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Schwedischer Uni-Sex: Wir sind so frei

Von , Stockholm

Stockholms Studenten können diese Woche an "Sextagen" teilnehmen - mitten auf dem Campus. Die Veranstalter locken mit Vorträgen über Pornos und den weiblichen Orgasmus, mit Dildo-Ständen und Gleitcreme-Pröbchen. Schockierend oder typisch schwedisch?

An der Stockholmer Universität hängen immer viele Plakate. Dieses eine aber sticht sofort ins Auge. Auf dem knallroten Plakat wimmelt es von Busen, Händen, Füßen, Handschellen, Stiefeln, und in schwarzer Schrift steht dick und fett: "Sexdagarna". Zu Deutsch: die Sextage.

Der Blick der Italienerin Anita Boffano bleibt direkt daran kleben. "Die wollen schockieren", ist ihr erster Gedanke. Der zweite: "Oh, das ist typisch schwedisch. Es ist alles so frei und offen hier."

Anita, 21, geht an diesem Nachmittag wie gewohnt zur Uni, nur wechselt sie diesmal das Fach - den Schwedischkurs lässt sie sausen und setzt dafür Sex auf die Agenda. Die Themen heute: "Männer, Sex und zur richtigen Zeit kommen", "Fragen und Antworten zu Sex und Spielzeug", "Der Porno rettet die Welt", "Beziehungsanarchie - so funktioniert das", "Gespräch über Asexualität" und "Gesichter des weiblichen Orgasmus". Am Montag und Mittwoch sprechen Experten über andere Themen. Um "Poly - Alltag mit mehreren Partnern" beispielsweise. Oder "Tipps zum Analsex".

Shocking? Darum geht es den Veranstaltern nicht. "Wir wollen informieren", erklärt die 27-jährige Projektleiterin Carolina Orre die Absicht der 14 Unternehmen und gemeinnützigen Organisationen, die an der Messe teilnehmen. Über Safer Sex. "Außerdem wollen wir Dinge normalisieren und Tabus brechen. Niemand soll sich schämen oder unnormal fühlen, nur weil er bestimmte Sexpraktiken bevorzugt", so Orre.

Kupferstiche mit kopulierenden Paaren

Nicht schmuddelig, sondern seriös sollen die Stockholmer Sextage also sein. Auch wenn auf den ersten Blick das Anrüchige überwiegen mag: Aus den geöffneten Türen des Sextempels schlängeln sich zarte Fäden von zahlreichen Räucherstäbchen durch die Luft. Gedämmtes Licht, weinroter Teppich, schwere, dunkelrote Vorhänge, Kupferstiche von kopulierenden Menschen und Skulpturen von zwei, drei oder vier Männern und Frauen in den unmöglichsten Positionen.

Ob schlüpfrig oder nicht - die Sexmesse hat es an die Stockholmer Uni geschafft, und das schon zum vierten Mal. Die Uppsaler Universität wird in diesem Jahr entjungfert: Im November ziehen die Sextage zum ersten Mal dort ein. Am liebsten würde Projektleiterin Orre die Tage allerdings in ganz Schweden verbreiten. Die Gespräche laufen.

An der Stockholmer Uni hat der Universitets Studentkår die Türen geöffnet. Die Studentenvertretung, ähnlich wie der Asta an deutschen Hochschulen, hat einen Saal im so genannten Allhuset auf dem Campus gemietet, den die Veranstalter für drei Tage in ein Sexparadies verwandelt haben.

Paradies hin, Räucherstäbchen her, die Veranstalter wollen nichts verschleiern: Sex birgt Risiken, und über die informiert Malin Drevstam von Sesam, einer Einrichtung des Stockholmer Provinziallandtages. "Die meisten durch Geschlechtsverkehr übertragbaren Krankheiten treten in der Altersgruppe der Studenten auf. Mit den Sextagen erreichen wir die jungen Leute." Einige Studenten kommen aber nicht aus Angst vor einer Krankheit, sondern aus Sorge um ihr Sexleben. "Sie sind oft so fokussiert auf ihr Studium, dass ihnen die Lust am Sex vergeht", sagt Malin Drevstam.

Lernziel: Let's talk about Sex

Das wiederum ist Marika Smiths Steckenpferd. Sie hat ihre Schätze einen Stand weiter ausgebreitet - Dildos, Vibratoren, Haarbürsten, Gleitmittel. Ihre Profession: sexuell inspirieren. Ihre Zielgruppe: genau die Studenten, von denen Drevstam spricht. Es trauen sich allerdings nicht so viele an ihren Stand. "Wenn Du einen Dildo in der Hand hast, ist es ziemlich offensichtlich, um was es geht."

Die Schweden scheinen die Sextage insgesamt ziemlich gelassen zu nehmen. Es ist eben alles ganz frei und offen hier, wie die 21-jährige Italienerin Anita beim Anblick des Posters gedacht hat. Projektleiterin Orre sieht das allerdings anders: "Ich denke, es gibt viele Schweden, die die Sexmesse nicht in Ordnung finden. Sie würden es aber nie sagen. Denn das ist nicht die schwedische Art. Austauschstudenten sind da viel offener." Es inspizierten schon ausländische Studenten ihren Stand und verkündeten: "Du solltest nicht sicheren Sex haben, du solltest überhaupt keinen Sex haben."

Und dann steht da tatsächlich eine Dame, Mitte fünfzig, schwer beladen mit Einkaufstüten, laut schimpfend an einem Stand. Bei genauerem Hinhören wird aber deutlich, dass die Frau sich nicht über die Sexmesse mokiert, sondern über einen Mitarbeiter: Sie will mehr kostenlose Gleitmittel mitnehmen, als er 'rausrückt.

Gleitmittel hat sich die Italienerin Anita nicht eingesteckt. Aber die haben sie auch nicht zu den Sextagen gelockt. Es war mehr der Wunsch, ein Tabu zu brechen. "Jedes Mal wenn man über Sex redet, wird es einfacher. Das macht es leichter seine Wünsche, Ängste und Sorgen zu äußern", sagt Anita. Damit wäre das Klassenziel erreicht.

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Provokation in Stockholm: Sexmesse an der Uni