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Heute füllen sie Zellen von einem Gefäß in ein neues um, damit sie genügend Platz haben, um weiter zu wachsen. Sefkan kneift die Augen zusammen. Vorsichtig zieht er die rote Flüssigkeit in der Pipette nach oben. Er will genau die richtige Menge erwischen, bloß nichts falsch machen. "Sonst sterben die Zellen", warnt ihn sein Coach.

Fast drei Stunden steht er im Labor und arbeitet voll konzentriert an seinem Versuch. In der Schule hatte er in letzter Zeit Probleme mit den naturwissenschaftlichen Fächern. Er interessiert sich mehr für Sprachen. Doch jetzt ist er plötzlich fasziniert von den biologischen Vorgängen. Warum? "Weil ich hier auch selbst was machen darf", sagt Sefkan.

"Es geht nicht um Druck, wir wollen eine gute Zeit miteinander haben"

Ein Medizin-Studium kommt für ihn trotzdem nicht in Frage. Er möchte lieber Bankkaufmann oder Kfz-Mechaniker werden. Nach seinem Hauptschulabschluss will er die Mittlere Reife machen, eventuell Abitur. Jan Philipp unterstützt ihn dabei, egal, wie Sefkan sich entscheidet. "Wir Coaches sind keine Eltern oder Lehrer. Es geht nicht um Druck oder darum, die Schüler zu steuern", erklärt der Student. "Wir wollen einfach eine gute Zeit miteinander haben."

Nicht immer klappt das so gut wie bei Sefkan und Jan Philipp. Manchmal schläft der Kontakt nach einer Weile ein oder die Schüler haben keine Lust mehr. "Es ist schwierig, sie bei der Stange zu halten", sagt Jan Philipp. Bei ihm und Sefkan hat es einfach gepasst. Beide sind ruhig, umgänglich und sportbegeistert. Vor allem deshalb wurden sie "gematched", also als zueinander passende Partner ausgewählt.

Jan Philipp hat in seiner Schulzeit in der ersten Regionalliga Basketball gespielt. Bei Sefkan bekommt er "das erste professionelle Fußballtraining" seines Lebens. Seit knapp zwei Jahren trainiert der Schüler eine Hamburger Jugendmannschaft. "Du darfst mich nicht zu hart rannehmen, mein Knie ist kaputt", sagt Jan Philipp noch, bevor es losgeht. Aber Sefkan grinst nur.

Auf dem Platz ist Sefkan der Boss

Der Fußballplatz ist Sefkans Welt. Hier ist er der Coach, Jan Philipp sein Schüler. Zusammen mit einem Haufen Zwölfjähriger läuft der Medizinstudent zwischen bunten Hütchen hin und her, macht Liegestützen und Passübungen - alles nach Sefkans Anweisung. Der bunte Haufen ist nur schwer unter Kontrolle zu halten. Alle paar Minuten donnert ein Flugzeug über den staubigen Fußballplatz. Sefkan ruft dann noch ein bisschen lauter. Aber der seltsame Neue, der sie alle um viele Köpfe überragt, sorgt für Aufregung. Jan Philipp steht im Weg, muss seine Muskeln herzeigen. Dann kann er nicht mehr, das Knie macht Probleme. "Faule Ausrede", rufen ihm die Jungs hinterher, als Jan Philipp vom Platz trottet.

Sefkan macht eine kurze Pause, um sich von seinem Coach zu verabschieden. "Und? Wie hab ich mich geschlagen?", fragt Jan Philipp. "Ganz gut", sagt Sefkan und muss wieder grinsen. Jan Philipp reibt sich den Staub von den Händen. "Viel Glück bei deiner Prüfung morgen", sagt er und klopft seinem Schützling auf die Schulter. "Mathe, oder?" Sefkan nickt. "Ich mach heute bestimmt noch die Nacht durch."

Viel mehr Worte brauchen die beiden nicht. Sie verstehen sich, seit eineinhalb Jahren kennen sie sich schon. Das offizielle Coaching ist bald vorbei. Aber die beiden wollen auch danach in Kontakt bleiben. Für sie ist Rock Your Life mehr als nur ein Projekt. "Jan Philipp ist wie ein großer Bruder für mich", sagt Sefkan.

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insgesamt 10 Beiträge
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1. Großartige Idee,
malija 14.05.2013
die hoffentlich viele Nachahmer findet!
2. optional
thommy73 14.05.2013
Endlich wieder maal eine wirklich schöne Geschichte. Danke Jan-Phillip und alle anderen. Ich mache sowas ähnliches - helfe Migranten (wie ich dieses Wort hasse) bei alltäglichen Problemen mit Behörden, versicherungen, etc. Es macht so viel Spaß! Bin mir sicher, aus Sefkan wird noch 'n ganz Großer
3.
lkm67 14.05.2013
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINEJan Philipp und Sefkan: Welten trennen diese beiden, normalerweise hätten sie sich kaum kennengelernt. Der eine ist Arztsohn und Medizinstudent, der andere Migrantenkind und Hauptschüler. Doch das Projekt "Rock Your Life" brachte sie zusammen. Am Anfang stand ein Missverständnis. http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/rock-your-life-studenten-coachen-hauptschueler-a-895728.html
Das ist eine wunderbare Initiative. Es wäre einfach sensationell wenn jeder Neuzugewanderte und jeder der irgendwie aus einem schwierigen Umfeld kommt genau so einen coach zur Seite hätte. Wir hätten bald in der Tat blühende Landschaften in Deutschland - das Potential das diese Idee hat begeistert mich über alle Maßen.
4.
CompressorBoy 14.05.2013
Zitat von lkm67Das ist eine wunderbare Initiative. Es wäre einfach sensationell wenn jeder Neuzugewanderte und jeder der irgendwie aus einem schwierigen Umfeld kommt genau so einen coach zur Seite hätte. Wir hätten bald in der Tat blühende Landschaften in Deutschland - das Potential das diese Idee hat begeistert mich über alle Maßen.
Ich dachte auch: Wow! - und war ganz hin und weg, als ich das las. Dieses Projekt ist ein Augenöffner für alle Pessimisten, warum denn immer nur gegeneinander, wenn miteinander doch so sehr viel schöner ist?
5. Es ist so einfach,
spiegel-legeips 14.05.2013
etwas zu tun. Überlege, ob du besser mit Kindern oder Jugendlichen klarkommst. Nutze deine privaten Kontakte. Gehe zum Kindergarten/ Kita oder Schule oder Pfarrer und frage nach, wer Förderung braucht. Bringe ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis mit. Schau dich bei Big Brother Big Sister um (googeln). Schenke dem Kind deine Aufmerksamkeit, deine Erfahrung, deine Bildung, mach Spaß und Quatsch. Spielt Fußball, flickt einen Zaun, geht in den Zirkus. Einmal die Woche, einmal im Quartal, wie du kannst. Hör nicht auf damit, bleib treu. Lohnt sich für beide Seiten. Keine Ahnung, warum das so Wenige tun - ich finde es toll. Geld ist nebensächlich - man kauft einen Kindersitz für Fahrrad oder Auto, das war es schon.
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