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Rocken für Jedermann: Studenten bringen Luftgitarre zum Klingen

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Auf diese Tüftelei von finnischen Informatikstudenten haben viele langhaarige Helden der Tanzfläche schon lange gewartet: Mit einem speziellen Programm können sie ihre Luft-Riffs jetzt in Töne umsetzen - zum Beispiel den Allzeit-Klassiker "Smoke on the Water".

Anderswo auf der Welt werden die Anhänger von exzessiven Luftgitarren-Soli eher müde belächelt - es sei denn, sie heißen Joe Cocker und legen auf dem Woodstock-Festival eine legendäre Luftnummer hin. In Finnland dagegen haben die Virtuosen der virtuellen E-Gitarre sogar eine eigene Weltmeisterschaft. In der Stadt Oulu wird seit knapp zehn Jahren der Luftgitarren-Weltmeister gekürt.

Die nächste Endrunde des spleenigen Wettbewerbs könnte noch interessanter werden: Denn mit einem Programm, das finnische Informatikstudenten an der Technischen Universität Helsinki entwickelt haben, ist nun möglich, die Luftgitarre zum Kreischen und Jaulen zu bringen.

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Finnische Forschung: Wie die Luftgitarre rocken lernte
Die Hilfestellung funktioniert so: Eine Kamera verfolgt die Handbewegungen der Pseudo-Gitarristen in der Luft und sendet die Daten an einen Computer, der sie dann mit den passenden Riffs unterlegt.

Solo auf drei Saiten

Das Programm erkenne eine große Anzahl an gängigen Handbewegungen, erklärte Student Aki Kanerva. Über ein Fußpedal könne man zwischen zwei Modi wählen: voreingestellten Akkorden oder einem freien Solo auf drei Saiten. Mittels der Akkorde seien auch weniger Begabte in der Lage, mit vier groben Handbewegungen das Intro zum Klassiker "Smoke on the Water" zu spielen - so zumindest demonstriert es sein Mitstudent Teemu Mäki-Patola im Anleitungsvideo zur "Virtual Air Guitar".

Um an dem Instrument zu überzeugen, muss man weder komplizierte Griffe greifen noch Noten lesen können. Lediglich ein Paar orangefarbene Handschuhe muss der Spieler anziehen, bevor er aus Leibeskräften die imaginären Saiten quält - damit die Kamera die Hände besser erkennt. Das System besteht aus einer Videokamera und einem Computer, an den ein Satz Lautsprecher angeschlossen wird.

"Es geht uns nicht darum, echte Gitarren zu ersetzen - das ist unmöglich", sagt Kanerva. "Wir haben lediglich ein Spielzeug erfunden, das vielen Leuten Spaß machen wird."

Die Idee, die Luftgitarre zum Klingen zu bringen, kam den drei Studenten Aki Kanerva, Juha Laitinen and Teemu Mäki-Patola, als sie während ihres Studiums die Aufgabe gestellt bekamen, ein virtuelles Instrument zu entwickeln. "Die Luftgitarre war das Erste, das uns einfiel", sagt Aki Kanerva. Enthusiastisch habe er sich mit seinen Kommilitonen an die Arbeit gemacht - irgendwie ahnten die drei, dass diese Arbeit nicht als trockene Forschungspublikation im Wissenschaftsbetrieb untergehen würde.

Die Luftgitarrenanlage ist noch bis März 2006 im Heureka Wissenschaftszentrum in Helsinki ausgestellt. Das Rock-Spielzeug zog allein im letzten Monat rund 5000 schrammelnde Möchtegern-Gitarristen an. Die meisten Probanden entlockten dem Gerät allerdings nicht mehr als verzerrten Lärm.

Rock'n'Roll-Attitüde wichtig

Besonders Kinder zeigten sich kreativ im Umgang mit dem Programm, erzählt Erfinder Kanerva, sie seien nicht so ängstlich und zurückhaltend dabei, sich gehen zu lassen: "Ohne Rock'n'Roll-Attitüde hat man mit der virtuellen Luftgitarre keinen Spaß."

Die Studenten planen nun eine Version des Systems, die mit einer normalen Webcam und einem handelsüblichen PC kompatibel ist und so den Möchtegern-Rockstars die Möglichkeit gibt, ihre Kunst auch im heimischen Wohnzimmer mit individuellem Klang zu untermalen.

Die Studenten sind überzeugt, dass sie mit ihrer Erfindung viele Menschen glücklich machen werden. "Jeder hätte es verdient, sich einmal im Leben wie ein Rockstar zu fühlen", schreiben sie in ihrer Gebrauchsanleitung.

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