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Salve, Professor Valahfridus: Latein ist tot - es lebe Latein

Von Max Hägler

Ganze Schülergenerationen denken mit Grausen an ihren Lateinunterricht. Hätten sie nur Wilfried Stroh als Lehrer gehabt! Der Münchner Altphilologe liebt und lebt die tote Sprache. Sein Traum: Ein Film über Cicero - die Hauptrolle ist schon vergeben.

Wilfried Stroh ist erbarmungslos. Unter den ausgeprägten Augenbrauen blitzt der Schalk. Den Mund mit dem schmalrasierten Schnurrbart umspielt ein breites Lächeln. Nach ein paar Sekunden prüfenden Blickes ruft Stroh dem verspäteten Gast, der sich in den Gängen der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität verirrt hat, ein fröhliches "Salve" zu. "Sero venis, gaudeo tamen te adesse!"

Lateinbarde aus Leidenschaft: Wilfried Stroh vor rund 15 Jahren als Laiendarsteller in der Rolle des Horaz
Stefan Heigel

Lateinbarde aus Leidenschaft: Wilfried Stroh vor rund 15 Jahren als Laiendarsteller in der Rolle des Horaz

Wer einer lateinischen Konversationsübung von Wilfried Stroh beiwohnt, der sollte besser gleich den Weg finden. Ansonsten bleibt nichts anderes, als freundlich zu nicken, wenn der Gastgeber den Verspäteten mit gut gelaunten lateinischen Sätzen eindeckt, die die Runde zum Lachen bringen.

Wilfried Stroh lebt Latein - so begeistert wie erbarmungslos. Die Medien haben ihn, der selbst seinem Anrufbeantworter einen lateinischen Text gegeben hat, zum "besten Lateinsprecher der Welt" geadelt und ihn zum "Vademecum" einer neuen Lateingeneration ernannt. Und wenn man ihn dieser Tage in seinem Lateinkolloquium besucht oder in seinen zwei mit Literatur vollgestopften Kämmerlein im Souterrain der Universität, dann scheint es, als ob Stroh noch für geraume Zeit seinen Ruf behalten will.

Lingua latina - amor meus

Eigentlich ist der Professor für Klassische Philologie seit nun zwei Jahren emeritiert, Weihnachten ist er 67 geworden. Aber immer noch legt er als Darsteller für Theaterstücke oder das Fernsehen gerne die Toga an, nennt sich weiterhin Valahfridus, und immer noch lehrt Stroh zweimal pro Woche an seiner Heimatuniversität, stets natürlich in der Unterrichtssprache Latein. Sein aktuelles 400-Seiten-Werk "Latein ist tot - es lebe Latein" (List-Verlag) hat es binnen kürzester Zeit zur fünften Auflage geschafft und sogar in die "Spiegel"Bestsellerliste.

Einst hat der Stuttgarter Pastorensohn gar sein geliebtes Latein als Demonstrationsmedium herangezogen. Den selbstgedichteten Protestrefrain "Fornaculam plutonicam Pluto ipse devorato!" (Pluto selbst möge die Plutoniumfabrik verschlingen!) singend, beteiligte Stroh sich in den achtziger Jahren an den Demos gegen die Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf. Und als 1992 der neue Münchner Flughafen eröffnet werden sollte und der Professor und Flugverkehrs-Kritiker Stroh wiederum dermaßen gekonnt die lateinischen Sprache einsetzte, drohte ihm der überforderte Staat letztlich sogar Psychiatrie und Gefängnis an.

In der Übungsstunde geht es dagegen brav zu. Eine Ordensschwester ist unter den zwei Dutzend Teilnehmern, viele ältere Herrschaften, ein halbes Dutzend Studentinnen, die ziemlich blass wirken neben dem dynamischen Professor. Um Horaz geht es, Stroh liest, die Metrik und Phonetik genau beachtend - und es klingt so ganz anders als einst in der Schule.

Bei Ovid war es um ihn geschehen

Der Vers ist zu Ende. Doch nach einem kehligen Lachen redet Stroh weiter auf Lateinisch, ganz so als ob diese Sprache eine lebendige ist und nicht das bloße Seziermaterial, das man als Schüler üblicherweise vorgesetzt bekommt, mit der Forderung, es in Temporal oder Konzessivsätze zu zerlegen.

Als Lehrpraktikant hatte Stroh vor Jahrzehnten in der Schule erstmals die lateinische Konversation probiert - als Maßnahme, um eine lärmende Klasse zu motivieren. Das Experiment damals war erfolgreich, die Klasse war mucksmäuschenstill und begeistert dabei. Auf den Dichter Ovid war er zu der Zeit gestoßen, "und ich habe mich verliebt, das war entscheidend". Nach Promotion und Habilitation erhielt er schließlich mit 36 Jahren den Ruf an die Universität München.

Seitdem kämpft Stroh für sein Latein. "Die Schule an sich ist ein Unglück", meint Stroh zwar, und natürlich sei "sprachwissenschaftlich Latein schon vor 2000 Jahren gestorben", seit Cicero die Sprache perfektionierte und zum Abschluss brachte. "Aber es kommt immer darauf an, was man draus macht!"

"Latein muss lustvoller unterrichtet werden"

Strohs Weg aus der Lateinlangeweile: Terenz statt Cäsar, das Ganze dann noch nahegebracht mittels Tanz, Theater und eben durchs Sprechen, ganz so wie eine normale Fremdsprache. Die klassische Aufteilung in Kommunikationssprache (Englisch) statt Reflexionssprache (Latein) hält Stroh für fatal. "Latein muss lustvoller und weniger formal unterrichtet werden."

Grundsätzlich scheint die Zeit gerade gar nicht schlecht zu sein für Strohs Anliegen. Aus China wird Lateinbegeisterung vermeldet, und auch bei uns scheint der alte Wahlspruch "Latinum ad Latrinam" aus den siebziger Jahren vergessen.

So bekommen Studenten der Uni Halle-Wittenberg seit diesem Semester Bonuspunkte, wenn sie Latein und Griechisch-Kenntnisse nachweisen. Die Landtags-Grünen in Baden-Württemberg haben im November eine Stärkung des altsprachlichen Unterrichts eingefordert. Latein und Griechisch seien Schlüsselfächer der geistigen und demokratischen Tradition Europas.

Ein Film auf Lateinisch

Und das Entscheidende: Beinahe jeder dritte Gymnasiast in Deutschland lernt Latein, 808.000 Schüler sind es derzeit, eine Steigerung um 30 Prozent im Vergleich zum Jahr 2000. Für Stroh ist Latein in der Schule wichtiger denn je. Vor allem erschließe Latein die Tiefe der Weltgeschichte, die letzten 2000 europäischen Jahre, in denen es Welt und vor allem Wissenschaftssprache war.

Auch im Fernsehen erlebten die alten Römer kürzlich mit der Premiere-TV-Serie "Rom" ein aufwändiges Revival. Zur Vorstellung des Mehrteilers war als Experte natürlich Wilfried Stroh geladen. Seine Kritik - etwa an der Umdeutung von Caesars Nichte Atia zur lüsternen Hure - erboste den Produzenten, aber erinnerte Stroh auch wieder ans eigene, kühne Filmprojekt.

Seit zehn Jahren träumt der Professor davon, einen Film über Ciceros letzte Monate zu drehen - auf Lateinisch. Die Frage nach der Besetzung erübrigt sich. Wilfried Stroh lächelt: Cicero wäre die Rolle seines Lebens. Quod est demonstratum!

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Latein-Fans: Die tote Sprache lebt