Satire-Kanzlerkandidatin: "Okay, dann nehmen wir Brüste"

Netter Nebenjob: Die Studentin Samira El Ouassil ist Kanzlerkandidatin der Parteiparodie "Die Partei". Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht sie über ihr "verdammt gutes" Aussehen, den Irrwitz eines CDU-Plakats - und ihre Bewunderung für Joschka Fischer.

Wahl-Weib El Ouassil: "Martin redet, ich sehe aus" Fotos
DDP

Der Bundeswahlausschuss hat sie nicht zur Bundestagswahl zugelassen, dennoch hat die "Partei" von Martin Sonneborn, Leiter des SPIEGEL-ONLINE-Satire-Ressorts SPAM, eine eigene Kanzlerkandidatin. Wir verabreden uns mit Samira El Ouassil in ihrer Heimatstadt München. Dort, im Starbucks am Viktualienmarkt, treffe man die komischsten Leute, sagt sie. Also hin. Allerdings ist dann niemand da. Außer uns. Frau El Ouassil trägt ein weißes Top mit dem Aufdruck "Where is my vote, Wahlleiter?" und trinkt einen Grünen Tee.

SPIEGEL ONLINE: Frau El Ouassil, wir sind ein bisschen in Sorge wegen dieses Interviews, weil Sie doch stets das Gleiche sagen …

El Ouassil: Für Wählerstimmen würde ich alles sagen.

SPIEGEL ONLINE: Genau.

El Ouassil: Was wollen Sie hören?

SPIEGEL ONLINE: Also wir wissen schon, dass Sie eine "politische Marionette" ihres Parteichefs Sonneborn sein wollen, dass Sie "verdammt gut" aussehen, die Mauer wieder aufbauen wollen …

El Ouassil: … klar, zwei Deutschlands sind besser als eines …

SPIEGEL ONLINE: … und dass Sie einen Rock fordern, der durch Deutschland gehen soll.

El Ouassil: Aber da wurde ich falsch zitiert. Es muss doch Ruck heißen, ein Ruck soll durch Deutschland gehen. (lacht)

SPIEGEL ONLINE: Sie fallen aus Ihrer Rolle.

El Ouassil: Tschuldigung, ich muss nur so lachen. Es ist schwierig, sich so viele Sachen zu merken.

SPIEGEL ONLINE: Machen Sie da ein Training?

El Ouassil: Ich hab einen dreimonatigen Workshop gemacht an der Sorbonne zum Thema Lächeln, Winken und weibliche Präsenz in der Politik. Da habe ich viel gelernt über stereotype Rollenklischees und Selbstvermarktung. Die haben mir eingehämmert: "Keep it stupid and simple." Außerdem nie mehr als drei Informationen in einem Satz unterbringen, zum Beispiel dieser Dreiklang: "Da, nah und echt."

SPIEGEL ONLINE: Aha.

El Ouassil: Ist hilfreich, da kann einem nicht so viel passieren.

SPIEGEL ONLINE: Hinter dieser Kandidatinnen-Rolle steckt eine 23-jährige Studentin der Kommunikationswissenschaft - mit einem offenbar schrägen Hobby.

El Ouassil: Moment. Wir nehmen den Wähler mit unserer gesellschaftskritischen Satire doch viel ernster als die etablierten Parteien. Schauen Sie sich doch mal den aktuellen Wahlkampf an: völlig entleert und entpolitisiert. Als einfach nur schöne Kanzlerkandidatin der "Partei" bin ich da die Karikatur dieser Situation.

SPIEGEL ONLINE: Zugleich zersplittert das Parteiensystem mehr und mehr, Mehrheiten werden schwerer zu organisieren sein.

El Ouassil: Die etablierten Parteien sind austauschbar geworden, Splitterparteien wie die Piraten bedienen ein ganz bestimmtes Klientel. Wir sagen immer: Die "Partei" ist die extreme Mitte, links und rechts von uns kann es nichts geben. Das ist die spöttische Reaktion darauf, dass wir diese große extreme Mitte doch schon längst haben. Die bietet aber für politisch Interessierte keine Auswahl. Deshalb sind wir empört über dieses infame und großkotzige Verhalten des Bundeswahlausschusses, der uns und anderen Kleinparteien die Zulassung zur Bundestagswahl verweigert hat.

SPIEGEL ONLINE: Was können die von Ihnen als etabliert bezeichneten Politiker ändern?

El Ouassil: Profil zeigen, Rückgrat haben.

SPIEGEL ONLINE: Das ist doch auch nur so ein Spruch.

El Ouassil: Nein, die Politik braucht Typen, integere Leute. So einer wie Joschka Fischer zum Beispiel, das ist ein echter Typ. Bei Angela Merkel dagegen mangelt es mir an Präsenz, es gibt überhaupt keine klaren Aussagen von ihr, alles ist moderat und verschwommen. Es ist unfair, dass sie sich dem Wahlkampf entzieht. Wie soll ich da entscheiden können, ob diese Partei für mich von Interesse ist?

SPIEGEL ONLINE: Die Union setzt auf die Beliebtheit der Kanzlerin. Bisher funktioniert das ganz ordentlich.

El Ouassil: … aber ein Drittel der Leute bleibt am Wahltag zu Hause.

SPIEGEL ONLINE: Ist das für Sie eine Alternative am 27. September?

El Ouassil: Auf gar keinen Fall.

SPIEGEL ONLINE: Wen werden Sie wählen?

El Ouassil: Das ist meine ganz private Entscheidung, die ich kurz vor der Wahl treffe. Ich lasse wirklich alle Informationen auf mich wirken, die ich von Parteien bekommen kann. Eine große Ratlosigkeit …

SPIEGEL ONLINE: … bei einer Kanzlerkandidatin.

El Ouassil: Das will was heißen.

SPIEGEL ONLINE: Was macht das Studium?

El Ouassil: Ich schreibe gerade meine Masterarbeit zur Kultivierungstheorie, da geht's um verzerrte Realitäten durch zu viel Fernsehkonsum.

SPIEGEL ONLINE: Passt ja perfekt zu Ihrer gegenwärtigen Politik-Karriere.

El Ouassil: Ich hab' in den letzten Monaten mehr über politische Kommunikation und Inszenierung gelernt als in acht Studiensemestern. Gerade die Pressekonferenz für Horst Schlämmer neulich war eine Inszenierung, deren Irrwitz ich in der Theorie so nie hätte fassen können.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?

El Ouassil: Das war die absolute Instrumentalisierung der Hauptstadtjournaille, da saßen 50 echte Reporter vor einem virtuellen Spitzenkandidaten. Und dann kamen noch wir: Eine Partei, die von der überspitzten Inszenierung lebt, stürmt eine Pressekonferenz jener nicht existenten Schlämmer-Partei, die sich aber als Realität inszeniert. Die Grenzen verschwimmen - und diese Situation ist eigentlich ziemlich nah an der eigentlichen Realität von Parteien, die unbewusst weitaus satirischer und irrwitziger agieren, als wir es je könnten.

SPIEGEL ONLINE: Zum Beispiel?

El Ouassil: Na, denken Sie mal an das letzte Plakat von Vera Lengsfeld.

SPIEGEL ONLINE: "Wir haben mehr zu bieten" steht auf dem Plakat der CDU-Frau, die sich gemeinsam mit der Kanzlerin tief dekolletiert zeigt …

El Ouassil: Was soll man denn da noch sagen? Das ist völlig wahllose politische Kommunikation. Bei der Lengsfeld haben die wahrscheinlich einfach überlegt: Was funktioniert? Brüste! Okay, dann nehmen wir Brüste.

SPIEGEL ONLINE: Deshalb treten Sie unter dem Motto "Frau ja, aber schöner" an?

El Ouassil: Klar, im Sinne von Jean Baudrillards Simulationstheorie. Heißt: Parteien sind Simulationen ihrer selbst, die Bilder von ihnen sind entscheidender als ihre eigentliche Wirklichkeit. Und unsere "Partei" ist dann wiederum die Simulation einer Simulation …

SPIEGEL ONLINE: … quasi die Parodie einer Simulation.

El Ouassil: Genau. Erstaunlich, wie nah die "Partei" in dieser Parodie dann an einer etablierten Partei dran ist.

Das Interview führte Sebastian Fischer

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Quassel
Wolfgang Jung 25.08.2009
Zitat von sysopNetter Nebenjob: Die Studentin Samira El Ouassil ist Kanzlerkandatin der Parteiparodie "Die Partei". Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht sie über ihr "verdammt gutes" Aussehen, den Irrwitz eines CDU-Plakats - und ihre Bewunderung für Joschka Fischer. http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/0,1518,643965,00.html
Samira El Quass"e"l sieht verdammt gut aus und scheint auch nicht doof zu sein. Ich fände sie besser als Kanzler(in) als Horst Schlemmer. Achso, gibt es eigentlich noch andere Kanzlerkandidat(inn)en?
2. ein wunderbares interview
ablister 25.08.2009
Zitat von sysopNetter Nebenjob: Die Studentin Samira El Ouassil ist Kanzlerkandatin der Parteiparodie "Die Partei". Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht sie über ihr "verdammt gutes" Aussehen, den Irrwitz eines CDU-Plakats - und ihre Bewunderung für Joschka Fischer. http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/0,1518,643965,00.html
Die Partei, die Partei, die hat immer recht... Danke für dieses wunderbare Interview!
3. Parodie
mikelmik 25.08.2009
Frau Merkel ist doch auch seit fünf Jahren eine Parodie, oder etwa nicht? Sagt mir nicht, dieser ganze Quatsch war real!
4. Amateurin
spitzbube 25.08.2009
Respekt, die Amateurin schlägt die Berufspolitiker um Längen!
5. gähn
paparatzi 25.08.2009
Zitat von sysopNetter Nebenjob: Die Studentin Samira El Ouassil ist Kanzlerkandatin der Parteiparodie "Die Partei". Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht sie über ihr "verdammt gutes" Aussehen, den Irrwitz eines CDU-Plakats - und ihre Bewunderung für Joschka Fischer. http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/0,1518,643965,00.html
Einfach lächerlich für die Partei. Nichts neues unter der Sonne. Geklaute Wahlplakate, geklaute Slogans (HSP,CDU,Iran) - wo bleibt das Hirn ? Für meinen Teil bevorzuge eindeutig den Frontalangriff. http://www.youtube.com/watch?v=HfX6gjdKO-M
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