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Schach mit den Weltbesten: Der ewige Student

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Jan Gustafsson zählt wahrscheinlich zu den schlauesten Langzeitstudenten Deutschlands. Sechs Stunden volle Konzentration? Für Jan kein Problem. Allerdings nur, wenn ein Schachbrett vor ihm steht. Das Lernen von Gesetzestexten fällt dem Schach-Großmeister nicht so leicht.

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Schachspieler Jan Gustafsson: Klickt sich durch 2000 Schachpartien an einem Tag

Jan Gustafsson ist 30 Jahre alt und weiß nicht mehr, wie viele Semester er schon studiert. Irgendwann hat er aufgehört zu zählen. Er müsste inzwischen mehr als 20 Semester auf der Uhr haben, denn seine Zwischenprüfung in Jura hat er vor neun Jahren bestanden. "Manchmal frage ich mich schon, ob ich alles richtig gemacht habe", sagt Jan. "Ich könnte jetzt Richter sein."

Jan ist seit elf Jahren Jurastudent - und seit sieben Jahren Großmeister im Schach. Er gehört zur erweiterten Weltspitze, belegt unter den aktiven Spielern derzeit Rang 95 laut Weltrangliste des Verbandes Fide; sogar den ehemaligen Weltmeister Wladimir Kramnik hat er einmal geschlagen. In Deutschland gibt es nur drei Schachspieler auf seinem Niveau und noch weniger Turniere, die ihn reizen. Er reist viel, vor zwei Wochen spielte er in Gibraltar, Anfang März fährt er zur Europameisterschaft nach Kroatien, im April spielt er für die deutsche Nationalmannschaft in Vietnam.

Jeden Montag klickt Jan Gustafsson sich durch rund 2000 Schachpartien, die Profis in der Vorwoche gespielt haben, irgendwo auf der Welt. Bis zu sechs Stunden kann ein Spiel dauern. Jeder Zug wird transkribiert in Buchstaben und Zahlen, die den Figuren und den Feldern des Schachbretts zugeordnet sind. Lc8 - a6 bedeutet zum Beispiel, dass der Läufer vom Feld c8 auf das Feld a6 gezogen ist. Ein Programm namens "Chess Base" bewegt anhand dieses Codes virtuelle Schachfiguren auf Jans Laptop und lässt ihn so die Partien nacherleben.

Über eine Million Schachpartien im Archiv

Jan braucht nur Sekunden, um zu erkennen, ob ein interessanter Zug für ihn dabei ist. Die spannendsten Partien kopiert er in seine private Datenbank, versehen mit Ausrufe- und Fragezeichen für besonders vielversprechende oder eher aussichtslose Züge.

Mehr als eine Million Schachpartien hat Jan schon gesammelt. Sobald er weiß, wer bei einem Turnier sein nächster Gegner sein wird, durchforstet er seine Datenbank nach dessen Taktiken, versucht, möglichst viele Züge vorherzusehen und eine Strategie zu entwickeln. Ganze Nächte verbringt er vor dem Laptop, denn die Liste der Gegner wird in der Regel erst am Abend vor dem Turnier veröffentlicht.

Die weltbesten Spieler beschäftigen sogenannte Sekundanten; die übernehmen die nächtliche Recherche. Im vergangenen Jahr war Jan Sekundant von Peter Leko, Platz zwölf der Weltrangliste. "Ich habe viel gelernt, aber auf Dauer ist das nichts für mich", sagt Jan, "ich will selbst die Lorbeeren ernten."

Beim Schachturnier in Gibraltar, Jans erstem offenen Wettkampf in diesem Jahr, verpasste er den Hauptgewinn von 17.000 Euro nur knapp. 5000 Euro für elf Tage Schach spielen waren schließlich sein Lohn. Startgeld, Anreise und Übernachtung zahlte er selbst. "Offene Turniere sind immer ein Risiko", sagt Jan. "Man kann viel gewinnen, aber wenn man Pech hat, zahlt man drauf."

Noch nie eine Bewerbung geschrieben

Mit Glücksspiel kennt sich der 30-Jährige aus. Er hat jahrelang neben Schach auch Poker gespielt und sogar ein Lehrbuch darüber geschrieben. Die Zeit der großen Gewinne im Poker sei aber vorbei, sagt Jan. "Und ich hab' auch keinen Bock mehr." Er wolle jetzt lieber richtig durchstarten im Schach, sich bis in die Top 30 vorarbeiten. Um richtig fit zu sein, hat er auch mit dem Rauchen aufgehört und stemmt Gewichte.

In den Interviews, die man von ihm im Internet findet, hatte er immer gesagt, wie faul er sei, wie gern er lange schlafe, wie ungern er trainiere. Mit dem 30. Geburtstag im vergangenen Juni kamen die Selbstzweifel. Jan hat noch nie eine Bewerbung geschrieben, noch nie in einem Vorstellungsgespräch überzeugt, sich noch nie bei einem Praktikum beweisen müssen.

Mit elf Jahren trat er in den Hamburger Schachclub ein. Erst gewann er gegen den Vater, dann gegen die Freunde aus dem Schachclub, irgendwann gegen die Trainer. Früh wurde er deutscher Mannschafts- und Einzelmeister in den Jugend-Altersklassen. "Vielleicht wäre es besser gewesen, ich hätte nicht immer gewonnen", sagt Jan.

Vor ein paar Monaten hat er den Verein gewechselt. Er spielt jetzt für die Ooser Schachgesellschaft Baden-Baden, sie hat die besseren Spieler und zahlt wohl auch mehr. Schachspieler bekommen für jedes Bundesligaspiel Geld von ihrem Verein, egal, ob sie gewinnen oder verlieren. Das ist wie beim Fußball, mit einem Unterschied: Jan spielt nicht nur in der deutschen Bundesliga - er gehört auch einem österreichischen sowie einem spanischen Club an und spielt dort in den Ligen.

"Ich werde nie etwas anderes so gut können wie Schach"

Jetzt sitzt er da mit einer Plastikzigarette in der Hand, einem sogenannten Nikotininhalator, der ihm den Abschied vom Rauchen erleichtern soll, und sagt, es sei schade, dass er nie etwas anderes so gut können werde wie Schach.

"Ich war mal richtig gut in Jura", sagt Jan. Dann bekam er ein Erasmus-Stipendium und zog nach Madrid. Da saß er dann in seiner Einzimmerwohnung und langweilte sich. Und bevor er neue Freunde an der Uni finden konnte, war der Schachcomputer schon sein bester Freund geworden. Statt in den Hörsaal zog es ihn schließlich in den spanischen Schachverein.

Für Jura habe er sich nach dem Abitur entschieden, weil ihm nichts besseres eingefallen sei, sagt Jan. "Studieren gefällt mir schon gut, ich beschäftige mich nur zu wenig damit." Irgendwas mit Finanzen, das wäre vielleicht noch eine Idee für die Zukunft. Ein Wechsel von Jura zu BWL zum Beispiel. Als Schachspieler sei er ja schließlich auch sein eigener Manager.

Und als sein eigener Manager will sich Jan jetzt mal kümmern - um eine eigene Homepage, einen Werbevertrag, einen Sponsor, viele Einladungen zu offenen Turnieren. Und vielleicht auch um einen Uni-Abschluss.

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